GLASWELT Ausgabe: 03-2019

Es gibt immer wieder Diskussionen zum thema Befestigung von Markisen

Eigentlich sollte alles geklärt sein


Die Richtlinie für Beratung, Verkauf und Montage wurde im November 2018 herausgebracht und stellt die anerkannten Regeln der Technik dar.

Die Richtlinie für Beratung, Verkauf und Montage wurde im November 2018 herausgebracht und stellt die anerkannten Regeln der Technik dar.

Mit den Neuerungen in den Neufassungen der Markisen- (DIN EN 13561) und der Rollladen-Normen (DIN EN 13659) aus 2015 ist viel neuer technischer Input auf die Industrie und Fachbetriebe zugekommen. Die Einhaltung einer harmonisierten Europäischen Norm bietet Herstellern und damit auch den Auftragnehmern, die deren Produkte beziehen, zuerst einmal den großen Vorteil, dass in diesem Fall mehr oder weniger automatisch davon ausgegangen werden kann, dass die grundlegenden Anforderungen der entsprechenden Normen und Richtlinien erfüllt sind, auf die sich die jeweilige Norm bezieht. So weit so gut. In der Praxis und damit in der realen Welt sieht es momentan leider etwas anders und vor allem unterschiedlich aus.

_ Grundsätzlich müssen eigentlich nur folgende Bedingungen erfullt sein, damit die Konformitätsvermutung in der R+S Branche zum Tragen kommen kann:

Es gibt eine harmonisierte Europäische Norm.

Die Norm wurde in mindestens einem EU-Mitgliedstaat umgesetzt.

Die Norm wurde im europäischen Amtsblatt (OJEU) öffentlich bekanntgemacht.

Das kann bzw. sollte natürlich kein Freibrief für die Branchenakteure sein, einfach munter drauflos zu planen, herzustellen, zu liefern und zu montieren, frei nach dem Motto, Hauptsache ein CE-Zeichen ist drauf und gut ist es.

Der Auftragnehmer als Fachunternehmer hat hier gegenüber dem Auftraggeber eine Pflicht, regelmäßig zu überprüfen, ob die Anforderungen des Auftraggebers und die allgemein anerkannten Regeln der Technik bezüglich Produkt „und“ Montage eingehalten werden. Das umfasst neben den mitgelieferten Begleitpapieren der entsprechenden Produkte natürlich auch die Befestigungstechnik.

Alles klar oder etwa nicht?

Und genau hier liegt seit März 2017 eine gewisse Problematik und damit auch eine große Verunsicherung bei der Erstellung der erforderlichen Begleitpapiere und dem CE-Zeichen. Nehmen wir einmal eine Gelenkarmmarkise mit Motor, so muss hier bei der Erstellung der Konformitätserklärung (nach Maschinenrichtlinie) der Normenstand der DIN EN 13561:2015 zugrunde gelegt werden. Bei der Leistungserklärung hingegen, muss der Normenstand DIN EN 13561:2009 angewendet werden. Das betrifft insbesondere die mandatierte Eigenschaft Wind und die Angabe der daraus resultierenden Windwiderstandsklassen. Eine CE-Zertifizierung, zwei anzuwendende Normen, das ist schon für so manchen Hersteller nicht so ganz einfach zu verstehen, aber momentan die blanke Realität.

Der Fachbetrieb wird diesem Thema fast immer hinterherlaufen, da er in der Regel in die Veränderungen der Normenprozesse nicht aktiv eingebunden und damit auf klare Informationen seiner Vorlieferanten angewiesen ist.

Eine kurzfristige Entscheidung der zuständigen Personen in der europäischen Kommission wegen Diskussionen um die Windwiderstandsklassen ist zumindest bei der DIN EN 13561 (Markisennorm) nicht so schnell zu erwarten, da hier ein sogenannter „delegierter Akt“ notwendig wird, um die Änderungen von der EU absegnen zu lassen. Es sollte also herstellerseitig darauf geachtet werden, dass die aktuellen formellen Vorgaben der Normung auch eingehalten werden. Einen Bezug auf die 2015-Version der Normen bei der Leistungserklärung ist ausdrücklich nicht erlaubt und kann sogar mit einem Bußgeld belegt werden. Was fur die Markisennorm gilt, hat seine Gültigkeit übrigens auch bei der DIN EN13659 fur Rollläden, Abschlüsse und Außenjalousien.

