Mit bauwerkintegrierter Photovoltaik (BIPV) werden Fassaden, Dächer und Balkonverglasungen zu aktiven Flächen für Energiegewinnung. Welche Lösungen bereits am Markt verfügbar sind, welche baurechtlichen Anforderungen gelten und welche Entwicklungen zu erwarten sind, zeigte ein Webinar des Bundesverbandes Flachglas am 27. Oktober 2026.
Fünf Fachleute aus Verband, Forschung und Industrie beleuchteten bei der BF-Veranstaltung die BIPV aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Im Mittelpunkt standen aktuelle technische und regulatorische Entwicklungen, verfügbare Produkte und Systemlösungen sowie Erfahrungen aus umgesetzten Projekten. Der Fokus lag dabei auf Glas- und Fassadenanwendungen. Steffen Schäfer, Referent Normung und Technik beim BF, führte durch die Veranstaltung.
Semitransparente BIPV in der Gebäudehülle
Sina Rüße, Product Management Value Engineering Façade & Sun Shading bei Schüco, referierte zum Thema „Zwischen Transparenz und Energiegewinnung – semitransparente BIPV in der Gebäudehülle". Vorgestellt wurde ein flexibles Komplettsystem für Kalt- und Warmfassaden, Lichtdächer sowie Sonderanwendungen wie Sonnenschutz- oder Geländerlösungen.
Züblin / Niels Schubert / Schüco International KG
Die Module sind in Größen von 200 x 200 mm bis 2200 x 5500 mm verfügbar. Sie lassen sich als ESG, VSG sowie als 2-fach- oder 3-fach-Isolierglas ausführen und sind mit den Schüco Fassadensystemen AF VC, FWS 50/60 und AOC 50/60/75 kompatibel. Aktuell stehen mehr als 800 Farben zur Auswahl.
Je nach Zellbelegung sind optische Transparenzen zwischen 10 und 90 Prozent, Modulleistungen zwischen rund 110 und 190 Wp/m² sowie g-Werte von 0,15 bis 0,44 realisierbar.
Als Referenzprojekte zeigte die Referentin von Schüco u.a. das Headquarter von Drees & Sommer in Stuttgart, den AES Pavillon von Phoenix Contact in Blomberg, Gebäude 7 von SMA in Niestetal, das sanierte Hochhaus Z2 in Stuttgart sowie das Gebäude B-One in Berlin.
Baurechtliche Anforderungen an BIPV
Robert Kirchner von der GES – Gebäude- und Energiesysteme GmbH erläuterte die baurechtlichen Anforderungen an BIPV. Thematisiert wurden nationale Verwendbarkeitsnachweise in Form der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung und der allgemeinen Bauartgenehmigung, die Normenreihe DIN 18008, Hinweise der Fachkommission Bauaufsicht sowie das Eckpunktepapier zum Brandverhalten.
Hintergrund ist, dass DIN 18008 das Produkt Verbundsicherheitsglas in Verbindung mit Solarzellen und PV-typischen Verkapselungsmaterialien wie EVA, POE oder EPE bislang nicht abdeckt.
Als Umsetzungsbeispiel diente das Wassersporthotel Regattastraße in Berlin mit rund 100 m² Südfassade in einem RAL9005-ähnlichen Farbton. Das Projekt umfasst zwei Modulabmessungen (36- und 60-Zeller), ein Frontglas aus 6 mm teilvorgespanntem Weißglas in satinierter Ausführung sowie ein Rückglas aus 5 mm teilvorgespanntem Glas. Die installierte Leistung beträgt 10,8 kWp.
In einem weiteren Beispiel – der Sanierung eines 18-geschossigen Hochhauses von rund 60 m Höhe – errechnete Kirchner für die Südwestseite mit rund 500 m² und 61 kWp einen Jahresertrag von 44286 kWh. Für die Südostseite mit rund 432 m² und 53 kWp ergaben sich 37524 kWh.
Die Forschung an Photovoltaik-Sonnenschutzgläsern bildete Stephan Heise vom Institut für Vernetzte Energiesysteme des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR) präsentierte Ergebnisse des Forschungsprojekts „PV-SoGla" zu Photovoltaik-Sonnenschutzverglasungen.
Statt die einfallende Sonnenenergie wie bei klassischen Sonnenschutzverglasungen zu reflektieren oder zu absorbieren, soll sie durch semitransparente Photovoltaik nutzbar gemacht werden. Als Absorbermaterial dient eine wenige Nanometer dünne Schicht aus amorphem Germanium, die sich durch Sputtern in bestehenden Produktionslinien der Glasindustrie herstellen lässt.
Züblin / Niels Schubert / Schüco International KG
Die Forschungsarbeiten zeigen, dass sich mit einem vollständig gesputterten Schichtsystem aus AZO, Titanoxid, Germanium und Molybdänoxid sowohl PV-Funktionalität als auch Farbneutralität in Durchsicht und Außenansicht erreichen lassen.
Dickenschwankungen von wenigen Prozent erwiesen sich in Transmission als unkritisch, während für eine homogene Außenansicht engere Toleranzen notwendig sind. Gefördert wurde das Projekt durch das Programm „Zukunft Bau" des BMWSB.
Rahmenlose Module für die hinterlüftete Fassade
Christof Erban von Sunovation sprach in seinem Vortrag „Das geht nicht mehr weg" über gebäudeintegrierte Photovoltaik in der vorgehängten hinterlüfteten Fassade (VHF). Vorgestellt wurden projektindividuell konfigurierbare BIPV-Module mit variablen Formaten, Glasaufbauten, Oberflächen und Farben.
Die rahmenlosen Module werden über rückseitig geklebte Backrails und Agraffen in marktgängige VHF-Unterkonstruktionen eingehängt. Sie verfügen über eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung sowie eine Bauartgenehmigung des DIBt und erfüllen die elektrischen Sicherheitsanforderungen nach IEC 61730, IEC 61215 und IEC 61701. Nach EN 13501-1 sind sie als schwer entflammbar (B-s1,d0) klassifiziert. Der Hinterlüftungsspalt zwischen Membran und Fassadenbekleidung beträgt gemäß DIN 18516-1 mindestens 20 mm.
Helmut Rohwetter, Vorstandsvorsitzender der Allianz Bauwerkintegrierte Photovoltaik e. V. und zugleich bei Brüninghoff Energy Solutions tätig; rückte die zentrale Rolle der Bau- und Immobilienwirtschaft zur Erreichung der Klimaziele in den Vordergrund.
Neben der CO₂-Vermeidung während Planung, Vorfertigung und Bau ging es insbesondere um den Betrieb von Gebäuden sowie um Photovoltaik-Fassaden als zusätzliche Energiequelle. Er unterstrich nicht nur die Möglichkeiten, aus passiven Fassaden aktive Energieerzeuger zu machen, sondern auch die Notwendigkeit, solche Systeme künftig deutlich mehr einzusetzen, als dies heute der Fall ist.
Im Anschluss an die Vorträge nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit zu einer offenen Fragerunde. Das Webinar richtete sich an Architekten, Fachplaner, Glasverarbeiter, Fassadenbauer, Bauherren und Projektentwickler sowie an alle, die sich mit nachhaltigen Gebäudekonzepten und der Integration von Photovoltaik in die Gebäudehülle beschäftigen.