GLASWELT Ausgabe: 11-2019

Die Bauentwicklung und die Auswirkungen auf den Fenstermarkt

„Der Neubau wird 2020 seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen“

Martin Langen hat als Geschäftsführer von B+L Marktdaten auf den Rosenheimer Fenstertagen im Oktober die neuesten Untersuchungsergebnisse und Marktprognosen zur Bauentwicklung und deren Auswirkungen auf den Fenstermarkt dargestellt. In diesem Beitrag beschreibt B+L–Studienersteller Marcel Dresse, dass der deutsche Baumarkt bald seinen Zenit überschreiten wird und warum das sogar positive Auswirkungen für den Fenstermarkt haben wird.

  1. Teil: „Der Neubau wird 2020 seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen“
  2. Teil: Neubaumarkt im Rückwärtsgang – gut für die Branche

_ Die B+L berechnet für alle Länder der Welt die Entwicklung des Bauvolumens. Dies ist die Basis für die Absatzprognosen der Bauzulieferindustrie, wie beispielsweise die Fensterhersteller. Was für die globale Wirtschaft schon seit einigen Jahren gilt, zeigt sich auch in der Bauwirtschaft: Die asiatischen Märkte gewinnen zunehmend an Bedeutung. Längst lässt sich von einer Bauentwicklung der zwei Geschwindigkeiten sprechen. Einstellige Wachstumsraten in Europa, zweistelliges Wachstum in Asien.

Nachfrage und Produktion – Pivot to Asia?

Diese Entwicklung hat zwei Facetten: Von 2012 bis 2018 ist das Bauvolumen in Asien um über 500 Mrd. Euro gewachsen. Dieser Zuwachs ist so groß, wie das gesamte Bauvolumen in Südamerika und Osteuropa zusammen. Bis 2024 gehen wir davon aus, dass der Zuwachs in einer ähnlichen Größenordnung liegen wird. Ein starkes Bevölkerungswachstum und Urbanisierungsprozesse steigern den Wohnraumbedarf, sodass die Bauinvestitionen Jahr für Jahr steigen. Dabei geht die positive Entwicklung in Wohnbau, Infrastruktur und Nichtwohnbau stets miteinander einher, sodass alle Sektoren profitieren.

Zum anderen verlagern sich Produktionsprozesse nach Asien, wenngleich dies nicht für alle Produkte und Bereiche gilt. Was bei Stahl aus China schon lange ein Thema ist, gewinnt auch bei Glas an Relevanz. Die Produktion von Floatglas ist in China beispielsweise in den vergangenen Jahren aufgrund einer gestiegenen Inlands- und Auslandsnachfrage deutlich gewachsen.

Aktuell beträgt die Produktion von Floatglas in China ca. 1,2 Mrd. m² pro Jahr und liegt damit deutlich über den europäischen Produktionsmengen. Die tatsächlichen Kapazitäten der chinesischen Produktionsanlagen dürften jedoch noch deutlich höher liegen. Es wird geschätzt, dass diese aktuell erst zu ca. 60 Prozent ausgelastet sind.

Bezogen auf die EU-Gesamtimporte aus China überwiegt aktuell Einscheibensicherheitsglas (ESG) mit einem Anteil von 88 Prozent an den Gesamtimporten. Zukünftig dürften Verbundsicherheitsglas (VSG) und Isolierglas jedoch bei den Importen an Bedeutung gewinnen, denn die Importe beider Produkte sind seit 2015 im hohen zweistelligen Bereich gewachsen. Die großen Mengen an ESG, die aus China nach Europa gelangen, tauchen z. B. als Ganzglastür in den deutschen Baumärkten auf. Hier dürfte im Jahr 2019 kaum noch eine Ganzglastür aus deutscher Produktion stammen.

Ausblick auf die europäische Bauwirtschaft

In Europa sind in der Entwicklung besonders Länder wie die Türkei, Polen, Schweiz und Schweden auffällig. Der Wohnungsbau in der Türkei leidet 2019 sehr stark unter den extrem hohen Zinsen. Auch wenn der Wohnungsbedarf weiterhin hoch bleibt, sind der Wohnungsverkauf und der Wohnungsbau um 30 Prozent eingebrochen. Bei Zinsen über 20 Prozent lassen potenzielle Käufer mit genügend Eigenkapital ihr Geld auf der Bank liegen. Erst wenn die Zinsen, wie angekündigt, unter 10 Prozent fallen, wird wieder Bewegung in den Markt kommen.

