GLASWELT Ausgabe: 05-2018

Interview mit Ingo Ganzberger (Actual) und Joachim Oberrauch (Finstral)

Sicherheitsglas für ISO – lästiges Übel oder Win-Win-Situation?


Gerade bei raumhohen Fenstern und Fenstertüren bringt Sicherheitsglas einen Mehrwert, etwa als Verletzungsschutz.

Gerade bei raumhohen Fenstern und Fenstertüren bringt Sicherheitsglas einen Mehrwert, etwa als Verletzungsschutz.

In Deutschland wird aktuell eine rege Diskussion um den verpflichtenden Einsatz von Sicherheitsglas bei Türen, Fenstertüren und Fenstern geführt. Doch wie handhaben es unsere Nachbarn? In Italien ist Sicherheitsglas bei Fenstern raumseitig und bei Türen doppelseitig vorgeschrieben, in Österreich teils auch. Wir sprachen mit zwei Fensterbauern aus Österreich und Südtirol über ihre Erfahrungen im Umgang mit Isolierglas aus oder mit ESG bzw. VSG.

Glaswelt – In Deutschland wird aktuell eine teils hitzige Diskussion um die Einführung von Sicherheitsglas bei Türen, Fenstertüren und Fenstern geführt. Vergleichbar ist dies mit Italien, wo bei Fenstern und Türen generell Sicherheitsglas vorgeschrieben ist. Auch in Österreich sind solche Gläser bei Ganzglastüren und Verglasungen in Türen und in Fenstertüren bis 150 cm Höhe Überstandfläche die Norm. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Joachim Oberrauch – Zu Italien kann ich sagen, dass wir sehr gute Erfahrungen mit der Sicherheitsglas-Regelung machen. Sicher auch, weil Prävention ein gesellschaftlicher und politischer Trend ist und deshalb der Sinn der Regelung im Markt schnell erkannt und akzeptiert wurde.

Ingo Ganzberger – Gerade für Türen und in Fenstertüren bietet Sicherheitsglas einen vernünftigen Mehrwert hinsichtlich Verletzungsschutz. Einer einheitlichen Regelung mit ESG für Elemente, die unter 1,5 m gehen, stehen wir von Actual grundsätzlich positiv gegenüber. Das größere Problem im Vergleich zur einheitlichen Verpflichtung zu ESG ist eine uneinheitliche Regelung zwischen den Bundesländern / Regionen bzw. Diskrepanzen zwischen der Landesgesetzgebung und den Normen / Technischen Richtlinien. Das erleben wir in Österreich. Der Grund: Damit ist bei Angeboten nicht klar, ob die Glasausstattung vergleichbar ist. Weiter wird durch unklare, widersprechende Regelungen eine Situation geschaffen, dass die Fensteranbieter hoffen müssen, mit Warnhinweisen der Informationspflicht nachzukommen, aber trotzdem gegenüber Sachverständigen / Gericht nicht sicher sind.

Glaswelt – Werden durch Sicherheitsgläser die Fenster und Türen wirklich sicherer, was sagt die Unfallstatistik?

Oberrauch – Unfallstatistiken haben bei der Anforderungsdiskussion in Italien eine Rolle gespielt. Die italienische Regelung ist eine vernünftige Lösung. Als Mindestanforderung für Deutschland empfehle ich verpflichtende Sicherheitsgläser raumseitig für Gläser unter 1,0 m und für Türen generell beidseitig.

Ganzberger – Zum Glück gibt es keinen Schadensfall bei uns. Wir können auch keine Unterschiede hinsichtlich Schadensfälle bei Lieferungen zu unseren deutschen Fachhandelspartnern ohne Sicherheitsglas und nach Österreich mit Sicherheitsglas feststellen. Aber natürlich wird jeder im schlimmen Einzelfall froh sein, sich – trotz geringem Aufpreis – doch für Sicherheitsglas entschieden zu haben. Sicherheitsglas und versperrte Griffe bei Fenstern sind einfache Maßnahmen für mehr Sicherheit, um vor Abstürzen kleiner Kinder zu schützen, und im Verhältnis zur Lebensdauer eines Fensters handelt es sich nur um eine kleine Mehrinvestition.

