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Im Interview mit Robert Cohrs und Philippe Kirschey

Warum zwei Ex-Amazon-Manager Fensterbauer wurden

GW – Herr Cohrs, wie kommt man von Amazon ins Handwerk? Das ist ja nicht gerade der typische Karriereweg.

Robert Cohrs – Das stimmt, es ist tatsächlich ein ungewöhnlicher Weg. Ich bin Betriebswirt und Logistiker und war einige Jahre als Einkäufer bei Amazon tätig. Philippe und ich haben uns dort kennengelernt. Wir sind beide seit einigen Jahren selbstständig und haben unterschiedliche Unternehmen gegründet. Letztes Jahr haben wir dann zusammengesessen und überlegt, ob wir nicht das Berufsleben gemeinsam gestalten wollen.

Philippe Kirschey – Ich komme ursprünglich aus einem Familienunternehmen im Maschinenbau. Nach dem Verkauf des Unternehmens 2018 hatte ich bereits erste Berührungspunkte mit dem Handwerk – damals im SHK-Bereich, wo ich Projektleiter für Betriebsübernahmen war. Das Thema Altersnachfolge und der goldene Boden im Handwerk haben mich nicht mehr losgelassen. Als Robert und ich dann überlegten, was wir gemeinsam machen könnten, kam das Thema Handwerk relativ schnell auf.

GW – Warum haben Sie sich ausgerechnet für die Fensterbranche entschieden?

Cohrs – Wir haben uns verschiedene Branchen angeschaut und sind über Unternehmensplattformen wie die DUB auf viele Betriebe gestoßen, die Nachfolger suchen. Besonders im Bereich energetische Gebäudesanierung war das Angebot groß. Die Fensterbranche hat uns aus mehreren Gründen überzeugt: Es gibt keine Meisterpflicht, das erleichtert den Quereinstieg. Außerdem haben wir allein 100 km rund um München viele interessante Unternehmen mit Umsatzgrößen zwischen 1,5 und 5 Mio. Euro ­gefunden.

GW – Was macht das Unternehmen aus?

Cohrs – Das Unternehmen ProjektF gibt es seit 1999 und wurde von zwei Kompagnons gegründet, die zuvor gemeinsam als Angestellte gearbeitet hatten. Sie haben tatsächlich in der Garage angefangen und das Unternehmen 18 Jahre lang organisch wachsen lassen. 2018 ist die ProjektF dann in ein neues Gebäude auf einem 2.000 m² großen Grundstück umgezogen.

GW – Welche Produkte und Dienstleistungen bietet ProjektF an?

Cohrs – Wir können alles abdecken: vom Kunststofffenster über Holz bis Holz-Alu-Elemente. Dazu kommen Innentüren, Außentüren und ein großer Bereich Beschattung – alles vom Rollladen über den Raffstore bis zu Jalousien, Textilscreens und Markisen. Wir haben verschiedene Partner, zum Beispiel Oknoplast als Kunststofffensterlieferant, aber auch deutsche Hersteller für Holzfenster und Köster für Haustüren.

GW – Sie kommen beide aus der digitalen Welt. Wie wollen Sie diese Erfahrungen einbringen?

Kirschey – Wir stellen fest, dass viele Handwerksbetriebe grundsätzlich offen für Veränderungen sind, sich aber von der Digitalisierung überfordert fühlen. Wir können Mitarbeiter mitnehmen, dadurch ist die Angst vor Veränderungen geringer.

Cohrs – Allein der Schritt vom Analogen ins Digitale bedingt, dass man sich die Prozesse anschaut und anpasst. Wir wollen Blindleistungen vermeiden und die Abläufe auf neue Bedürfnisse abstimmen – zum Beispiel auf eine digitale Handwerkssoftware. Im Vertrieb haben wir Erfahrungen mit der Kundenakquisition über Online-Kanäle, Google Ads und Suchmaschinenoptimierung gesammelt.

GW – Welche Veränderungen planen Sie?

Cohrs – Wir investieren dort, wo in den letzten Jahren etwas aufgeschoben wurde. Die Kundenausstellung wird komplett neu gestaltet – gemeinsam mit Roma, die uns versichert haben, dass es so eine Ausstellung bisher nicht gibt. Sie wird auch digitale Elemente haben, z. B. Haustürkonfiguratoren in Originalgröße. Außerdem gestalten wir die Arbeitsplätze neu, mit ­modernem Equipment und bieten Projektleiter an, im Rahmen der Möglichkeiten auch im Homeoffice zu arbeiten. Zudem planen wir den Betrieb zu erweitern und zusätzliche Monteure einzustellen.

