Vogelschutzglas entwickelt sich zunehmend zu einem Standardprodukt für großflächige Glasfassaden. Durch gesetzliche Vorgaben, sorgfältige Prüfungen und praxisnahe Empfehlungen des Bundesverbandes Flachglas können Planer, Bauherren und Hersteller gleichermaßen auf sichere und wirksame Lösungen setzen. Details dazu erläutert Hans-Joachim Arnold, der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Flachglas
GW – Vogelschutz in der Fassade wird immer wichtiger, wie beurteilen Sie als BF-Vorstand und Vertreter der Glasbranche die aktuelle rechtliche Situation in Deutschland?
Hans-Joachim Arnold – Die rechtliche Situation ist derzeit fragmentiert. Es gibt auf Bundesebene keine explizit verbindlichen bauordnungsrechtlichen Vorgaben für vogelschutzgerechte Verglasungen. Allerdings greifen bestehende Regelungen des Natur- und Artenschutzrechts (z. B. Bundesnaturschutzgesetz), die auch den Schutz von Vögeln einschließen. In der Praxis führt das zu Unsicherheiten, da die Anforderungen nicht eindeutig in Planungs- und Bauprozesse übersetzt sind. Aus Sicht der Glasbranche besteht hier klarer Bedarf an mehr Rechtssicherheit und einheitlichen Bewertungsmaßstäben.
GW – Glauben Sie, dass das hessische Gesetz die Nachfrage nach Vogelschutzglas bereits steigert, auch über Hessen hinaus?
Arnold – Das hessische Vorgehen wirkt wie ein Signalprojekt. Solche landesrechtlichen Regelungen sensibilisieren Planer, Investoren und öffentliche Bauherren auch außerhalb des jeweiligen Bundeslandes. Viele Akteure antizipieren zukünftige Anforderungen und setzen vorsorglich auf vogelschutzgerechte Lösungen, um spätere Anpassungen zu vermeiden.
GW – Halten Sie es für sinnvoll, dass große Glasflächen automatisch vogelschutzgerecht ausgeführt werden sollten?
Arnold – Grundsätzlich ja – zumindest dort, wo aus fachlicher Sicht ein erhöhtes Kollisionsrisiko besteht. Große, stark reflektierende oder transparente Glasflächen stellen nachweislich ein Risiko für Vögel dar. Eine pauschale Regelung ist jedoch weniger zielführend als eine risikobasierte Betrachtung, die Faktoren wie Lage, Umfeld, Gebäudehöhe und Glasart berücksichtigt.
GW – Welche zentralen technischen Kriterien muss Vogelschutzglas erfüllen ?
Arnold – Zentral sind vor allem: Sichtbarkeit für Vögel im relevanten Wellenlängenbereich (inkl. UV-Bereich). Dann eine wirksame Musterung mit ausreichender Dichte und Kontrast sowie die Dauerhaftigkeit der Vogelschutzwirkung über die gesamte Nutzungsdauer. Dazu kommt die Integration in andere Anforderungen wie Wärmeschutz, Sonnenschutz, Schallschutz und Sicherheit. Vogelschutz darf kein isoliertes Merkmal sein, sondern muss systemisch gedacht werden.
Was wir brauchen ist eine klare Definition, wann Vogelschutz erforderlich ist sowie Mindestanforderungen an die Wirksamkeit, die nicht an bestimmte Produkte gebunden sind
Foto: Matthias Rehberger / GW
GW – Sollte es Ihrer Meinung nach bundesweit verbindliche Vorgaben für vogelschutzgerechte Verglasungen geben. Wenn ja, welche Anforderungen würden Sie Bauordnungen oder Vergabestellen empfehlen?
Arnold – Aus Sicht des BF wären bundesweit einheitliche Vorgaben sinnvoll, um Planungssicherheit zu schaffen. Empfehlenswert wären folgende Punkte: eine klare Definition, wann Vogelschutz erforderlich ist und die Verknüpfung mit anerkannten Prüf- und Bewertungsverfahren. Dazu Mindestanforderungen an die Wirksamkeit, nicht an bestimmte Produkte sowie ausreichend technologieneutrale Regelungen, um Innovationen nicht zu behindern.
GW – Wo steht der Bundesverband Flachglas bei der Weiterentwicklung der DIN-Normen oder Bewertungssysteme für Vogelschutzglas?
