Wohin mit den Überkapazitäten?

Daniel Mund
Chefredakteur
Hier war die Politik mal richtig fix: Kaum war in Medien zu hören, dass der Milchpreis unter die 20 Cent-Marke fällt, reagiert der Landwirtschaftsminister und verspricht Steuererleichterungen und günstige Kreditbürgschaften für die Milchviehhalter. Die Reaktion der Betroffenen ließ nicht lange auf sich warten: Der entsprechende Verbandssprecher hält das nämlich für „völligen Quatsch“.

Der Bund der Milchviehhalter fordert dagegen 30 Cent für jeden Liter Milch, der nicht produziert wird. Bei diesen Entwicklungen ging mir nur durch den Kopf: Vielleicht ist es doch ganz gut, dass unsere Branchen nicht so „systemrelevant“ sind wie die Landwirtschaft – offensichtlich kommt nichts Gutes heraus, wenn der Staat versucht, Überkapazitäten politisch zu lösen. Damit werden die Probleme nicht wirklich an der Wurzel gepackt.

Mit der Milch verhält es sich wie mit Fenstern und Türen: Kapazitäten werden und wurden im Inland genauso wie im Ausland ausgebaut – und daraus folgt dann eine Preisbildung, die mit dem Verbraucher eigentlich nicht viel zu tun hat. Betrachtet man nur das Inland, so ist laut aktueller VFF-Branchenstrukturanalyse die Produktionskapazität noch einmal deutlich angewachsen (2015: 17,3 Mio. ; 2011: 16,3 Mio. Einheiten). Die tatsächliche Produktion beträgt 12,5 Mio. Fenstereinheiten, woraus sich eine Auslastung von 72 Prozent ergibt. 2007 waren das noch gut 80 Prozent. Was tun?

Als Lösungsansatz fällt mir dazu ein Gespräch mit Josef Freisinger (Freisinger Fensterbau; Passivhaus-Fenster) ein, der mir auf die Frage, ob man in der Preisdiskussion mit dem Standard-Anbieter konkurriere, geantwortet hat: „Wir kommen hier mit Produkten aus Polen nicht in Konflikt.“ Er bekennt aber auch: Es sei immer noch mitunter schwer, den eigenen Verkäufern zu vermitteln, dass man kein Standardfenster verkaufen möchte, die das ganz automatisch dem Kunden offerieren würden.

Andere Möglichkeit: Man könnte aber auch wieder bei der Politik anklopfen und denen eine neue Technologie als „systemrelevant“ für die Energiewende verkaufen – wie es die Autolobby mit Ihren E-Autos getan hat. Wenn man dann genügend Lobbyisten in Berlin bei Merkel und Gabriel positioniert hat, klappt es bestimmt auch mit der (fragwürdigen) Produktsubvention durch den Staat.

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