Vögele: Große Glasflächen sind nach wie vor ein zentrales Gestaltungselement zeitgemäßer Architektur. Gleichzeitig rücken Themen wie Überhitzung, Energiebedarf und „einfaches Bauen“ stärker in den Fokus (siehe Artikel Seite 42). Müssen wir den Umgang mit Glas neu denken?
Rehberger: Nicht grundsätzlich neu, aber bewusster. Glas bleibt wichtig für Tageslicht und Aufenthaltsqualität im Gebäude. Gleichzeitig stoßen große Glasflächen schneller an Grenzen, vor allem im Sommer. Wir müssen sie noch besser planen, und damit sind wir direkt beim Sonnenschutz.
Vögele: Genau. Ich sehe auch, dass Sonnenschutz heute stärker als integraler Bestandteil gedacht werden muss. Wenn wir aber immer mehr Technik brauchen, widerspricht das nicht dem „einfachen Bauen“?
Rehberger: Nicht unbedingt. „Einfach bauen“ heißt ja, Komplexität sinnvoll zu reduzieren. Das kann und sollte auch bedeuten, den Glasanteil und die Leistung der verbauten Gläser klüger zu planen. Auch wenn das Gebäude an sich einfacher wird, können komplexere Gläser verwendet werden, die mehr leisten als ein heutiges Standard-Isolierglas.
Vögele: Dann geht es künftig also nicht nur per se um weniger Glasflächen, sondern vor allem um bessere und klüger eingesetzte Gläser?
Rehberger: Ja. Ich denke, es wird beides geben: reduzierte Glasanteile und weiterhin transparente Fassaden-Architektur, aber funktionaler gedacht. Orientierung, Nutzung und Verschattung spielen eine zunehmend wichtigere Rolle. Das verändert auch die Planung des Sonnenschutzes.
Vögele: Früher hat Sonnenschutz oft Probleme nachträglich kompensiert, die aus der Planung entstanden sind. Heute müsste man beides von Anfang an zusammen denken. Wir bewegen uns also weg von maximaler Transparenz hin zu einer klugen Balance aus Licht, Energie und Komfort.
Rehberger: Richtig. Sonnenschutz wird vom „Reparaturwerkzeug“ zum Planungsinstrument. Früh integriert, kann er einfacher und wirtschaftlicher umgesetzt werden, ganz im Sinne des einfachen Bauens. Entscheidend ist das ausgewogene Zusammenspiel von Glas, Sonnenschutz und Technik. Je besser das abgestimmt ist, desto effizienter und oft auch einfacher wird das Gebäude. Ihnen viel Spaß mit der neuen GW-Ausgabe.