Glaswelt – Wie wurde damals die Sicherheitsglas-Einführung diskutiert?

Oberrauch – Etwa ein halbes Jahr gab es viele Gegen-Argumentationen im Markt, dann hat sich alles beruhigt und es wurde sehr gut eingeführt. Geholfen hat dabei sicher, dass die Marktführer die neuen Sicherheitsglas-Regeln von Beginn an konsequent umgesetzt haben. Ich schätze heute werden die Regeln zu 95 Prozent im Markt eingehalten.

Ganzberger – Die größte Diskussion entsteht durch unklare, uneinheitliche und sogar widersprüchliche Regeln. Wenn für alle dieselben Spielregeln gelten, passt das. Genauso entsteht eine Diskussion, wenn technisch der Einsatz nicht klar oder übertrieben vorsichtig definiert ist, z. B. kleine Glasausschnitte bei Haustüren oder die mittlere Scheibe bei 3-fach-Gläsern. Hier wäre es gut, wenn klar definiert wäre, ESG reicht bei 3-fach-Glas außen und innen.

Glaswelt – Wie hat bei Ihnen der Markt die Einführung letztendlich akzeptiert, was sagen die (End-)Kunden zu einer solchen Maßnahme, die ja Fenster und Türen verteuert?

Oberrauch – Der Kunde hat keine andere Wahl, aber er bekommt durch das VSG wichtige Mehrwerte für einen relativ geringen Aufpreis. Zusätzlichen Verletzungs-, Schall-, Einbruch- und UV-Schutz stellen das Fenster schlussendlich positiver dar.

Bei einseitigem Sicherheitsglas hat sich VSG durchgesetzt. Bei beidseitigem Sicherheitsglas überwiegt die Kombination aus VSG und ESG – vor allem auch wegen Gewicht, Wärmedämmung und Preis.

Ganzberger – Der ‚gelernte‘ Österreicher sagt: Vorschrift ist Vorschrift. Im Ernst: in den Regionen, in denen das schon lange gesetzlich festgelegt ist, wird das überhaupt nicht mehr hinterfragt. Wir von Actual beraten unsere Kunden auch dahin gehend, wenn sie in unsere großen flächenbündigen Fenster, vielleicht auch mit rahmenlosem Ganzglas-Design investieren, auch den Mehrwert von Sicherheitsglas zu nützen. Glas prägt die Architektur, schafft grenzenloses Wohnen – da gehört Sicherheitsglas mit bedacht.

Glaswelt – Hatten Sie den Eindruck, dass Endkunden im Rahmen der verpflichtenden Einführung von Sicherheitsglas ihre Entscheidung für neue Fenster/Türen zurückgehalten bzw. zurückgezogen haben?

Oberrauch – Nein

Ganzberger – Nein, das habe ich nicht. Aber wichtig ist im Wettbewerb, dass nicht einer ESG anbietet, der andere nicht. Oder der eine alle drei Scheiben aus ESG, der andere außen und innen. Aber hier sind wir wieder bei einheitlichen und klaren Regeln.

Glaswelt – Welche Rolle spielt das Thema Sicherheitsglas in Ihrer Vermarktungs-Strategie?

Oberrauch – Von Anfang an war uns wichtig, die Kunden über die Verletzungsschutzregelung transparent aufzuklären und die damit verbundenen Verantwortungen bei Planern und Bauherren bzw. Sanierern klarzustellen. Basis ist bei uns das ESG und im Verkauf werden mit dem Kunden die Mehrwerte von VSG besprochen und in den überwiegenden Fällen auf einer Seite eingesetzt.