Fünf Hersteller, fünf Angaben zur WWK

Haben das Thema Konformitätserklärung alle Hersteller weitestgehend im Griff, so gibt es bei der Leistungserklärung durchaus sehr unterschiedliche Herangehensweisen bei der Betrachtungsweise, wie eine WWK (Windwiderstandsklasse) aktuell in der Leistungserklärung anzugeben ist. Besonders interessant sind da z. B. die Hersteller, die auf ihren aktuellen CE Zeichen und Leistungserklärungen von ZIP-Anlagen oder seitensaumgeführten Wintergartenmarkisen die Klassen 4-6 angeben, die in der Normenfassung von 2009 überhaupt nicht vorhanden sind. Hier wird also ganz eindeutig und bei der aktuellen Informationslage durch Verbände, Presse etc. vorsätzlich gegen geltende Regeln verstoßen.

Eine weitere inzwischen beliebte und von so manchem Prüfinstitut geduldete Vorgehensweise ist die Tatsache, ZIP-Anlagen nach der Rollladennorm prüfen zu lassen und darüber eine WWK zu ermitteln. Auch hier liegt ein Beugen der aktuellen Regeln vor, da ZIP-Anlagen als seitensaumgeführte Markisen eindeutig der DIN EN 13561 und damit nicht der 13659 zugeordnet sind. ZIP-Anlagen müssen deshalb momentan auf der Leistungserklärung und dem CE-Zeichen mit der Windwiderstandsklasse 0 ausgewiesen werden. Erst mit einer Einsatzempfehlung Wind durch den Hersteller selbst, wird die Belastbarkeit des Produktes definiert.

Eine Vorgehensweise, die im Bereich der Raffstoren gängige Praxis ist. Warum der ein oder andere Hersteller, obwohl er beide Produkte herstellt, hier unterschiedlich verfährt ist nicht unbedingt nachzuvollziehen.

Der IVRSA hat aus den vorgenannten Gründen „Einsatzempfehlungen Wind“ für ZIP-Systeme (und Raffstoren) erstellt, um genau diesen unschönen Erscheinungen entgegenzuwirken.

Auf Kosten der Fachbetriebe?

Man kann nur vermuten, woran es liegt, dass Hersteller so unterschiedlich bei den Begleitpapien ihrer Produkte vorgehen. Naheliegend könnte es sein, dass sich die Marketingabteilungen gegenüber der Technik durchsetzen, um hohe Katalogwerte anzugeben und damit den Wettbewerb übertrumpfen zu können. Der Fachhändler bleibt dabei auf der Strecke, da er in der Regel davon ausgeht, dass sein Vorlieferant korrekt liefert und dokumentiert. Kommt es aus irgendeinem Grund zu einem Problem mit dem Produkt, ist der Fachbetrieb der rechtliche Ansprechpartner. Und dann ist nichts mehr so richtig klar.—

Olaf Vögele

  • Der aktuelle Abruf des europäischen Amtsblattes zeigt mit Datum vom 9.3.2018 sehr deutlich, dass der Normenstand EN 13561:2004/2008 bei der Erstellung der Leistungserklärung von Markisen und Abschlüssen heute anzuwenden ist.

  • Wenn es um die Konformatitätserklärung geht, gilt hingegen die Ausgabe EN 13561:2015, die seit dem 1.3.2017 anzuwenden ist.

  • Die Richtlinien wurden komplett überarbeitet, die Zeichnungen und Berechnungen sauberer dargestellt. Damit ist jeder in der Lage, die Auszugskräfte pro Befestigungsmittel von Hand zu berechnen und so für jede Situation eine Lösung zu finden.

Foto: EUR-Lex

Foto: EUR-Lex

Foto: IVRSA

Foto: IVRSA

Literatur

  1. Teil: Eigentlich sollte alles geklärt sein
  2. Teil: Die Karten sind neu gemischt, um so mehr gilt es, sich beim Befestigen mit den ETA-Zulassungen zu beschäftigen
  3. Teil: Die CE-Zertifizierungen sind klar geregelt
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