GLASWELT Ausgabe: 11-2010

Inflationär gebrauchte Wörter

Matthias Rehberger
Chefredakteur 
rehberger@glaswelt.de
Matthias Rehberger
Chefredakteur
rehberger@glaswelt.de

Mund: Es gibt Wörter, die sind einfach so häufig im Gebrauch, dass man täglich mindestens dreimal darauf stößt und sie überhaupt nicht mehr hören mag. Momentan kommen dank Sarrazin und Wulff Wörter wie „Integrationsdebatte“ und „Migrationshintergrund“ einfach nicht mehr aus den Schlagzeilen raus. Immerhin: Google listet dazu fast 1,3 Mio. Einträge. Was ist Dein Favorit für ein inflationär gebrauchtes Wort?

Rehberger: Ganz klar, Profitcenter (Google: 0,7 Mio. Einträge)! Leider müssen wir uns damit wohl noch eine Weile herumschlagen. Aber welches ist denn jetzt Dein "Lieblingswort"?

Mund: Für mich schießt momentan das Wort „Nachhaltigkeit“ den Vogel ab. (Google: 6,5 Mio. Einträge). Was heutzutage alles „n…“ ist, hat mit der Eigenschaft als solches nichts mehr zu tun. Aber wenn einmal ein Begriff en vogue ist, dann möchten ihn halt alle auch verwenden – jedenfalls fast alle: Kürzlich war auf einer Pressekonferenz eines Beschlagsherstellers ein Redakteurskollege so überrascht, dass in den Beiträgen das Wort Nachhaltigkeit nicht benutzt wurde, dass er wissen wollte, ob man denn nicht auch diese Eigenschaft für seine Produkte beanspruche. Und schon war man wieder in der Debatte. Teilst du meine N …-­Antipathie?

Rehberger: Nun, Nachhaltigkeit ist an für sich ein schönes deutsches Wort. Aber auch ich kann es nicht mehr hören – so oft, wie es gebraucht wird. Was bedeutet es eigentlich? In Wikipedia steht dazu: „Das Konzept der Nachhaltigkeit beschreibt die Nutzung eines regenerierbaren Systems in einer Weise, dass dieses System in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natürliche Weise regeneriert werden kann.“ Der Philosoph Konrad Ott vom Sachverständigenrat für Umweltfragen (der die Bundesregierung berät) definiert den Wortsinn so: „Regenerierbare lebende Ressourcen dürfen nur in dem Maße genutzt werden, wie Bestände natürlich nachwachsen.“ Dieser ursprüngliche Sinn wurzelt in forstwirtschaftlichen ökonomischen Betrachtungen und wurde erstmals 1560 in dem Sinne in einer Forstordnung formuliert, damit nicht zu viel Holz für Bergwerksverbauungen geschlagen wurde.

Mund: Wenn man sich die Definitionen anschaut, wird schnell klar: Mit dem Begriff, wie er heute zuhauf gebraucht wird, ist das nicht in Einklang zu bringen. Ich habe den Eindruck, dass für viele Unternehmen das Attribut „n…“ zu einer inhaltlich nicht mehr überprüfbaren Komponente ihrer PR-Strategie geworden ist – ja, dass vielleicht sogar nur die Marketingabteilungen dieses Wort erzwingen. Die Eigenschaft als solche ließe sich ja auch mit vielen anderen Wörtern beschreiben – im Textprogramm „Word“ werden dafür listenweise ­Synonyme gefunden: tiefgreifend, effektiv, anhaltend, gravierend, entscheidend,… Aber es kommt ­natürlich immer nur dieses Modewort zum Einsatz.

Rehberger: Was mir nicht klar ist, warum blasen (fast) alle immer wieder ins selbe Horn? Gut, es gibt Themen, die sind wichtig und liegen im Trend. Und die müssen auch behandelt, bearbeitet und benannt werden. Beim Vermarkten wird doch immer auf die Individualität hingewiesen – warum wird das nicht auch sprachlich umgesetzt? Gerade unsere deutsche Sprache bietet doch einen riesigen Fundus.

Mund: Leider ist es manchmal nicht möglich, sich den Worttrends zu verschließen: Der Begriff „Nachhaltiges Bauen“ wird sich noch weiter verankern, denn in Planungen, Anforderungen, Konstruktionen und Nachweisverfahren wird diese Eigenschaft durch Zertifikate in Zukunft abgefragt werden (mehr dazu auf S. 42). Jetzt aber genug der Worte und Ihnen liebe Leser viel Spaß mit der vorliegenden neuen Ausgabe der Glaswelt.

  • Daniel Mund
    Stellvertretender Chefredakteur
    mund@glaswelt.de

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