GLASWELT Ausgabe: 04-2019

Innovationsforum

Der (deutsche) Fensterbau hat viel zu verlieren


Mit dem Smart Window von Oknoplast können Benutzer ihr Fenster ganz einfach zum Surfen im Internet oder Abspielen von Inhalten nutzen.

Mit dem Smart Window von Oknoplast können Benutzer ihr Fenster ganz einfach zum Surfen im Internet oder Abspielen von Inhalten nutzen.

In Zeiten von Preisdruck und geringen Fertigungstiefen kann ein Fensterbauer allein vielleicht nicht viel ausrichten. Aber gemeinsam mit Lieferanten und Partnern können engagierte Unternehmer den zukunftsfähigen Fensterbau von morgen mit gestalten. Um diesen Dialog in Gang zu bringen, wurde jetzt ein Innovationsforum gegründet. Teilnehmer untersuchen hier Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle und entwickeln neue Lösungen. Moderne Analysetools zeigen, was sich aus Sicht der Ressourceneffizienz lohnt. Denn nur nachhaltige Investitionen machen Unternehmen enkeltauglich.

  1. Teil: Der (deutsche) Fensterbau hat viel zu verlieren
  2. Teil: Ziele des Innovationsforums
  3. Teil: Wertschöpfungskette im Dialog

_ Bisher war Polen eher als das Herkunftsland der kostengünstigen Alternativen bekannt. Und nun das: Oknoplast bringt das Smart Window mit einem smarten Screen, der sich als Sonnenschutz, Tablet und interaktives Display nutzen lässt – oder ganz klassisch für den Blick in die Umgebung. Gerade einmal anderthalb Jahre nachdem Michael Walther (Urban) und Ivo Mersiowsky (Quiridium) die Idee zu einem Innovationsforum für den Fensterbau entwickelten und in ihrer Begründung Beispiele wie smartes Glas und vernetzte Fenster noch als gewagte Technologievision darstellten, ist die Umsetzung also bereits Realität. Klar, meinen einige Branchenkenner, das geht schon lange. Jedoch ist zwar vieles machbar, aber nicht alles auch sinnvoll.

Gerade das Beispiel smartes Glas zeigt das grundlegende Dilemma auf. Sowohl kostengünstige als auch innovative Fensterlösungen kommen inzwischen aus dem Ausland. Die Frage, ob ein Smart Window viel zu teuer ist oder durchaus auf Zahlungsbereitschaft im gehobenen Objektgeschäft trifft, greift zu kurz. Denn auch das Drumherum bis hin zu den Prozessen und dem Geschäftsmodell muss zum Produkt passen. Rechnen sich die höheren Material- und Herstellkosten? Wie lassen sich die zunehmenden Elementgewichte beim Einbau noch bewältigen? Wie geht man bei so teuren Elementen mit dem Glasbruchrisiko um? Und dann ist da noch das Thema Datenschutz …

Lässt sich noch günstiger produzieren?

Ähnliches gilt für die neuen Möglichkeiten zur Digitalisierung der Produktion. Lohnt sich der Einsatz von Robotik für die noch weitergehende Automatisierung der Fertigungslinien? Lässt sich also mit etwas kürzerer Durchlaufzeit der Preis pro Fenstereinheit noch ein wenig senken? Oder sollte man besser auf Mehrwertangebote im Onlineshop und auf innovative Servicekonzepte setzen? Wofür sich der Fensterbauer auch entscheidet, er kann jeden Euro nur einmal investieren – vom Zeitbedarf für die wirksame Umsetzung veränderter Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle einmal ganz abgesehen.

Digitalisierung mit Augenmaß

Der deutsche Fensterbau hat also viel zu verlieren; und er kann durch eine ressourceneffiziente Optimierung – einschließlich Digitalisierung mit Augenmaß – viel gewinnen. Weil es stets um das sinnvolle Verhältnis von Aufwand und Nutzen geht, wurde daraus die Idee eines Innovationsforums für den Fensterbau.

