Als ich die Wohnung betrete, wirkt zunächst alles unauffällig. Ein moderner Neubau von 2022. Hochwertige Ausführung, raumhohe Fensterelemente mit 3-fach-Verglasung, Fußbodenheizung, eine dezentrale kontrollierte Wohnraumlüftung. Eigentlich genau die Art von Gebäude, bei der man eines sicher nicht erwartet: Schimmelschäden. Die Bewohnerin sieht mich an und sagt: „Ich verstehe das nicht. Das ist doch ein Neubau.“ Ein Satz, den ich in den letzten Jahren immer häufiger höre. Und der Schaden sitzt dort, wo man ihn erwartet: Im Schlafzimmer, direkt beim Fenster: Leichte Verfärbungen an der Leibung, Spuren entlang der Sockelleiste. Die erste Schlussfolgerung ist schnell getroffen: „Das Fenster oder der Fenstereinbau stellen das Problem dar.“ Ist das wirklich so?
Die Messung widerspricht der Intuition
Wie so oft liefert eine umfassende bauphysikalische Untersuchung ein klares Bild: keine erhöhte Baustofffeuchte, maximal 43 Digits bei einer Skalierung von 0-200 Digits, die Werte lagen also im Bereich unauffälliger Referenzwerte. Oberflächentemperaturen mit 16 °C deutlich über kritischen Grenzwerten, kein Unterschreiten des Temperaturfaktors fRsi = 0,7. Der Minimalwert lag bei fRsi = 0,74, also oberhalb der schimmelkritischen Grenze, damit lagen keine schadensträchtigen Wärmebrücken vor. Mit anderen Worten: Das Bauteil funktioniert einwandfrei. Trotzdem ist der Schaden da.
Der entscheidende Moment: Ein unscheinbares Detail
Ich trete näher ans Fenster. Im Gespräch erwähnt die Bewohnerin beiläufig einen Umstand, der sich später als entscheidend herausstellt: Vor dem Fenster hing bis kurz vor der Befundaufnahme ein dichter Vorhang. Er wurde jedoch bereits entfernt – weil auch er Schimmel angesetzt hatte. Der Vorhang hing dicht vor dem raumhohen Fensterelement, nachts geschlossen, oft auch tagsüber. Was dabei passiert, bleibt meist unbemerkt: Die warme Raumluft kann nicht mehr an der Oberfläche entlang strömen. Die Konvektion wird unterbrochen, es kommt zu einer reduzierten konvektiven Wärmeübertragung. Hinter dem Vorhang entsteht ein eigener klimatischer Bereich – ein kleines, abgeschirmtes Mikroklima.
Warum dieses Mikroklima problematisch ist
Zusätzlich wird die Lüftung im Schlafzimmer häufig abgeschaltet, was auch zum Zeitpunkt der Befundaufnahme der Fall war. Gleichzeitig gibt der Mensch durch Atmung und Transpiration kontinuierlich Feuchtigkeit ab. Die Luftfeuchtigkeit steigt. Normalerweise würde diese Feuchte über die dezentrale Wohnraumlüftung abgeführt werden. In diesem Fall bleibt sie aber im Raum und trifft genau dort auf eine leicht abgekühlte Oberfläche – hinter dem Vorhang.
Die Oberflächentemperatur am Bauteil wird bei entsprechender Witterung so niedrig, dass die auf den kalten Bauteil treffende Luftmasse augrund der Unterschreitung der Taupunkttemperatur an der Bauteiloberfläche kondensiert. Nicht sichtbar im Raum, sondern genau dort, wo kaum jemand hinsieht: hinter dem Vorhang.
Denkfehler: „Die Luftfeuchte passt doch“
Viele orientieren sich an der relativen Luftfeuchte. „Wir haben eh nur 50 %“, lautet die typische Aussage. Was dabei übersehen wird: Die relative Luftfeuchte ist nur ein Verhältniswert – keine absolute Größe.
Entscheidend ist die tatsächlich in der Luft enthaltene Wassermenge – die absolute Luftfeuchte (g/m³). Bei 20 °C entsprechen bereits rund 40 % relativer Luftfeuchte etwa 7 g/m³. Bei 22 °C sind es nur noch rund 36 %, bei 24 °C etwa 32 %.
Diese Größenordnung ist auch normativ relevant: Im Beiblatt 4 der ÖNORM B 8110-2 wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass eine absolute Luftfeuchte von etwa 7 g/m³ anzustreben ist, um das Schimmelrisiko auf ein Minimum zu reduzieren. Das bedeutet in der Praxis: Werte von 45 bis 50 % relativer Luftfeuchte können – insbesondere bei höheren Raumtemperaturen – bereits im kritischen Bereich liegen.
Warum moderne Gebäude anfälliger wirken
Im Gespräch fällt ein Satz, der vieles erklärt: „Früher hatten wir das nie.“ Das stimmt – aber nicht aus den Gründen, die oft vermutet werden. Bei älteren Gebäuden sind die Gebäudehüllen nicht luftdicht ausgeführt, damit erfolgt ein höherer natürlicher Luftwechsel, sie sind aber weniger energieeffizient.
Heute verfügen moderne Gebäude hingegen über eine weitestgehend dichte Gebäudehülle, benötigen aber einen kontrollierten Luftwechsel und verfügen über eine hohe energetische Qualität. Das System ist aus energetischer Sicht besser – aber sensibler. Oder anders formuliert: Das Gebäude funktioniert – aber es verzeiht weniger Fehler.
Am Ende ergibt sich ein klares Gesamtbild: Nicht das Fenster. Nicht die Konstruktion. Nicht ein Ausführungsfehler. Sondern ein Zusammenspiel aus reduziertem Luftwechsel, lokal eingeschränkter Luftzirkulation, unterschätzter Feuchtebelastung und einem Mikroklima, das im Alltag nicht wahrgenommen wird.
Solche Schadensbilder treten heute vor allem auf in Neubauten, nach Fenstertausch und nach energetischen Sanierungen. Die zentrale Erkenntnis lautet: Schimmelschäden entstehen heute häufig nicht durch mangelhafte Bauphysik, sondern durch fehlendes Verständnis für die veränderten Randbedingungen.
Was kann man dagegen tun?
Wichtig ist beispielsweise, Lüftungssysteme nicht abzuschalten – insbesondere nachts. Und die Luftfeuchte aktiv überwachen. Vorhänge und Möbel nicht direkt vor Fenstern platzieren. Räume gleichmäßig temperieren. Und vor allem: Nicht nur in relativer Luftfeuchte denken – sondern in absoluter.
Der vorliegende Fall zeigt exemplarisch, wie sich die Anforderungen an Gebäude und deren Nutzung verändert haben. Die Technik funktioniert. Die Bauphysik stimmt. Doch der entscheidende Faktor bleibt: der Mensch im Gebäude. Oder, auf den Punkt gebracht: Nicht das Fenster verursacht den Schaden – sondern das, was davor passiert.
Foto: Paul Michael Böhm
Foto: Paul Michael Böhm
Foto: Paul Michael Böhm
Foto: Paul Michael Böhm
Foto: Paul Michael Böhm
Praxisregel
Nicht in % denken – sondern in g/m³
Zielwert laut Bauphysik: ca. 7 g/m³ absolute Luftfeuchte
- Bei 20 °C entsprechen etwa 40 % relativer Luftfeuchte bereits den kritischen Wert von 7 g/m³ absolute Luftfeuchte.
- Bei 22 °C sind es nur noch 36 %,
- bei 24 °C etwa 32 %.
Entscheidend ist die tatsächliche Feuchtemenge – nicht der Prozentwert.