Ein heißer Nachmittag, eine besonnte Glasfassade und auffrischender Wind: Für außenliegenden Sonnenschutz entsteht eine anspruchsvolle Situation. Die Verschattung wird gebraucht, gleichzeitig können aufkommende Böen das Einfahren erforderlich machen. Das schützt die Anlage, lässt aber wieder mehr Sonnenenergie in die Räume. Genau hier zeigt sich, was Resilienz im Sonnenschutz bedeutet: Entscheidend ist, wie zuverlässig das Gesamtsystem seine Schutzfunktion unter wechselnden Bedingungen wie weit erfüllen kann.
Außenliegende Systeme begrenzen solare Einträge bereits vor der Verglasung. Ihr Beitrag zum sommerlichen Wärmeschutz hängt jedoch davon ab, wann sie tatsächlich zur Verfügung stehen. Ein thermisch leistungsfähiger Behang allein garantiert deshalb noch keinen verlässlichen Hitzeschutz. Windwiderstand, Einbausituation und Steuerung müssen zur Aufgabe passen. Resiliente Produkteals solche halten den vorgesehenen Belastungen stand, bleiben gebrauchstauglich und lassen sich nach einer Beeinträchtigung wieder instand setzen.
Resilienz hat beim ift bereits Geschichte
Die Verbindung von Klimaanpassung und Produktqualität ist beim ift Rosenheim keineswegs erst mit den aktuellen Windversuchen entstanden. Bereits im Oktober 2023 wurde das Produktlabel „klima.sicher.bauen“ vorgestellt. Es greift neben Nachhaltigkeit und Energieeffizienz ausdrücklich die Widerstandsfähigkeit gegenüber Wetterextremen auf. Damit hat das Institut Klimaresilienz schon vor mehreren Jahren in einen systematischen Bewertungsansatz übersetzt.
Das Siegel betrachtet Bauprodukte und ihre Herstellung. Bewertet werden unter anderem Energie- und Ressourcenverbrauch, Produkteigenschaften, Dauerhaftigkeit und Reparierbarkeit sowie der Beitrag zur Klimaresilienz von Gebäuden. Der Ansatz geht somit über einen einzelnen Belastungsnachweis hinaus: Klimaschutz und Anpassung an Klimafolgen werden zusammengeführt.
Für den Sonnenschutz ist vor allem die Verknüpfung von Hitzevorsorge und Widerstandsfähigkeit interessant. Der ift-Flyer von 2024 nennt beim Hitzeschutz einen adaptierbaren Sonnenschutz für transparente Bauelemente und einen Gesamtenergiedurchlassgrad von höchstens 0,20 für Verglasung und Sonnenschutz zusammen. Das beschreibt ein Kriterium des Bewertungssystems, keine pauschale Vorgabe für jedes Bauvorhaben. Ebenso ersetzt das Label keinen produktspezifischen Nachweis der Windbeständigkeit.
Wind wirkt in Bewegung
Während sich die thermische Wirkung mit Kennwerten beschreiben lässt, stellt Wind die mechanische Konstruktion auf die Probe. In der Praxis trifft er einen Behang mit wechselnder Stärke und aus unterschiedlichen Richtungen. Lamellen, textile Flächen, Führungen und Befestigungen reagieren darauf als zusammenhängendes System. Verformungen und Bewegungen können sich gegenseitig beeinflussen.
Die Widerstandsfähigkeit hängt deshalb vom gesamten Produkt ab. Beim Raffstore zählen neben der Lamellengeometrie die Führung sowie die Aufzugs- und Wendemechanik. Beim ZIP-Screen wirken Gewebe, seitliche Randverbindung, Führungsschienen und Endschiene zusammen. Beim Rollladen müssen Behang und Führung aufeinander abgestimmt sein. Die Befestigungen müssen die auftretenden Kräfte sicher in den Untergrund weiterleiten.
Bisherige Prüfverfahren mit statischem Druck und Sog bilden reale Böen nach Einschätzung des ift nur begrenzt ab. Gemeinsam mit Herstellern und Verbänden arbeitet das Institut deshalb an der Richtlinie AB-03/1 zur Prüfung dynamischer Windlasten. Ziel sind Prüfverfahren und Klassifizierungen, die solche Beanspruchungen realistischer, vergleichbar und reproduzierbar erfassen. Die neuen Versuche erweitern damit die Betrachtung um das Verhalten unter dynamischer Anströmung.
