GLASWELT Ausgabe: 08-2017

Bericht eines Sachverständigen

So bekommen Sie den „Profilschrumpf“ in den Griff

Seit rund 10 Jahren werden vermehrt Schadensfälle an dunklen Kunststoff-Fenstern festgestellt. Häufig zeigt sich dabei eine starke Durchbiegung der Profile in Richtung der Raumseite. Der Auslöser ist ein durch Hitze ausgelöster „Profilschrumpf“ auf der von der Sonne erhitzen Seite der Fenster. In diesem Beitrag kommt der Sachverständige Jürgen Sieber den Ursachen dafür auf die Spur und dabei klärt er auch, was haben gute Fenster mit einem guten Wein gemeinsam haben.

  1. Teil: So bekommen Sie den „Profilschrumpf“ in den Griff
  2. Teil: Der Autor

_ Die Ursache für die Durchbiegung und deren Stärke liegen neben Extrusionsspannungen zum größten Teil in Fehlern, die sowohl in der Fertigung der Fenster als auch in der Montage der Elemente liegen.

Gutachterlich stellt sich immer die Frage: „Woran liegt es, dass sich Fenster auf der einen Baustelle konkav verziehen, während die Fenster auf der anderen Baustelle lotrecht stehen bleiben, obwohl es sich um dieselben Fenster-Systeme handelt oder teilweise sogar um denselben Fensterhersteller?“

Gutachten in diesem Bereich sind aufwendig

Ohne Ausglasen der Scheiben und ein „Zerlegen“ der Fenster kann in aller Regel keine gutachterliche Bewertung vorgenommen werden. Beim gerichtlichen Ortstermin werden also zuerst die „Basics“ der Fertigung überprüft – bei dunklen Profilen sehen die Systemgeber andere Verarbeitungsbedingungen vor als bei weißen Profilen, daher werden folgende Punkte geprüft:

Wurden die Größenbegrenzungen des Systemgebers eingehalten?

Stimmt die Stärke und Form der Armierungen mit den Vorgaben für dunkle PVC-Profile überein?

Entspricht die Länge der Armierung den Vorgaben des Systemgebers?

Wurden die Armierungen so verschraubt, wie es die Handbücher für die Kunststoff-Fensterherstellung vorsehen?

Im Anschluss werden die Montagevorgaben für dunkle Profile überprüft:

Stimmen die verwendeten Befestigungsmittel mit der Windlast und der Druckfestigkeit des Mauerwerks überein?

Stimmt der Abstand der Befestigungsmittel?

Wurden evtl. verwendete, dunkle Verbreiterungen mit einer Armierung verstärkt oder wurden diese (wie häufig beobachtet) ohne Stahlverstärkung an die Rahmen montiert?

Wurden im Boden- und Deckenbereich die Verbreiterungen mit Montagewinkeln versehen?

Gerade der letzte Punkt, die Verwendung von Montagewinkeln, wird in den Handbüchern der PVC-Systemgeber sowie in der Technischen Richtlinien Nr. 20 (Montage von Fenstern- und Fenstertüren) seit vielen Jahren gefordert, ohne dass es im Alltag bei der Montage beachtet wird.

Der Einsatz von solchen Winkeln – speziell bei hohen Profilaufbauten im unteren Bereich – verhindert eine Profildurchbiegung bzw. begrenzt diese auf ein Minimum.

Bei hohen Bodenaufbauten mit großen Verbreiterungen im Sockelbereich wird oft der Fehler gemacht, dass die Aufdoppelungen keine Stahlarmierungen besitzen. Aber diese Stahlarmierungen sind bei dunklen Kunststoff-Fenstern bei allen deutschen PVC-Systemgebern obligatorisch.

Im Merkblatt „Besondere Empfehlung für die Planung und den Einsatz von farbigen Kunststoffprofilen für Fenster und Haustüren“, herausgegeben von der Gütegemeinschaft für Kunststoff-Fensterprofile e.V., steht ein wichtiger Abschnitt:

„Bei kritischen Einbaulagen von Fenstern und Türen ist eine rechtzeitige Rücksprache mit dem Systemgeber erforderlich. Der Einsatz von Profilen mit farbigen Oberflächen in solchen Einbausituationen bedarf einer gesonderten Planung. Es sind die Anschlussbereiche so zu wählen, dass keine zusätzlichen Wärmeeinträge in die Konstruktion erfolgen.“

Dies heißt, dass der Einsatz von dunklen Kunststoff-Fenstern im Bereich von stark sonnenerwärmten Gebäudeteilen, wie der Südseite, Penthouswohnungen, Fenster oberhalb von Solaranlagen etc. speziell geplant und durchdacht werden muss und die Rücksprache mit dem Systemgeber nötig ist.

Eine Möglichkeit ist beispielsweise, diese Fenster mit Sonderarmierungen zu versehen.

Welcher Verzug ist bei PVC-Fenstern zulässig?

