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Interview mit Jochen Grönegräs vom Bundesverband Flachglas (BF)

Fenster, Glas und die neue BauPVO – 34 Normen auf dem Prüfstand

GW – Herr Grönegräs, der BF hat mit dem VFF und weiteren Verbänden die Bundesbauministerin Verena Hubertz aufgefordert, dem geplanten EU-Normungsauftrag für Fenster und Türen nicht zuzustimmen. Nennen Sie bitte Details dazu.

Jochen Grönegräs – Dieses The­ma geht beide Branchen an. Fenster und Türen sind der erste besonders sichtbare Anwendungsfall dafür, wie die neue Bauproduktenverordnung in konkrete Produktnormen übersetzt wird. Der derzeitige Entwurf zum Standardisation Request würde bei individuell konfigurierten Produkten eine enorme Zahl zusätzlicher Prüfungen, Nachweise und Dokumentationspflichten auslösen. Deshalb fordern wir gemeinsam eine grundlegende Überarbeitung. Und für uns als Glasbranche kommt ein zweiter Punkt hinzu: Der Fensterhersteller kann die Leistung und künftig insbesondere die Umweltdaten seines Fensters nur deklarieren, wenn er entsprechende Daten seiner Komponenten erhält. Glas hat typischerweise einen erheblichen Anteil an Masse und CO₂-Fußabdruck des Fensters. Damit wird der Isolierglas-Hersteller zum wichtigen Datenlieferanten.

GW – Bedeutet die neue Verordnung denn, dass Flachglas- und Isolierglas-Hersteller ihre CE-Kennzeichnung jetzt schon umstellen müssen?

Grönegräs – Nein, und das ist eine wichtige Botschaft. Die neue Bauproduktenverordnung gilt zwar bereits, für unsere Produkte greifen die neuen Verfahren aber erst, wenn neue harmonisierte Produktnormen nach dieser Verordnung vorliegen. Basisglas, ESG, VSG, beschichtetes Glas und Mehrscheiben-Isolierglas werden deshalb weiterhin nach den bekannten Normen und nach dem bisherigen System deklariert. Entscheidend ist also nicht das Inkrafttreten der Verordnung, sondern wann die ­jeweilige neue Produktnorm im EU-Amtsblatt zitiert wird.

Der Digitale Produktpass wird kommen. Gerade ­deshalb ­sollten die Betriebe ­heute schon ihre ­Datenstrukturen und verfügbaren EPD-Daten im Blick haben

BF-Geschäftsführer Jochen Grönegräs

Matthias Rehberger / GW

GW – Wo steht die Glasbranche bei diesem Prozess und wie unterstützt der BF die Betriebe?

Grönegräs – Wir haben erreicht, dass die Glasnormung über ein Fast-Track-Verfahren deutlich nach vorne gerückt ist. Das war wichtig, weil Glas ursprünglich erst lange nach Fenstern und Außentüren bearbeitet werden sollte. Heute werden beide Bereiche zeitlich enger aufeinander abgestimmt. Das ist keine Formalie: Künftige harmonisierte Normen sollen nur noch datierte Verweise enthalten. Würde die neue Fensternorm auf alte Glasnormen verweisen, müssten später erneut Anpassungen vorgenommen werden. Für die Produktfamilie Flachglas, Profilbauglas und Glassteine wird derzeit Meilenstein III abgeschlossen; auf dieser Basis soll der eigentliche Normungsauftrag für Glas – der SReq GLA – entstehen. Einen finalen Auftrag gibt es noch nicht. Wir warten auf die Rückmeldung der EU-Kommission, diese wird Ende des Jahres er­wartet.

GW – Was kommt anschließend konkret auf die Unternehmen zu?

Grönegräs – Das wird ein mehrjähriger Prozess. Nach heutigem Arbeitsstand müssen rund 34 Produktnormen für Bauglas neu geschrieben oder überarbeitet werden. Die Umstellung dürfte paketweise erfolgen, beginnend mit Basisglas; Mehrscheiben-Isolierglas folgt voraussichtlich deutlich später. Arbeitsentwürfe bewegen sich derzeit grob in einem Zeitraum von 2028 bis 2032 – das ist ausdrücklich noch kein verbindlicher Terminplan. Gleichzeitig werden Nachhaltigkeitsdaten wichtiger: Zunächst geht es insbesondere um das Treibhauspotenzial, später kommen weitere Umweltindikatoren hinzu. Auch der Digitale Produktpass wird kommen. Gerade deshalb sollten Unternehmen heute schon ihre Datenstrukturen und verfügbaren EPD-Daten im Blick haben.

GW – Blicken Sie nun mit Sorge auf die neue Bauproduktenverordnung?

Grönegräs – Mit Respekt vor dem Aufwand, aber keineswegs nur mit Sorge. Die neue BauPVO bietet auch Chancen. Der jahrelange Zitier­stau bei unseren Normen kann endlich aufgelöst ­werden, mehr als 30 Glasnormen werden nach einheitlichen Regeln überarbeitet und besser mit den Fenster- und Fassadennormen abgestimmt. Umweltinformationen können außerdem zu ­einem echten Wettbewerbsfaktor werden: Wer beispielsweise mit hohem Recyclinganteil oder CO₂-reduzierter Produktion arbeitet, kann diesen Vorteil künftig besser dokumentieren. Entscheidend ist jetzt, die Regeln praxistauglich zu gestalten. Genau deshalb bringen wir uns frühzeitig in die Normungsarbeit ein und ­haben den gemeinsamen Brief an die Bundesbauministerin unterstützt. Wenn Politik, Normung und Wirtschaft die offenen Punkte jetzt vernünftig ­lösen, kann aus der neuen BauPVO am ­Ende ein System entstehen, das transparenter, digitaler und für unsere Branche durchaus zukunfts­fähig ist.­

Das Interview führte Matthias Rehberger

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