GLASWELT Ausgabe: 10-2013

Der Kommentar

Vom Walkie-Talkie zur Strahlenkanone

  1. Teil: Vom Walkie-Talkie zur Strahlenkanone
  2. Teil: Paul Bastianen

Wir alle wissen, dass Fassadenglas vielfältige Funktionen erfüllen kann, dass es aber auch zum Eier braten taugt, war den meisten bis vor Kurzem neu. Dass wir es jetzt wissen, verdanken wir dem Star-Architekten Rafael Viñoly. Denn die Hitzestrahlen, die das Londoner Hochhaus „Walkie-Talkie“ wie eine Strahlenkanone abgibt, waren tagelang das große Thema in der britischen Hauptstadt.

Am eigenen Leib oder besser gesagt am eigenen Auto hat es der Jaguar-Fahrer erlebt, dessen Außenspiegel dem Hitzestrahl zum Opfer gefallen und geschmolzen ist. Und im Fernsehen war zu sehen, wie Passanten die angesprochenen Spiegeleier auf der Straße gebraten haben.

Ich glaube fast alle in der Glas- und Fassadenbranche haben darüber gesprochen, dass die Glasfassade dort zum riesigen Brennglas wird, da sie aufgrund ihrer konkaven Form das Sonnenlicht bündelt. Unterstützt wird dieser Effekt durch die hochreflektierenden Sonnenschutzgläser.

Und der Architekt? Der sagte vor der Presse, dass es früher in London weniger sonnig gewesen sei. Was ist denn das für eine Aussage? Weiter erklärte er, dass an der Südseite anfangs schon Sonnenschutz-Lamellen eingeplant waren, wohl aus Kostengründen aber weggelassen wurden. Hier haben viel Beteiligte versagt, allen voran der Architekt. Dann aber dicht gefolgt von den Fachingenieuren und nicht zuletzt vom Bauträger und der Gemeindeverwaltung. Die hat Gefahr nicht kommen sehen. Gerade bei Hochhäusern im Stadtzentrum muss es doch heute im Vorfeld umfangreiche Licht- und Schattensimulationen geben, um den Einfluss des neuen Gebäudes auf seine Umgebung zu prüfen. So ist in Rotterdam z.B. hoch reflektiertes Glas schon seit über 20 Jahr verboten.

In Sachen Glasauswahl hätte sich der Architekt bei der Gestaltungsfindung besser vorab von der Glasindustrie beraten lassen: Denn bei allen reflektierenden Sonnenschutzgläsern wird neben dem t-Wert und dem g-Wert auch der sogenannte Shadow-Koeffizient angegeben sowie die Außenreflexion. Aber auch die Gebäudeform ist relevant, wie das Beispiel aus London zeigt. Das haben die Planer nicht berücksichtigt und das wird teuer, denn nun müssen die Gläser ausgetauscht werden oder es ist ein Sonnenschutz anzubringen.

Neu ist das Problem für Rafael Viñoly allerdings nicht. Bereits bei seinem Hochhaus in Las Vegas gab es ein ähnliches Problem. Dort sind aufgrund der Hitzestrahlen die Liegestühle am Swimmingpool geschmolzen. Wie heißt es immer, der Aufwand für den sommerlichen Wärmeschutz ist wesentlich teurer als der für den Kälteschutz im Winter. Nun für das Walkie-Talkie in London trifft das jetzt definitiv zu. Allerdings eher unfreiwillig.

Literatur

  1. Teil: Vom Walkie-Talkie zur Strahlenkanone
  2. Teil: Paul Bastianen
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