GLASWELT Ausgabe: 01-2016

Der Kommentar

Die Lüftung ist der neue Megatrend

Angela Hengsberger
leitet seit 2013 das Business Development bei LEAD Innovation. Ihre Aufgabe ist es, Unternehmen bei der Schaffung von Innovationsroadmaps für die nächsten 5 bis10 Jahre sowie bei der Entwicklung von Durchbruchsinnovatione

Angela Hengsberger

leitet seit 2013 das Business Development bei LEAD Innovation. Ihre Aufgabe ist es, Unternehmen bei der Schaffung von Innovationsroadmaps für die nächsten 5 bis10 Jahre sowie bei der Entwicklung von Durchbruchsinnovationen mittels LEAD User Methode zu begleiten. Zuvor studierte sie Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. Dieser Kommentar ist ursprünglich auf lead-innovation.com erschienen.

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Für die Entwickler innovativer Fenster steht seit dem „Energiesparfenster“ der 1970er Jahre fest, dass Fenster immer besser dämmen müssen. Der U-Wert war der Richtwert jeder Fensterinnovation. Doch dann kam der Schimmel, langsam, wie es seine Art ist. Noch viel langsamer sickerte er in die Köpfe ein, schließlich widersprach er dem Denk- und Wertesystem. Heute befindet sich dieses im Übergang zu seinem Gegenteil: Das neue Dichten heißt Lüften. Innovative Lösungen für die Lüftung von Gebäuden zu finden ist der neue Megatrend der Fensterbranche.

Hausbesitzer lieben Altbauten. Zugluft und schlechte Dämmung sind dem Hausherrn egal – die hohen Heizkosten zahlt schließlich der Mieter. Gar nicht egal ist dem Eigentümer das Thema Schimmelbefall. Das verursacht hohe Kosten. Mit dem Unterschied, dass diese Kosten nicht der Mieter, sondern der Vermieter zu tragen hat.

In diesem Interessenkonflikt sitzt der Mieter eines Gebäudes mit modernen, dichten Fenstern am längeren Hebel. Begeistert von der dämmenden und damit Geld sparenden Wirkung seiner Fenster lässt er sich dazu hinreißen, das Energiesparen zu „optimieren“, indem er möglichst wenig lüftet. Gemäß dem alten Sprichwort: „Erfroren sind schon viele, erstunken ist noch keiner!“

Gestank lässt sich weglüften, Schimmel bleibt hartnäckig. Dieser relativiert die große Erfolgsgeschichte des Dämmens und zeigt, dass sie bis jetzt sehr einseitig betrachtet wurde.

Bis vor Kurzem war das Fenster der Schwachpunkt der Gebäudeisolierung. Man besserte und besserte. Von der doppelten bis zur fünffachen Verglasung. Von der Luft zum Edelgas. In den Fensterrahmen wuchs die Zahl der Kammern – ähnlich der werbewirksamen Steigerung des Einwegrasierers zum 5-Klingen-System.

Am Ende standen Fenster zur Verfügung, die besser isolierten als die Mauern des Gebäudes. An diesem Punkt verliert jede weitere Steigerung des Dämmens nicht nur ihren Sinn, sondern kehrt sogar ihre Funktion um, sobald sich der Taupunkt in das Mauerwerk verlagert.

Als klar wurde, dass die neuen Fenster zu dicht waren, wurde die Innovationsrichtung erstmals gebrochen. Ist doch ganz einfach: Man schneidet in die dichten Rahmen Schlitze, damit sie wieder schön undicht sind. Eine zwar logische Entwicklung, die aber dennoch dem Kunden ein hohes Maß an Paradoxie-Resistenz abverlangt.

Bald kamen komplexere Lösungen des Problems in Form von Lüftungsgeräten auf den Markt. Sie wurden den Fenstern aufgesetzt, was den Nachteil hat, dass sie die Glasfläche verkleinern und damit den Lichteinfall mindern.

Der einzig konsequente Ausweg aus dem Dilemma Dämmen oder Lüften scheint darin zu liegen, dass man dem Fenster seine althergebrachte Funktion des Lüftens gänzlich entzieht. Damit wäre die Fensterbranche das Thema Lüften endgültig los.

Doch der Mensch will nicht nur nicht ersticken, er will auch das Gefühl haben, nicht zu ersticken. Häuser, deren Fenster sich nicht öffnen lassen, verlangen ihren Bewohnern viel Verzicht und Selbstdisziplin ab. Sie müssen dagegen ankämpfen, sich wie in einem Sarg zu fühlen. Deshalb bleibt das „grifflose Fenster“ eine Angstphantasie der Beschlaghersteller. Atmen will man im Griff haben.

Lüften und Energiesparen müssen nicht immer Gegensätze sein. Frische Luft kann sogar dazu beitragen, den Energieverbrauch zu senken. Abgestandene Luft ist nämlich schwerer zu erwärmen als frische. Wird ein überheizter Raum mit Frischluft angereichert, erwärmt sich die Luft besser, da der Sauerstoffanteil wieder steigt.

Fazit: Die Fensterbranche muss ihre Innovationsstrategie überdenken. Glücklich über voll automatisierte Lüftungssysteme ist vor allem der Hausbesitzer. Diese beschützen ihn vor luftscheuen Schimmelzüchtern als Mieter und geben ihm die Kontrolle. Auch die Kostenkontrolle, denn Energie und Belüftungsbetrieb zahlen schließlich die Mieter.

Freilich wird der U-Wert weiter eine Rolle spielen. Nur die Alleinherrschaft ist ihm abhanden gekommen. Dämmung und Lüftung dürfen in Zukunft keine Alternativen sein. Sie geschickt zu kombinieren ist die neue Herausforderung, der neue Megatrend der Fensterbranche.

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