GLASWELT Ausgabe: 11-2018

Der Wurmsprung und seine Ursache

Warum steckt der Wurm im Glas?

Detailaufnahme eines Wurmbruchs, der sich mitten in der Scheibe befindet.

In letzter Zeit tauchen häufiger sogenannte Wurmbrüche auf. Dem ist unser Gutachter Ekkehard Wagner nachgegangen und hat eine interessante Entdeckung gemacht. Hier seine Erklärung, was solche Brüche auslöst und wie sie sich vermeiden lassen.

  1. Teil: Warum steckt der Wurm im Glas?
  2. Teil: Der Autor

_ Glasbruch ist für jeden Beteiligten ein unerwartetes, aber sehr unangenehmes und meist auch kostspieliges Ereignis. Denn Tatsache ist, dass man zum Zeitpunkt der Bruchentstehung nicht anwesend ist und deshalb die einwirkenden Kräfte zum Zeitpunkt des Bruchereignisses oft nur vermuten kann. Aber grundsätzlich kann eines mit absoluter Sicherheit festgestellt werden: Kein Glasbruch entsteht ohne Krafteinwirkung.

Nachfolgend soll mit dem „Wurmsprung“ ein besonderer Glasbruch betrachtet werden: Damit ist ein Anriss gemeint, der weder von der Glaskante ausgeht noch zu dieser ausläuft. Also ein Anriss irgendwo in der Scheibenfläche.

Bisher war dieser Glasbruch bekannt dafür, dass er meist bei dickeren Gläsern und hoher Temperatureinwirkung irgendwo innerhalb der Glasfläche entsteht. Man fand ihn dort, wo hohe Temperaturunterschiede kurzfristig auftreten, große Zugspannungen erzeugen und so partiellen Glasbruch entstehen lassen, z. B. durch Schweißarbeiten in direkter Glasnähe, ohne Oberflächenberührung oder -beschädigung durch Schweißspritzer. Daher kommt auch die Bezeichnung „Wurmsprung“, da sich der kurze Anriss wie ein sich windender oder schlängelnder Wurm innerhalb der Scheibenfläche zeigt.

Heute werden bei Neuverglasungen und neuen Fenstern fast nur noch hochwärmedämmende 3-fach-Isoliergläser verbaut. Dadurch erhöht sich nicht nur die Gesamtdicke der ISO-Einheit, auch das Glasgewicht wird um meist 50 % erhöht, da statt mindestens 2 × 4 mm jetzt 3 × 4 mm Glas oder auch dicker – je nach Anforderung – verarbeitet wird.

Um die Mitarbeiter beim Verglasen der Fenster in der Fertigungslinie nicht durch zu hohe Glasgewichte gesundheitlich zu schädigen, werden Glassauger eingesetzt, die oft bis zu 500 kg und mehr Gewicht tragen können. Damit ist ein einfaches Handling von sehr großen und schweren Elementen durch eine einzige Person möglich. Zudem ist damit auch das weitere Bewegen der fertig verglasten Fensterelemente anhand der angesaugten Glasscheibe möglich.

Dass solche Sauger, insbesondere wenn sie nur aus einem großen Saugteller bestehen, sehr stark ansaugen müssen, ist verständlich. Dies führt jedoch gleichzeitig dazu, dass die angesaugte Glasscheibe auch zum Saugteller hin gebogen wird.

Dies allein ist meist noch kein Problem, denn das Ansaugen geschieht nicht spontan. Bereits durch das Anheben wird sich der Saugteller etwas weiter verformen, was zu einem zusätzlichen Unterdruck unter dem Teller und noch stärkerer Zugbelastung der Glasoberfläche führen kann.

Fatale Kombination

Wenn nun zum starken Ansaugen allerdings noch eine starke ruckartige Bewegung des Sauger dazukommt, um die Glasscheibe schnell vom Transportbock zu nehmen oder das gesamte Fensterelement an diesem einen Sauger hängt, kann das problematisch werden. Denn so entstehen gerade innerhalb des Saugtellers an der Glasoberfläche sehr große örtlich stark begrenzte Durchbiegungen und damit punktuell sehr hohe Zugspannungen, die zu einem kurzen, meist örtlich stark begrenzten Anriss führen können.

Erst nach Einbau des Fensterelements im Gebäude wird bei der Endreinigung des Nutzers oder durch das Reinigungsteam festgestellt, dass so ziemlich in Glasmitte ein „komischer Anriss“ vorhanden ist, der nicht erklärbar ist.

War das ein Steinwurf, ein Einschluss/Anriss bei der Glasherstellung oder gar eine durch Vandalismus entstandene Oberflächenbeschädigung?

Viele Aussagen sind hier bekannt, die aber alle an der tatsächlichen Bruchursache vorbeigehen: Es handelt sich hierbei um einen durch starke Saugwirkung, hohe Gewichte und/oder ruckartiges Aufnehmen der meist schweren Isolierglas- oder Fenstereinheit entstandenen „Wurmsprung“, also um einen sogenannten „Sauger-Wurmsprung“.

Dem Autor sind bisher mehrere Fälle bekannt, in denen meist mittig in der Glasscheibe die Oberflächenanrisse oder kurze Sprünge durch diese Art der Glassauger-Handhabe entstanden sind.

Ursache für den Wurmbruch

Grund für die Risse/Sprünge sind sehr hohe, kurzzeitig einwirkende Zugspannungen an der Glasoberfläche in einem sehr eng begrenzten Bereich unterhalb des Saugtellers, die durch starkes Ansaugen und ruckartiges Bewegen der angesaugten Isolierglaseinheit verursacht wurden.

Deshalb ist auch nur ein sehr kleiner wenige mm bis einige cm großer Einlauf an der jeweiligen Glasscheibe erkennbar.

Dieser tritt jeweils nur an der angesaugten Glasscheibe auf, was meist die Glasscheibe an der Glashalteleistenseite betrifft.

Nur in den Fällen, in denen der Bruch durch zusätzliches Ausbauchen oder andere Belastungsarten dieser Glasscheibe weitere Energie bekommt, läuft er weiter und kann evtl. sogar den Glasrand erreichen. Dies wäre dann der Fall, wenn beispielsweise zwischen Herstellort und Einbauort große Höhendifferenzen vorhanden sind, wie bei der Verglasung in sehr großen Höhen über NN ohne Druckausgleich. Bei genauer Analyse können mittels Bruchspiegel und Wallnerlinien meist, wenn auch nicht in jedem Fall, der Entstehungsort und der Bruchverlauf erkannt werden.

Das Fazit des Autors

Zur Vermeidung dieser „Sauger-Wurmsprünge“ empfiehlt es sich, schwere 2-fach- und 3-fach-Isoliergläser etwas „gefühlvoller“ vom Transportgestell zu nehmen und hierzu möglichst große und mehrere Saugteller zu verwenden. Bei sehr schwereren Glas-Einheiten und Fensterelementen ist der Einsatz von Greifern oder Untergreiffüßen sinnvoll. Damit kann man diesen Glasbruch sehr schnell und dauerhaft -vermeiden.—

  • Schematische Darstellung der Glasbelastung unter starker punktueller Saugwirkung, durch den Sauger eines Hebegerätes

  • 1 Scheibe mit Wurmbruch | 2 Detailansicht und Größe des Bruchs | 3 Wurmbruch vergrößert.

Ekkehard Wagner

Literatur

  1. Teil: Warum steckt der Wurm im Glas?
  2. Teil: Der Autor
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