GW – Sie haben beide keinen handwerklichen Hintergrund. Wie eignen Sie sich Know-how an?

Cohrs – Wir haben einen vierstufigen Plan: Akquisition, Einarbeitung in das Unternehmen und uns selbst einarbeiten – von der GF bis zur Montage. Bald beginnt auch meine Zeit in der Montage, bei den Projektleitern, bei allen Stationen. Wir wollen wirklich lernen, wovon wir sprechen – salopp gesagt auch lernen, ein Fenster ins Loch zu bringen oder eine Haustür zu installieren.

GW – Wie läuft die Zusammenarbeit und Übergabe mit den bisherigen Eigentümern?

Cohrs – Wir haben eine lange Übergabezeit. Die beiden ehemaligen Gesellschafter bleiben bis zu einem Jahr dabei. Außerdem haben wir einen erfahrenen Betriebsleiter, der ­bisher für den technischen Bereich zuständig war, aber auch kaufmännische Aufgaben übernehmen kann.

GW – Sie haben bereits weitere Akquisitionen geplant. Wie sehen Ihre Wachstumspläne aus?

Kirschey – Wir werden in den nächsten fünf Jahren fünf bis zehn Unternehmen zukaufen, die alle in der Gebäudesanierung tätig sind. Wir sind bereits in fortgeschrittenen Gesprächen für eine Akquisition 2026, ebenfalls im Großraum München.

Cohrs – Wichtig ist uns dabei: Wir wollen die lokale Identität der Unternehmen behalten, das Unternehmen im Inneren verändern, aber nicht einfach einen Brandname überall drüberstülpen. Wir wollen auch lokal jemanden haben, gerne aus dem Betrieb, der den Standort leitet.

GW – Was unterscheidet Ihre Art der Übernahme von anderen?

Kirschey – Unternehmen können von außen sehr ähnlich aussehen – gleiche Kennzahlen, Umsatz, Mitarbeiterzahl – aber von innen ganz anders aufgebaut sein. Sie haben eine andere Kultur und arbeiten anders. Deshalb nehmen wir keine Blaupause und stülpen sie allen über, sondern bauen auf dem Fundament auf, was die bisherigen Eigentümer geschaffen haben.

GW – Wird so eine neue Gruppe entstehen?

Cohrs – Eine Gruppe aber nur in dem Sinne, dass die Unternehmen unter einer Beteiligungsgesellschaft hängen. Wir werden sicherlich zentrale Themen haben – den gleichen Steuerberater, eventuell den gleichen Einkauf. Aber wir wollen nicht alles zentralisieren. Die Unternehmen sollen ihre Identität behalten und weiterhin lokal verwurzelt bleiben.

GW – Welche neuen Kundenservices planen Sie?

Cohrs – Ein Beispiel: Jeder Kunde sollte eigentlich einmal im Jahr jedes Fenster kontrollieren, die Dichtungen pflegen und den Beschlag ölen. Das macht in der Praxis niemand, aber dadurch entstehen Produktausfälle, die viel zu teuer sind, weil wir eine Anfahrt haben und einen Monteur abstellen müssen. Wir entwickeln lieber einen „Winter-fit“-Service: Wir kommen ohnehin zum Kunden und können solche Kleinstarbeiten mit abdecken, prüfen alle Fenster und Haustüren auf Dichtigkeit und Handlungsbedarf.

Das Gespräch führte GW-Chefredakteur ­Daniel Mund

Die bisherigen Unternehmens­lenker Andreas Oxel (l.) und Toni Silberhorn (r). In der Mitte ­Philippe Kirschey.

Foto: ProjektF

Die bisherigen Unternehmens­lenker Andreas Oxel (l.) und Toni Silberhorn (r). In der Mitte ­Philippe Kirschey.

Fenstervertrieb neu gedacht

Wenn zwei ehemalige Amazon-Manager beschließen, ins Handwerk zu wechseln, klingt das zunächst ungewöhnlich. Robert Cohrs und Philippe Kirschey haben genau das getan – und im Oktober 2024 die ProjektF Fensterbau GmbH aus Deuerling bei Regensburg übernommen. Das traditionsreiche Unternehmen, das seit 1999 erfolgreich Fenster, Türen und Beschattungslösungen plant, vertreibt und montiert, hat damit eine gelungene Betriebsnachfolge vollzogen. Spannend, welche Zukunftsvisionen die Unternehmer noch haben.

GW-Chefredakteur Daniel Mund

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