Ganzberger – Wir positionieren unsere Fenster als innovative Design-Produkte für mehr Lebensqualität. Dabei ist Sicherheitsglas als ein Mehrwert (bei großen Elementen) ein Baustein des Qualität-Gesamtpakets. Aber es ist nicht unser Stil, Marketing mit Angst vor Verletzungen zu machen. Es zeigt ja der Vergleich in den Regionen und unsere Erfahrung seit 48 Jahren, dass nicht auf jeder Balkontür mit Floatglas ‚Achtung Lebensgefahr‘ stehen muss.

Aber verglichen etwa mit dem Airbag beim Auto oder Lawinen-Airbag-Rucksack bei Ski-Tourengehern – die meisten von uns werden diese hoffentlich nie im tatsächlichen Einsatz sehen. Genauso sehe ich das beim Sicherheitsglas.

Ein weiterer interessanter Ansatz ist das Thema Verbundsicherheitsglas.

Ein Marktforscher hat einmal zu mir gesagt, er versteht nicht, wieso nicht alle Fensteranbieter automatisch bei den Elementen im Erdgeschoss VSG-Scheiben einsetzen und das entsprechend vermarkten: Verhindern von Einbrüchen ja besser und günstiger, als mit teuren Alarmanlagen nur zu melden, dass jemand in das Haus eingedrungen ist. Das ist ein guter Ansatz.

Mir ist aber auch bewusst, dass wir dann wieder Unterschiede bei Wärmedämmwerten der Gläser, Glasgewicht und auch Kosten haben. Aber kein Vorteil ohne Nachteil.

Glaswelt – Welche Empfehlungen würden Sie Ihren Fensterbau-Kollegen in Deutschland mit auf den Weg geben?

Oberrauch – Das Thema positiv angehen. Die verpflichtende Anforderung soll nicht zu „klein“ ausfallen, am besten nahe an der italienischen Regelung. Diese hat sich bewährt. Viele Mehrwerte für den Kunden und Mehrumsatz pro Einheit ist doch eine Win-Win-Situation.

Ganzberger – Es braucht einheitliche, klare Regeln. Das Thema soll nicht für Verwirrung bei überregionalem Vertrieb sorgen und soll auch keine Arbeitsbeschaffung für Gerichte und Sachverständige sein. Weiter ist wichtig, nicht über das Ziel hinausschießen. Konkret: mittlere Scheibe bei 3-fach-Gläsern nicht aus ESG, und bei Haustüren kleine Glasfelder, auch nicht aus ESG, selbst wenn sie unter 1,5 m liegen.

Im Gegensatz zu Österreich ist in Italien für jedes Fenster auch über 1 m Sicherheitsglas innen vorgeschrieben. Besser wäre innerhalb der EU eine einheitliche Regelung..

Weiter sollte man nicht alles dem niedrigsten Preis unterordnen. Sondern vernünftige Mehrwerte wie Sicherheitsglas auch für Mehrumsatz nützen, die Kunden werden dies bei guter Beratung schätzen und gerne wählen.

Wenn immer nur der billigste Preis zählen würde, hätten wir keinen Erfolg mit flächenbündigen Designfenstern in Holz-Alu und Kunststoff-Alu, mit Hebeschiebe-Elementen oder mit Ganzglas-Design etc. Aber das haben wir und das macht auch mehr Spaß im Verkauf. Ich glaube, dass unsere Kunden einen guten Mehrwert für einen fairen Preis höher bewerten als nur das billigste Fenster, das zu finden ist. Sicherheitsglas ist ein gutes Beispiel für so einen Mehrwert, der auch mehr Umsatz bringen kann und soll. —

Die Fragen stellte Matthias Rehberger

  • Ein weiteres Plus, das VSG als Basisglas für Fassadengläser bietet, ist ein stark erhöhter Einbruchschutz.

Foto: Actual

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