Die polnische Bauentwicklung ist stabil und hat von einer in Deutschland wenig beachteten Seite zusätzliche Nachfrage erhalten: In den vergangenen Jahren sind über 1,2 Mio. Ukrainer nach Polen gekommen. Viele von ihnen arbeiten im boomenden Bausektor. Sie ersetzen die vielen polnischen Fachkräfte, die auf Baustellen in Deutschland oder England ihr Geld verdienen.

Genau das Gegenteil ist in der Schweiz zu beobachten. In einer Volksabstimmung haben die Schweizer entschieden, die Zuwanderung zu reduzieren. Auch wenn diese lediglich von rund 80 000 Netto Einwanderern 2016 auf 45 000 in 2018 zurückging, sinken in großen Teilen der Schweiz die Mieten. In der Folge wird der Wohnungsbau in den Jahren 2020/2021 zurückgehen. Eine ähnliche Entwicklung ist in Schweden zu beobachten. Mit einer sehr starken Zuwanderung von 2014 bis 2017 boomte die Wohnraumnachfrage und der Wohnungsbau. Durch den hohen Anteil der Vorfertigung im Wohnungsbau konnten die Fertigstellungszahlen extrem schnell gesteigert und der Bedarf schnell gedeckt werden. In 2019 sinken die Hauspreise in fast ganz Schweden. Selbst in Stockholm gehen Nachfrage und Preise zurück. Damit wurde auch hier der Bauhöhepunkt überschritten.

Deutschland: Bauzenit wird 2020 überschritten

Für Deutschland gehen wir davon aus, dass der Bau 2020 seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen wird. In Deutschland gilt dies gleichermaßen für den Wohnbau und den Nichtwohnbau. Insbesondere im Einfamilienhausbau wird die Anzahl der Fertigstellungen bis zum Jahr 2023 deutlich zurückgehen. Chancen ergeben sich dabei im Bereich der Sanierung. In den vergangenen Jahren haben die Verarbeiter Sanierungsprojekte häufig abgelehnt, da sie mit dem Neubau ausgelastet waren. Geht der Neubau zurück, werden diese Kapazitäten wieder frei.

Für die Fensterbranche ist dies eine gute Nachricht: Bei privaten Sanierern ist der Fensteraustausch die fünfthäufigste Maßnahme in der Sanierung. Neben Energieeinsparung und Schallschutz spielt bei den Maßnahmen häufig auch die Optik eine Rolle, gilt die Fassade doch als Visitenkarte eines Hauses. Insbesondere der Aspekt Schallschutz dürfte nach Ansicht vieler Experten, die von der B+L befragt wurden, zukünftig im Fensterbau aufgrund von Nachverdichtung und städtischem Wohnungsbau weiter an Bedeutung gewinnen.

Nicht nur bei privaten Sanierern, sondern auch in der Wohnungswirtschaft ist der Fensteraustausch im Zusammenhang mit der energetischen Sanierung zudem wieder zum Thema geworden. Mehr als die Hälfte der Immobilien der Wohnungswirtschaft ist aktuell noch nicht vollständig energetisch saniert. Die Debatten und Beschlüsse zu Umweltschutz bzw. Energieeinsparung werden hier ein wichtiger Treiber sein. Eine aktuelle Studie der B+L zur Wohnungswirtschaft zeigt, dass hohe Sanierungsquoten und steigende Investitionen für Modernisierungsmaßnahmen zukünftige Potenziale für die Bauzuliefererindustrie bieten.—

Martin Langen, Michael Dresse

  • Marktforscher Martin Langen, Geschäftsführer der B+L MarktdatenGmbH, auf den Rosenheimer Fenstertagen

Foto: Daniel Mund / GLASWELT

Literatur

  1. Teil: „Der Neubau wird 2020 seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen“
  2. Teil: Neubaumarkt im Rückwärtsgang – gut für die Branche
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