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Interview mit Michael Scheer vom Flachglas MarkenKreises

Adaptive Gläser: Passiv oder aktiv gesteuert, was ist besser?

GW – Die Sommer werden heißer, was bedeutet das für Fassadengläser?

Michael Scheer – Angesichts der immer heißeren Sommer reagieren Planer auch in Deutschland – so die Erfahrung unserer Projektberater – zunehmend mit dem Einsatz von intelligenten, adaptiven Glastechnologien. Allerdings noch verhalten, was auf die allgemeine Situation in der Baubranche und auf den hohen Kostendruck zurückzuführen ist. Aber schauen wir doch auf Europa: Laut einer Marktstudie von Transparency Market Research (2020) wächst die Nachfrage nach solchen intelligenten Fenstern und Gläsern in Europa vor allem aufgrund der strengeren Energieeffizienzvorgaben und der zunehmenden urbanen Hitzeinseln in Großstädten wie Madrid, Rom und Paris. Eine steigende Nachfrage nach solchen Gläsern gibt es in öffentlichen Gebäuden. Ähnliches stellen wir in Deutschland fest. Neben den grundlegenden Vorteilen wie der Anpassung an den Sonnenstand, der Senkung des Energieverbrauchs und Steigerung des Nutzerkomforts, ist die Wartungsfreiheit von adaptiven Verglasungen ein wichtiger Pluspunkt.

GW – Welche Regelwerke treiben das an?

Scheer – Der European Green Deal und die überarbeitete EPBD (Energy Performance of Buildings Directive) werden meiner Meinung nach die Entwicklung hin zu adaptiven Verglasungen noch weiter vorantreiben. Diese setzen klare Vorgaben, um den CO2-Ausstoß zu verringern und Gebäude effizienter zu machen. Adaptive Gläser werden eine wichtige Komponente in der Fassade sein. Ich bin froh, dass wir im Flachglas MarkenKreis mit Infrashade und Infraselect Dynamic zwei sehr leistungsfähige Gläser in diesem Segment anbieten und Planer und Bauherren kompetent beraten können.

GW – Sie haben zwei solcher Sonnenschutz-Lösungen im Angebot, können Sie kurz die Unterschiede erläutern?

Scheer – Wir bieten zwei Lösungen an: Infrashade auf Basis des MicroShade A/S Films und Infraselect Dynamic mit der ConverLight Technologie des schwedischen Anbieters Chromogenics. Beide Systeme verfügen über hervorragende technische Werte. Der Gesamtenergiedurchlass lässt sich bei beiden auf bis zu 11% reduzieen. Das heißt: bis zu 90% weniger Wärmeeintrag, ohne die Sichtverbindung nach außen zu unterbrechen. Beide Systeme bieten so eine effektive Lösung für großflächige Verglasungen, auch für Glasdächer und Atrien. Durch den Einsatz der smarten Gläser entfällt ein außenliegender Sonnenschutz und die zugehörige Wartung.

GW – Können Sie bitte die Funktion beider Sonnenschutz-Gläser erklären?

Scheer –  Infrashade wird direkt in das Isolierglas integriert und arbeitet passiv. Der speziell entwickelter Film besteht aus einer mikrostrukturierten Folie, die auf die Innenseite der äußeren Isolierglasscheibe aufgebracht wird. Dank der Mikrostruktur verändert sich die Licht- und Energiedurchlässigkeit des Films je nach Einfallwinkel der Sonne im Tagesverlauf. Dieser selbstregulierende Sonnenschutz benötigt keine manuelle Steuerung und funktioniert völlig autonom, ideal für energieeffiziente Gebäude. Infrashade ist eine wirklich grüne Technologie. Durch die effektive Blockierung der Sommersonne ermöglicht Infrashade eine komfortable, kaum sichtbare Verschattung bei vollständiger Transparenz der Verglasung und erlaubt zudem den natürlichen Tageslichteinfall.

Unsere smarten Sonnenschutzgläser sind effektive ­Lösung für großflächige Verglasungen.

GW – Und wie funktioniert das dynamische Glas?

Scheer – Infraselect Dynamic ist eine elektrochrome Verglasung, die sich stufenlos an wechselnde Licht- und Wärmeeinträge anpasst. Dieses Glas kann sowohl passiv funktionieren als auch aktiv gesteuert werden. Die Grundlage bildet eine elektrochrome Funktionsschicht auf Polymerbasis, eingebettet in einem Verbundglasaufbau. Durch Anlegen einer geringen elektrischen Spannung verändern die Lithium-Ionen innerhalb der Funktionsschicht ihre Position, wodurch die Licht- und Energiedurchlässigkeit des Glases reguliert wird, ohne Betriebsgeräusche, fließend und wartungsfrei. Dieser Prozess erfolgt sanft und kontinuierlich, von der hellsten bis zur intensivsten Einstellung, sodass er von den Raumnutzern kaum wahrgenommen wird. Die Adaption des Glases erfolgt durch eine externe Steuereinheit. Diese kann automatisch arbeiten oder manuell gesteuert werden, wobei die automatische Steuerung komfortabler ist.

GW – Wo wird eher ein passives, und wo ein aktives System eingesetzt?

Scheer – Passive Systeme eignen sich besonders in Foyers und Atrien, in denen die Sonneneinstrahlung vorhersehbar ist und eine konstante Regulierung des Lichteinfalls ausreicht sowie in Gebäuden mit geringen oder keinen Anpassungsbedürfnissen, sprich wenn der Nutzerkomfort keine hohe Individualisierung verlangt. Weiter sind passive Gläser für Renovierungsprojekte interessant, bei denen ein einfaches System gewünscht ist, ohne komplexe Technik, und wo die freie, ungetrübte Aussicht ein wichtiges Kriterium ist.

GW – Wo sehen Sie den Einsatz von aktiven Gläser?

Scheer – Diese sind prädestiniert für Gebäude, in denen sich der Sonnenstand je nach Tages- und Jahreszeit stark ändert und eine präzise Steuerung erfordert, und auch dort wo gestalterische Aspekte wichtig sind und die Einfärbung des Glases ein Gestaltungselement ist. Dazu kommen Verwaltungsbauten und öffentliche Einrichtungen, wo verschiedene Nutzer unterschiedliche Bedürfnisse haben. Aktive Gläser finden ihren Einsatz auch in High-End-Gebäuden, in denen maßgeschneiderte Lösungen für den Komfort und die Produktivität der Nutzer erforderlich sind.

GW – Welche Partner Ihres Netzwerks bieten diese Systeme jeweils an?

Scheer –  Infrashade wird in Zusammenarbeit mit unserem Mitglied Flachglas Wernberg produziert, das den MicroShade-Film direkt installieren und anschließend je nach Wunsch den passenden Isolierglasaufbau herstellen.

Beim Infraselect Dynamic funktioniert der Prozess folgendermaßen: Die elektrochrome Funktionseinheit, ein Verbundglas, wird aktuell von Chromogenics geliefert und dann von unseren Isolierglas-Herstellern im GlasNetzwerk (www.flachglas-markenkreis.de) in eine Isolierglas-Einheit integriert. Alle ISO-Hersteller im Markenkreis können dieses Produkt so anbieten. Zudem arbeiten wir intern daran, und so viel sei schon verraten, die Herstellung dieser Sandwichscheibe mit elektrochromer Funktion künftig selbst zu übernehmen. Erste Tests laufen bereits.

Das Interview führte Matthias Rehberger

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