Absatzoase oder Fata Morgana?

Camillo Kluge
Redakteur

Mit nicht einmal 10.000 Euro zum Eigenheim, und zwar zu einem kleinen Neubau von knapp 40 m².  Klingt utopisch? Ist es aber nicht. Möglich machen soll das der 3D-Drucker eines amerikanisch-russischen Start-Up-Unternehmens.

So war es zumindest jüngst der Online-Ausgabe der „Welt“ zu entnehmen. Etwas weiter unten in dem Artikel fand sich auch eine Anzeige, die 3D-Drucker für Kleinserien im Bereich Werkzeug- und Formenbau schmackhaft machte.

Die Meldung sorgte bei mir für ungläubiges Erstaunen. Eine anfängliche Freude – vielleicht kann ich mir ja doch noch den kleinen Alterswohnsitz leisten? – wich aber schnell einer gewissen Skepsis und  Nachdenklichkeit. Denn wo führt diese neue Technik, dieser 3D-Drucker noch hin? Welche Möglichkeiten birgt diese Technik noch und vor allem: Welche Konsequenzen zieht das nach sich? Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis alle möglichen Produkte statt komplizierte und komplexe Produktionsstränge zu durchlaufen, einfach „ausgedruckt“ werden? Birgt das auch Folgen für die Branche, werden auch Fenster in naher Zukunft komplett von einem Drucker erzeugt? Werden bald Haustüren regelmäßig, dem aktuellen Farb- und Designtrend folgend, ausgetauscht, weil sie für kleines Geld in Nullkommanichts herzustellen sind? Sind vielleicht ganze Branchen somit vom „Aussterben“ bedroht?

Lieferanten für „Häusle-Drucker"

Sicher noch nicht heute. Das gedruckte Haus ist nur ein Rohbau, noch wird es ganz konventionell mit Fenstern und Türen ausgestattet. Sollte das Drucken von Häusern zu einem Erfolgsmodell werden, bietet sich da ja vielleicht eine Nische für Fensterhersteller. Ähnlich wie bei den Fertigbauhäusern könnten sich Produzenten als feste Lieferanten der „Häusle-Drucker“ bewerben. Zeigt sich damit also am Horizont eine neue Absatzoase für im Kampf um Märkte verstrickte Produzenten oder ist es doch nur eine Fata Morgana? Tritt demnächst ein Unternehmen auf den Plan, dass bis auf den Nanometer genau Fensterrahmen in allen Formen und Farben druckt? Aber wer kann schon verlässlich in die Glaskugel blicken?

Festzuhalten bleibt: Die Welt dreht sich immer schneller. Es ist keine 50 Jahre her, da besaßen Pkw nicht einmal Kopfstützen oder Sicherheitsgurte, von Airbags gar nicht zu reden. Heute fahren die ersten Autos völlig selbstständig, es wird nur noch ein Ziel eingegeben, den Rest macht der Computer. Anderes Beispiel: Es werden bereits Roboter eingesetzt, um Texte zu schreiben. Die bekommen ein paar Eckdaten geliefert, bei einem Fußballbericht zum Beispiel Torschützen und –minuten, Gelbe Karten und ähnliches, und schon fabrizieren sie einen kleinen Artikel. Diese sind noch genauso holprig wie die selbstständig fahrenden Autos noch nicht sicher sind, aber das sind im Prinzip nur Feinheiten, denn grundsätzlich funktioniert es ja. Oder die Computertechnik: Ein heutiges Smartphone soll mehr Speichervolumen haben als die Apollo 11, mit der Neil Armstrong auf dem Mond landete.

Was wir heute mit Computer, Smartphone und 3D-Drucker erleben und noch erleben werden, gab es im Prinzip bereits schon einmal. In den Jahrzehnten um das Jahr 1900, als eine intensivierte Mechanisierung einhergehend mit dem sich ausweitenden Gebrauch elektrischer Energie die zweite industrielle Revolution einläutete, haben sicher viele Menschen ebenso staunend vor einer Produktionsstraße gestanden wie wir heute vor dem 3D-Drucker. Die neue industrielle Revolution ist also bereits in vollem Gang, sie passiert nur kaum merklich in kleinen Schritten. Der Aha-Effekt stellt sich immer erst ein, wenn ein neuer Meilenstein erreicht wurde – wie das Drucken eines Hauses.

Ich frage mich, was das für Sie, unsere Leser bedeutet. Machen Sie sich darüber Gedanken, wie Ihr Gewerbe in 10, 20 Jahren aussieht? Wenn ja, wie sehen Ihre Überlegungen aus? Oder lassen Sie einfach alles auf sich zu kommen, reagieren erst bei Bedarf? Ich würde mich über Ihre Meinung zu diesem Thema freuen – Ihr Camillo Kluge

 

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