Für den Verzug von PVC-Fenster liegen keine Normen vor. Gutachterlicherseits orientiert man sich an den Klimaklassen bei Holzhaustüren, die einen Verzug von 4,0 mm auf einer „Haustürlänge“ erlauben, bei Festverglasungen darf der Verzug auch mal etwas größer sein, jedoch immer mit der Einschränkung, dass Luftdichtigkeit, Schließkraft und Schlagregendichtheit erfüllt bleiben.

Arbeitet man im Dach- und Terrassenbereich mit einer Flüssigabdichtung, gelten die maximalen Ausdehnungswerte für Flüssigabdichtungen, die in aller Regel auf 3 mm begrenzt sind.

Resümee

Dunkle Kunststoff-Fenster herzustellen, die sich auch bei erhöhter Wärmeeinstrahlung nicht verziehen ist möglich. Bei der Fertigung dieser Fenster müssen u. a. jedoch folgende Dinge beachtet werden:

Der Armierungsstahl muss entsprechend dick und auf das Längenmaß des PVC-Profils angepasst sein. Rasterlängen sind hier nicht geeignet. Vielmehr muss die Armierungslänge individuell angepasst werden

Neben den Größenbegrenzungen für dunkle PVC-Profile muss – im Zuge der vermehrt eingesetzten 3-fach-Isoliergläser – auch das Glasgewicht überprüft werden.

Gegebenenfalls muss das Isolierglas auch mal eingeklebt werden, um den unteren Querfries zu entlasten.

Die Armierung muss eng mit dem PVC verschraubt werden.

Die Größenbegrenzungen der Systemgeber haben einen Sinn. Diese einzuhalten – auch wenn man einen Architektenwunsch nicht erfüllen kann – sind unabdingbar.

Die Befestigungsmittel müssen der Windlast und dem Festigkeitswert des Steines angepasst werden.

Montagewinkel für die Befestigung der Verbreiterungen sind seit vielen Jahren in den Regelwerken vorgeschrieben. Diese verhindern – speziell im unteren Bereich – eine Durchbiegung des Elements.

Verbreiterungen sind mit Stahlarmierungen zu versehen.

Ist dennoch ein leichter Verzug aufgetreten, der zu Undichtigkeiten führt, kann dieser durch Einsatz von Glasfalzarmierungen und größeren Dichtungen u.U. behoben werden.

Für den Endkunden bedeutet dies: Fenster, die nach diesen Regeln produziert werden sind qualitativ hochwertig und nicht für einen billigen Preis zu bekommen.

Und wo ist nun der Vergleich mit einem guten Wein? Ganz einfach. Ein guter Wein ist wie ein gutes Fenster, er muss bei der Produktion sorgfältig gepflegt werden, beim Ausbau braucht es die langjährige Erfahrung eines Kellermeisters und eine gute Qualität braucht ihre (Reife)zeit.

„Pennerglück“ für 3 Euro 50 die 1,5 Literflasche gibt es beim Discounter, den Katzenjammer inbegriffen.—

  • In einem ausgeglasten Flügel wird mit einem Kronenbohrer eine „Probe“ der Armierung aus dem Glasfalz gezogen. Die erste Schraube, welche die Armierung fixiert, ist um mehr als das doppelte Maß von der Ecke der Schweißnaht entfernt, als die Vorgabe des Profilsystemgebers. Auch ist die Armierung deutlich zu kurz. Dies wird mit einem 2 mm Bohrer getestet, mit dem der Beginn der Armierung geprüft wird. Zu kurze Armierungen führen im Eckbereich zu einem Verdrehen der Profile, sowohl horizontal als auch vertikal. Eine starke Undichtigkeit ist die Folge.

  • Ein Wegdrehen der Ecken hat zur Folge, dass sich zwischen Anputzleiste und Fensterrahmen ein Spalt öffnet. Häufig zeigt sich hier eine Undichtigkeit. Aber selbst wenn das Fenstersystem dicht bleibt, ist dies für den Endkunden häufig ein Zeichen, dass an den Elementen etwas „nicht stimmt“.

  • Montagewinkel für die Verwendung bei unterschiedlich hohen Verbreiterungen.

  • Die Durchbiegung (hier 8 mm) wird durch die Verwendung von o.g. Montagewinkeln deutlich reduziert.

  • Ungefähr einen Meter unter diesem Rollladen befindet sich eine Solaranlage, die eine unzulässige Wärme-Einstrahlung auf den Rollladen erzeugt. Temperaturen von ca. 100 °C sind dabei entstanden. Bei diesen Temperaturen versagen alle im Markt befindlichen Systeme. Wenn möglich und erkennbar muss ein solcher Auftrag abgelehnt werden. Hier liegt aber eindeutig ein Planungsfehler vor.

Foto: Sieber/Veka/SFS

Literatur

  1. Teil: So bekommen Sie den „Profilschrumpf“ in den Griff
  2. Teil: Der Autor
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