Böen aus dem V8-Motor
Für die Versuche setzt das ift einen V8-Airboat-Motor mit rund 750 PS ein. Laut Institut lassen sich damit Windböen bis zu 175 km/h auf den Probekörper aufbringen. Die Untersuchungen betreffen unter anderem Sonnenschutz und Markisen sowie weitere montierte oder freistehende Bauteile. Die Richtlinie befindet sich nach der veröffentlichten Darstellung noch in Entwicklung; die Versuche dienen der Erarbeitung der Prüf- und Bewertungsgrundlagen.
Einen konkreten Einblick liefern Versuche beim ift Rosenheim zusammen mit BVRS und IVRSA: Vom 16. bis 18. September 2026 wurden beim ift Raffstoren und ZIP-Screens unter dynamischen Windlasten geprüft. Solche Versuche können sichtbar machen, an welchen Stellen Konstruktionen empfindlich reagieren und welche Unterschiede zwischen Ausführungen bestehen.
Für die Produktresilienz zählt dabei mehr als das äußere Erscheinungsbild nach der Belastung. Bleiben Verbindungen und Führungen intakt? Entstehen bleibende Verformungen? Lässt sich der Behang anschließend noch bewegen? Eine Anlage kann eine Belastung ohne Ablösen von Bauteilen überstehen und dennoch ihre Gebrauchstauglichkeit verlieren. Ebenso darf die Windgeschwindigkeit des Prüfstands nicht mit einer zulässigen Einsatzgeschwindigkeit verwechselt werden: Betriebsgrenzen ergeben sich aus den jeweiligen Nachweisen und Herstellervorgaben.
Nutzbarkeit als Planungsaufgabe
Für die Planung folgt daraus eine praktische Frage: Wie lange steht der Sonnenschutz am konkreten Standort zur Verfügung? Ein System, das bei auffrischendem Wind früh eingefahren werden muss, kann während dieser Zeit seine vorgesehene Verschattung nicht leisten. Die thermische Planung sollte solche Betriebszustände berücksichtigen.
Hier knüpft der Gedanke aus dem Artikel „Gebäudetyp E – ein Überraschungsei?“ in der Mai GW-Ausgabe an: Außenliegender Sonnenschutz kann Bestandteil eines einfachen, energieeffizienten Gebäudekonzepts sein. Wird der solare Wärmeeintrag bereits vor der Verglasung begrenzt, lassen sich unter Umständen aufwendige Sonnenschutzverglasungen oder größere Kühlsysteme vermeiden. Voraussetzung ist, dass seine Wirkung und Verfügbarkeit von Anfang an in die Planung einfließen. Eine automatische Steuerung kann dabei für die zugesicherte Gebäudefunktion erforderlich sein und lässt sich deshalb nicht grundsätzlich als verzichtbare Komfortausstattung einordnen.
Die Windbeanspruchung gehört somit früh in die Systemauswahl. Gebäudehöhe, Fassadenausrichtung, exponierte Ecken, Elementgrößen und Befestigungsuntergrund sind gemeinsam mit den produktspezifischen Einsatzgrenzen zu betrachten. Sinnvoll ist eine Ausschreibung, die neben der Sonnenschutzwirkung auch die vorgesehene Nutzung und die erforderlichen Nachweise beschreibt. Eine einzelne Windgeschwindigkeit ohne zugehörige Randbedingungen reicht als Entscheidungsgrundlage nicht aus.
Steuerung und Montage muss sein
Resilienz entsteht auch im Betrieb. Die Steuerung muss rechtzeitig verschatten und bei kritischen Belastungen entsprechend den Herstellervorgaben reagieren. Dafür sind geeignete Sensorpositionen, passende Einstellungen und eine sorgfältige Inbetriebnahme erforderlich. Ebenso sollte festgelegt sein, wie sich die Anlage bei einer Störung verhält und wann sie nach einer Windabschaltung wieder verschatten darf.
Die mechanische Qualität muss bis in die Befestigung reichen. Belastbare Lamellen oder eine stabile ZIP-Führung können Schwächen im Untergrund oder in der Montage nicht ausgleichen. Wartung und Reparierbarkeit verdienen ebenfalls Aufmerksamkeit: Austauschbare Behänge, zugängliche Antriebe und verfügbare Ersatzteile erleichtern es, die Schutzfunktion nach einem Schaden wiederherzustellen. Diese Eigenschaften gehören bereits bei der Produktauswahl auf den Prüfstand.
Das frühe ift-Label und die neuen dynamischen Windversuche stehen damit für zwei zusammengehörige Aufgaben. Das Bewertungssystem macht Klimaresilienz als Qualitätsziel sichtbar; die Versuche sollen das Wissen über reale Belastungen vertiefen. Für die Branche liegt darin die Chance, Sonnenschutz weiterzuentwickeln.