Ressourceneffizienz klingt kompliziert, ist aber kaufmännisch

Es geht um unternehmerische Ressourcen: Neben Geld sind dies Werkstoffe, Wissen und Zeit. Hinzu kommen jene begrenzten Ressourcen, die unser Planet Erde teils kostspielig und teils frei, jedoch in endlichen Vorkommen bereitstellt: Rohstoffe, Wasser, saubere Luft. Der Kaufmann versteht es anhand von Kosten-Nutzen-Abwägungen Zeit und Geld effizient einzusetzen. Der ehrbare Kaufmann übernimmt auch Verantwortung für Mensch, Gesundheit und Umwelt – und für die Zukunft. Wenn also beispielsweise in Sensoren und Aktoren für ein „Smart Window“ Edelmetalle und seltene Erden verwendet werden, dann ist das nicht allein eine Kostenfrage, sondern auch eine Frage der Rohstoffversorgungssicherheit und der Recyclingmöglichkeiten. Das Effizienzkriterium wird auf alle wichtigen Ressourcen erweitert. Der grundlegende Ansatz dazu stammt aus dem Innovationsmanagement: Das ideale Fenster erzeugt den größtmöglichen Kundennutzen mit dem geringstmöglichen Aufwand an Ressourcen. Verschiedene Innovationspfade können somit zum Ziel führen: Man kann den Nutzen steigern oder den Aufwand verringern. Man kann mit Hightechprodukten ausgewählte Nischen bedienen oder mit kostengünstigen Mittelklasseprodukten ganze Märkte transformieren. Zusammen mit Unternehmensethik und Strategie ist Ressourceneffizienz ein Kompass für Zukunftsentscheidungen.

Als Erstes braucht man Transparenz

Der Ausgangspunkt ist stets eine erste Bilanz von Aufwand und Nutzen, die oft bereits erste Einsparpotenziale aufzeigt. Dabei wird das gesamte Unternehmen analysiert: die Prozesse, das gesamte Produktportfolio und sogar die Lieferketten. Das klingt nach viel Aufwand, ist aber bei gut gepflegten Büchern (= Warenwirtschaftssystemen) aufgrund der im Unternehmen bereits vorhandenen Daten möglich. Diese Informationen werden zu aussagekräftigen Kennzahlen verdichtet und übersichtlich dargestellt. Die Teilnehmer erhalten hierfür eine zunächst kostenlose Software und Hilfestellung, sodass sensible Informationen nicht nach außen dringen. Im weiteren Verlauf kommen verschiedene Formate zum Einsatz:

Inhouse-Workshops für alle teilnehmenden Unternehmen umfassen eine Initialberatung und die Erarbeitung individueller Zielsetzungen. Im Rahmen von vertiefenden Beratungen und Kreativ-Workshops werden Szenarien zur Datenverarbeitung, Automatisierung und Produktgestaltung in ihren Auswirkungen vorab „im Labor“ untersucht.

Pilotprojekte bringen jeweils zwei bis vier eng kooperierende Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette zusammen, deren Ergebnisse exklusiv bleiben und höchstens als Zielerreichung veröffentlicht werden. Eine beratende Begleitung ist durchweg verfügbar.

Ein Runder Tisch für den Erfahrungsaustausch bringt die gesamte Branche voran. Die Treffen finden quartalsweise online und jährlich in Präsenz statt.

Unternehmen in Baden-Württemberg, die sich selbst auf Effizienzziele verpflichten und ihren Fortschritt berichten, werden vom Land gefördert. Unternehmen aus anderen Bundesländern, die Teil der Lieferkette eines Pilotunternehmens sind, können kostenneutral teilnehmen.

Anlass zur Beschäftigung mit den Leitthemen gibt es genug

Laut Einschätzung der Gütegemeinschaft Kunststoff-Fensterprofilsysteme (GKFP) konnten bislang eher die großen Unternehmen der Fensterbaubranche von Energieeffizienzmaßnahmen profitieren, während kleinere Betriebe mangels Analysewerkzeugen und personeller Ausstattung kaum Einsparungen realisiert haben. Zudem ist der weitaus bedeutendere Bereich der Materialkosten noch weitgehend unbeachtet geblieben.

Branchenexperten schätzen, dass Systemhäuser und Fensterbaubetriebe Verluste an wertvollen Werkstoffen und Vorprodukten im zweistelligen Prozentbereich in Kauf nehmen. Eine Analyse der Materialeffizienz, die alle Prozesse und das komplette Produktportfolio umfasst, kann also attraktive Einsparpotenziale erschließen.

Die durch Kosteneinsparung und Portfoliooptimierung mögliche Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit ist dringend erforderlich. Der deutsche Fensterbau steht durch den Wettbewerb gegenüber osteuropäischen Importen unter erheblichem Preisdruck. Daher schreitet die Konsolidierung der hiesigen Branche voran. Branchenexperten erwarten, dass nur diejenigen Unternehmen überleben werden, die sich jetzt zukunftsfähig aufstellen.