Arnold – Der BF bringt sich aktiv in Normungs- und Fachgremien ein und begleitet die Weiterentwicklung von Bewertungsansätzen für Vogelschutzglas. Ziel ist es, praxisgerechte, wissenschaftlich fundierte und international anschlussfähige Lösungen zu fördern. Dabei arbeiten wir eng mit Forschungseinrichtungen, Behörden und anderen Verbänden zusammen.
GW – Welche Prüfanforderungen hält der BF für nötig, um Vogelschutzglas korrekt einzusetzen?
Arnold – Zwingend ist ein standardisiertes, reproduzierbares Prüfverfahren, das die tatsächliche Wirksamkeit gegen Vogelkollisionen objektiv bewertet. Dazu gehören definierte Testbedingungen, transparente Bewertungskriterien und eine klare Klassifizierung der Ergebnisse. Nur so können Planer und Bauherren fundierte Entscheidungen treffen.
GW – Bislang wird jeder neue Glasaufbau einzeln getestet – lässt sich das nicht vereinfachen?
Arnold – Doch, hier sehen wir großes Potenzial.Denkbar sind Systembewertungen, Übertragbarkeitsregeln oder Produktfamilien, bei denen geprüfte Muster auf vergleichbare Glasaufbauten angewendet werden können. Das würde Aufwand, Kosten und Markteintrittsbarrieren deutlich reduzieren, ohne die Qualität zu gefährden.
GW – Woran arbeitet der BF-Arbeitskreis Vogelschutzglas aktuell?
Arnold – Der Arbeitskreis beschäftigt sich u. a. mit der Weiterentwicklung des BF-Merkblatts zu Vogelschutzglas. Weiter an der Harmonisierung von Prüf- und Bewertungsansätzen sowie der Abgrenzung und Definition wirksamer Vogelschutzlösungen. Zudem sind wir im Gespräch mit Gesetzgebern und Planern. Kurzfristig erwarten wir praxisnahe Empfehlungen und Orientierungshilfen für die Branche.
GW – Welche Bedeutung hat Vogelschutzglas künftig im Kontext von Nachhaltigkeit, Biodiversität und ESG?
Arnold – Vogelschutzglas wird zunehmend ein relevanter Baustein nachhaltigen Bauens. Der Schutz der Biodiversität gewinnt im Rahmen von ESG-Kriterien klar an Bedeutung. Gebäude, die nachweislich negative Auswirkungen auf die Tierwelt minimieren, werden künftig besser bewertet; regulatorisch sowie durch Investoren.
GW – Wo sehen Sie weiteren Aufklärungsbedarf bei Planern, Bauherren und Verarbeitern?
Arnold – Es besteht noch erheblicher Informationsbedarf hinsichtlich der tatsächlichen Ursachen von Vogelkollisionen sowie der Unterschiede zwischen wirksamen und rein optischen Lösungen, ebenso wie zur richtigen Anwendung von Vogelschutzglas im Gesamtsystem Fassade. Hier leistet das BF-Merkblatt bereits einen wichtigen Beitrag und dies wollen wir weiter ausbauen.
GW – Stichwort Wirtschaftlichkeit: Wie kann die Glasbranche von Vogelschutzglas profitieren?
Arnold – Vogelschutzglas bietet der Glasbranche die Chance, Mehrwertprodukte zu etablieren, sich technologisch zu differenzieren und neue Marktsegmente zu erschließen. Voraussetzung ist, dass Vogelschutz als qualitatives Leistungsmerkmal verstanden wird, vergleichbar mit Energieeffizienz oder Sicherheit. Langfristig profitieren davon Hersteller, Verarbeiter und Planer.
Die Fragen stellte Matthias Rehberger
Das muss Vogelschutzglas heute leisten
Sichtbarkeit für Vögel im relevanten Wellenlängenbereich (inkl. UV-Bereich),
Wirksame Musterung mit ausreichender Dichte und Kontrast,
Dauerhaftigkeit der Vogelschutzwirkung über die gesamte Nutzungsdauer,
Integration in andere Anforderungen wie Wärme-, Sonnen- und Schallschutz sowie Sicherheit.
Vogelschutz darf kein isoliertes Merkmal sein, sondern muss systemisch gedacht werden.
Foto: Bundesverband Flachglas
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