GLASWELT Ausgabe: 05-2019

Der Kommentar

Ich habe keine Zeit …

Olaf Vögele
Seit über 30 Jahren ist der Sachverständige und Journalist in der R+S Branche weltweit tätig und damit ganz dicht am Puls der Zeit. 

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Gastkommentar: glaswelt@glaswelt.de

Olaf Vögele

Seit über 30 Jahren ist der Sachverständige und Journalist in der R+S Branche weltweit tätig und damit ganz dicht am Puls der Zeit.

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Gastkommentar: glaswelt@glaswelt.de

Die Wirtschaft floriert, die Auftragsbücher sind voll und Handwerker ein rares Gut. Sogar von Auftragsablehnungen wird bereits gesprochen. Fast die gleichen Zustände, als wenn man beim Augenarzt einen Termin haben möchte. Unter drei Monaten geht bei so manchem Handwerker gar nichts. Hört man ganz genau in die Branche, so erkennt man ein massives Zeitproblem der Akteure. Denn der Kunde ist da sehr oft äußerst unnachgiebig, denkt auf dem Niveau von Amazon Prime – abends bis 18 Uhr bestellt und morgens wird geliefert. Was bedeutet nun der Faktor Zeit? In der Herstellung von Produkten und unter Anwendung von Industrie 4.0 sicherlich ein sehr kalkulierbarer Faktor. Aufträge werden geplant und ausgeführt, Materialzuflüsse automatisch ausgelöst und Liefertermine eingehalten. Gibt es Probleme, werden sie analysiert, die Zuständigkeiten delegiert und nach Erledigung zurückgemeldet. Fehler werden abgestellt.

Was bedeutet Zeit im Handwerk? Sie hat eine andere Dimension. Nehmen wir z. B. die R+S Branche. Hier werden überwiegend teilfertige oder fertige Elemente verkauft und montiert. Der Fokus liegt also auf der Beratung und Montage. Der Betriebsinhaber als Verkäufer, Aufmaßtechniker, Arbeitsvorbereiter, Monteur und Buchhalter ist sozusagen Mädchen für alles und hat einen erfüllten Tag. Sein Standardspruch lautet deshalb zu oft: „Ich habe keine Zeit“. Was hat es für Konsequenzen für ihn? Die meisten laufen ständig ihren Terminen hinterher, arbeiten 16 Stunden am Tag und produzieren mit der Zeit bemerkt oder unbemerkt immer mehr Fehler. Zahlungseingänge verlaufen wegen häufiger Reklamationen oder nicht abgeschlossenen Aufträgen schleppend und trotz guter Auftragslage läuft es kaufmännisch nicht immer so gut. Zu wenig Zeit bedeutet aber auch, sich nicht um die Fehler in den Abläufen kümmern zu können, deshalb kompensiert man es lieber mit neuen Aufträgen, denn die bringen frisches Geld. Natürlich fühlt sich davon keiner angesprochen, denn schließlich brummen die meisten Läden zur Zeit. Der Wendepunkt wird aber genau dann eintreten, wenn die Auftragslage nur ein wenig schlechter wird. Dann wird es schwieriger, neue Umsätze zu generieren und die aufgetretenen Löcher zu stopfen. Die Erfahrungen zeigen, dass zu viele Betriebsinhaber selbst jetzt nicht erkennen, wo sie stehen, Fehler nicht abstellen können und deshalb in finanzielle Schieflage geraten.

Aber es gibt noch weitreichendere Faktoren. Keine Zeit bedeutet, sich nicht um Aus- und Weiterbildung zu kümmern. Wenn ausgebildet wird, keine Zeit für die Ausbildung zu haben. Die Konsequenz: Kein Nachwuchs und eigenes gefährliches Halbwissen, die zu Fehlern führen. Die Quelle dazu: Gutachten, Gutachten, Gutachten.

  • zurück
  • Druckansicht
  • Versenden

Weitere Artikel zum Thema

GLASWELT-Newsletter

Ja, ich möchte folgenden Newsletter abonnieren:

GLASWELT-Newsletter
» Weiter Informationen zum GLASWELT-Newsletter
Kommentare

Ich habe keine Zeit …

Die Wirtschaft floriert, die Auftragsbücher sind voll und Handwerker ein rares Gut. Sogar von... mehr

Alle Kommentare

Seite drucken