Dabei verringert der Kostendruck den Spielraum für Innovationen und anstehende Investitionen. Die digitale Transformation der Fensterbaubranche beginnt insofern eher zögerlich: Erste Online-Konfiguratoren und Web-shops fördern die kundenspezifische Produktvielfalt und erfordern eine entsprechende Flexibilisierung und Effizienzsteigerung der Produktion.

Einerseits ermöglicht die Digitalisierung Kosteneinsparungen durch Effizienzgewinne; andererseits bestehen erhebliche Risiken, wenn betriebliche Ressourcen wie Material und Energie, aber auch Arbeit und Geld bei diesem tiefgreifenden Wandel nicht zielführend eingesetzt werden. Insofern hilft eine bessere Transparenz von Produkten und Produktion, die strategische Planung durch Szenarioanalysen zu unterstützen.

Wegen der Umsetzungsorientierung des Innovationsforums werden auch jene weichen Themen angesprochen, die oft genug über Erfolg und Misserfolg entscheiden:

Strategien: Ob erschwingliche Standardlösungen für die flächendeckende energetische Sanierung oder leistungsstarke High-end-Lösungen für Smart-Home-Konzepte, eine Klärung der Unternehmensstrategie ist unabdingbar.

Geschäftsmodelle: Vorgefertigte Elemente zusammenbauen kann jeder, zumal moderne Maschinen zunehmend im Ausland stehen. Wer hingegen Planung, Wartung und andere Services geschickt einbezieht, kann unnachahmliche Alleinstellungsmerkmale entwickeln.

Führung: Nachdem Handlungsfelder identifiziert worden sind, soll „etwas“ anders werden: neue Daten erheben, Konstruktion verändern, andere Verhaltensweisen etablieren. Erfahrungsgemäß scheitern solche Vorhaben an fehlenden Vorbildern und mangelnder Zusammenarbeit. Unternehmenskultur und Führungshandeln können diesen Wandel unterstützen, damit aus Strategien Wirklichkeit wird.

Mitmachen können alle Zukunftsgestalter

Das Innovationsforum richtet sich an die gesamte Fensterbaubranche und legt besonderen Wert auf die enge Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungsketten. So kann der Fensterbauer beispielweise in Bezug auf die Profile Unterstützung vom Systemhaus erhalten. Bei der Frage, ob Stahleinlagen sich durch glasfaserverstärkte Kunststoffe ersetzen lassen, ist der Experte für Einbruchsschutz ebenso gefragt wie der Recycler. Ebenso können sich Anbieter von Verschattungslösungen in Bezug auf die Anschlussgestaltung und die Verbindung zur smarten Haustechnik einbringen.

Teilnehmen können neben Geschäftsführern auch Bereichsleiter. So werden Produktionsleiter eher die Optimierung im Werk zur modernen intelligenten Fensterproduktion im Blick haben. Ein Produktmanager könnte Impulse zur Reduzierung der Variantenvielfalt entwickeln. Und der Einkäufer erprobt, wie ein nachhaltiges Lieferantenmanagement gestaltet werden kann.

Junge Fensterbauer gesucht

Besonderer Wert wird auch auf die Beteiligung der nachrückenden Generation junger Fensterbauer gelegt, die in den nächsten Jahren die traditionsreichen Betriebe übernehmen und in die Zukunft weiterführen wollen. Insofern sind gerade Tandems mit sowohl langjähriger Erfahrung als auch frischen Ideen herzlich willkommen.—

Dr.-Ing. Ivo Mersiowsky

  • Fortschrittliche Produkte werden möglicherweise mit einem Überangebot an Funktionen ausgestattet – in der Folge steigt der Kundennutzen nicht mehr, während der Aufwand unverhältnismäßig hoch wird (eigene Darstellung).

  • Digitalisierung und Ressourceneffizienz im Fensterbau setzen die Einbeziehung der gesamten Wertschöpfungskette voraus (eigene Darstellung).

Grafik: Quiridium

Grafik: Quiridium

Literatur

  1. Teil: Der (deutsche) Fensterbau hat viel zu verlieren
  2. Teil: Ziele des Innovationsforums
  3. Teil: Wertschöpfungskette im Dialog
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