Fundierte Zahlenspiele und Prognosen für den Fenstermarkt

Die Referenten der VFF-Fachtagung Statistik und Markt blicken mit Optimismus in die Zukunft (v. l.): Florian Wenner (bulwiengesa AG), Holger Lipp (Weru AG), Dr. Christian Kaiser (Heinze GmbH), Philipp Erdmann und Ulrich Tschorn vom VFF.
06.10.2017 - Wer für sein Unternehmen planen will, der braucht verlässliche Zahlen. Exakt mit dieser Erwartung sind die Teilnehmer der Fachtagung Statistik und Markt des VFF Ende September nach Frankfurt/Main gereist, um verlässliche Angaben zur Bauentwicklung zu bekommen. Die GLASWELT war mit vor Ort und hat einige interessante Trends und Details aufgeschnappt.

Holger Lipp von der Weru GmbH und zugleich Obmann des Verbandes sprach von einer sehr guten Entwicklung in der deutschen Wirtschaft, die sich aktuell sogar besser als vielfach prognostiziert darstellt. Das Bauhauptgewerbe befindet sich auf einer wahren Rekordjagt und die Branche hat Kapazitätsprobleme.

Die Fenster-Situation in Deutschland stelle sich 2016 folgendermaßen dar: Insgesamt seien rund 610 Mio. Fenster verbaut – davon immer noch 17 Mio. Fenster mit Einfachverglasung und 44 Mio. Kastenfenster. 205 Mio. Fenster sind mit unbeschichtetem Isolierglas ausgestattet, 289 Mio. Fenster verfügen über Zweischeiben-Wärmedämmglas und 55 Mio. Fenster Dreischeibenglas.

Trotzdem zeichnen sich Wolken am Horizont ab, die allerdings nach Auffassung der geladenen Referenten keinen echten Grund zur Sorge bieten.

Neubau-Krise nicht in Sicht?

Nach dem Top-Jahr 2016 sank in diesem Jahr die Zahl der Baugenehmigungen in den ersten sieben Monaten um 6,6 % gegenüber dem Vorjahr. Mit anderen Worten: Damit hat der seit 2009 anhaltende Aufschwung einen leichten Dämpfer erhalten. Dafür gibt es Gründe. Branchenkenner sprechen von einem Vorzieheffekt, denn viele Baugenehmigungen wurden „vorsorglich“ bereits in 2015 beantragt, um noch die alte Energiesparverordnung (EnEV) nutzen zu können, die im letzten Jahr verschärft wurde.

Ob die genehmigten Gebäude aber tatsächlich alle gebaut werden, ist unklar. Das Statistische Bundesamt meldet im Bauhauptgewerbe für Juni ein Umsatzplus von 3,4 % – die Zahl der Beschäftigten wuchs um 2,8 %. Nach Angaben des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie sollen in diesem Jahr insgesamt rund 320.000 Wohnungen fertiggestellt werden.

Renaissance des Hochhauses

Trotz dieser erfreulichen Zahlen hinkt Deutschland im Wohnungsbau der Bevölkerungsentwicklung hinterher, denn unser Land verändert sich. Nach wie vor ist Deutschland ein Zuwanderungsland. Hinzu kommen mehr und mehr 1-Personen-Haushalte. Auf Sicht wird laut Prognosen der tatsächliche Bedarf an Gebäuden größer sein als die Zahl der Anträge, Genehmigen und letztlich Fertigstellungen. Die meisten Institute gehen daher auch für die kommenden Jahre von einer zunehmenden Zahl an Baugenehmigen aus. Einzig das ifo-Institut beurteilt die Lage anders und prognostiziert einen Rückgang.

Für die Referenten steht fest, dass der Anteil der privaten Bauherren zulasten der gewerblichen sinken wird. Ein weiterer Trend ist, dass es auch in den kommenden zehn bis 15 Jahren einen anhaltend starken Zuzug in die Städte bzw. Wirtschaftszentren des Landes gibt. Meist ist hier das Bauland eh schon knapp. Nach Ansicht von Florian Wenner von der bulwiengesa AG werden daher Wohnhochhäuser eine echte Renaissance erleben.

Micro-Appartments mit flexibler Innenraumgestaltung

Bereits seit 2012 nimmt der Bau von Mehrfamilienhäusern stetig zu – von 118.400 auf aktuell 198.400 Objekte. Vor allem in sogenannten „In-Städten“ wie beispielsweise München, Stuttgart oder Frankfurt entstehen dabei auch viele lukrative Luxuswohnungen – finanziert häufig durch ausländische Investoren. Die finanzstarke Mieter-Zielgruppe ist allerdings eher klein. Daneben muss es bezahlbaren Wohnraum für Normalverdiener geben. In Städten mit extrem hohen Mieten und Immobilienpreisen könnte es deshalb einen Trend zu sogenannten Micro-Appartements geben, die sich – obwohl klein in der Grundfläche – durch flexible Wände immer wieder umgestalten lassen.

Energetisches Bauen als Wachstumstreiber

Aber zum Glück wird der Bedarf an Türen und Fenstern steigen, wie Dr. Christian Kaiser von der Heinze GmbH prognostiziert. Gelangen in diesem Jahr rund 14,2 Mio. Fenster in den Markt, werden es 2018 rund 14,7 Mio. Elemente sein, was 2018 einer Steigerung um 3,3 entspricht. Übrigens: Im Frühjahr sprach der Verband von einem Fenstermarkt von 14,4 Mio. Einheiten für 2017 – insofern scheinen sich die Prognose-Zahlen gut anzunähern. 

Für die Branche bedeutet all dies Herausforderung und Chance zugleich. Chancen gibt es aber auch im energetischen Bereich, denn beim Bau neuer Häuser oder auch bei der Renovierung steigen die Anforderungen. Die Bundesregierung hat bereits vor Jahren das Ziel formuliert, bis 2050 den Primärenergiebedarf stufenweise um 80 % zu senken und in Deutschland einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand zu schaffen. Dies geschieht durch Dämmmaßnahmen, aber auch durch den Tausch alter Fenster und Türen. Für Bauherren und Renovierer bietet der Bund über die KfW-Bank diverse finanzielle Anreize. Auf Basis der EnEV werden im Neubau aktuell die KfW-Effizienzhaus-Niveaus 55, 40 und 40 Plus gefördert. Ein KfW-Effizienzhaus 55 oder 40 hat demnach nur noch den Jahresprimärenergiebedarf von 55 bzw. 40 % eines entsprechenden Referenzgebäudes.

Gerade beim energetischen Bauen sehen die Referenten enormes Potenzial für die Branche. Bei Bauherren und Renovierern muss allerdings entsprechend Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden, damit die attraktiven Förderprogramme auch im großen Stil in Anspruch genommen werden.

Ein Vor-Ort-Bericht von Matthias Fischer

  • zurück
  • Druckansicht
  • Versenden

Weitere Artikel zum Thema

GLASWELT-Newsletter

Ja, ich möchte folgenden Newsletter abonnieren:

GLASWELT-Newsletter
» Weiter Informationen zum GLASWELT-Newsletter
Kommentare

Springen Sie auf den digitalen Zug auf. Jetzt!

Ein kurzer Rückblick: Seit Dezember 2007 schreibe ich Kommentare für die GLASWELT: Über die... mehr

Alle Kommentare