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Fensterindustrie verliert die Hälfte ihrer Gewinne

Munich Strategy zeigt Auswege aus der Krise

Die deutsche Fensterindustrie durchlebt ihre schwerste Krise seit vielen Jahren: Unternehmen verloren im Durchschnitt 5 Prozentpunkte EBITDA und 11% Umsatz – rechnerisch hat sich damit der absolute Gewinn halbiert. Das geht aus einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Munich Strategy hervor, die gemeinsam mit Ducker Carlisle Research die strukturellen Veränderungen der Branche analysiert hat.

„Das ist kein Zyklus, das ist Substanzverlust“, warnt Dr. Constantin Greiner, Industry Lead Building, Construction & Infrastructure bei Munich Strategy. Die Ursachen sind vielschichtig: Geopolitische Konflikte trieben Energie- und Rohstoffpreise um über 20% in die Höhe, die EZB reagierte mit der schnellsten Zinswende ihrer Geschichte. Hypothekenzinsen stiegen von unter 1% auf über 4%, Baugenehmigungen brachen um 45% ein.

Auftragsüberhang bis Q3 2026 aufgebraucht

Die Folgen werden erst jetzt sichtbar: Die mageren Genehmigungsjahre 2023/24 führen 2025-2027 zu fehlenden Aufträgen. Der Markt erholt sich zwar, bleibt aber strukturell 15-20 % kleiner als vor 2022. Viele Unternehmen vertrauen jedoch noch auf ihren Auftragsüberhang, der laut Munich Strategy spätestens im dritten Quartal 2026 aufgebraucht ist.

„Die Branche spürt den Druck, handelt aber noch nach den Mustern der Vergangenheit“, kritisiert Greiner. Statt Kostendisziplin setzen viele Hersteller weiter auf Innovationen und Differenzierung, obwohl der Markt dafür gerade keine Prämie zahlt. Stimmen aus der Branche bestätigen diese Einschätzung: „Es zeigt sich sehr schwierig, die Kostenerhöhungen voll an die Kunden weiterzugeben“, berichtet ein Projekteur. Ein Beschlaghersteller ergänzt: „Service, Leistung Zuspruch von unseren Kunden ist auf einem guten Niveau, aber es fehlt weiter an Volumen.“

Praxisbeispiele zeigen Erfolgswege auf

Munich Strategy präsentiert in der Studie drei Praxisbeispiele aus verwandten Branchen, die zeigen, wie Unternehmen trotz schwieriger Marktlage erfolgreich gegensteuerten:

  • Baustoffhersteller: Durch Anpassung der Overhead-Strukturen erzielte das Unternehmen 15 % Kostenreduktion außerhalb der Herstellungskosten und einen positiven Effekt von über 2 Millionen Euro auf das Betriebsergebnis – bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung.
  • Bauelementelieferant: Mit verursachungsgerechter Kostenzuordnung und Margensteuerung gewann das Unternehmen 6,5 Prozentpunkte EBITDA-Marge zurück und erzielte über 6 Millionen Euro zusätzlichen Gewinnbeitrag durch optimierte Preisausrichtung und Produkt-Mix-Optimierung.
  • Sanitärunternehmen: Prozessoptimierung führte zu 30% Produktivitätssteigerung, 25 % Qualitätsverbesserung und 7 % jährlicher Kostensenkung durch schlanke und abgestimmte Abläufe.

Strukturierter Ansatz in drei Phasen

Munich Strategy hat einen strukturierten Beratungsansatz entwickelt, der in sechs Wochen konkrete Einsparpotenziale identifiziert und quantifiziert. Das Vorgehen gliedert sich in drei Phasen: Kostenanalyse mit Zielkostensetzung, Identifikation von Handlungsfeldern je Funktionsbereich und Quantifizierung mit Umsetzungsplan.

„Wir analysieren die Kosten- und Ertragsstruktur, identifizieren konkrete Fields of Action und entwickeln einen priorisierten Umsetzungsplan mit quantifiziertem Einsparpotenzial“, erklärt Greiner. Dabei setze man auf organisatorisches Buy-in des Teams von Anfang an.

Die Beratung erfolgt durch ein internationales Team mit Standorten in München, London, Paris sowie in den USA und Asien. Munich Strategy verbindet nach eigenen Angaben tiefgreifende Branchenexpertise mit strategischer und operativer Exzellenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Bauindustrie.

Die vollständige Studie „Zurück zur Ertragsstärke“ ist über Munich Strategy erhältlich.

8 Fragen an Studienverfasser Dr. Constantin Greiner

GW – Herr Dr. Greiner, Sie sprechen von einer Halbierung der Unternehmensgewinne – ist das nicht übertrieben dramatisiert?

Dr. Constantin Greiner – Leider nein. Bei den von uns analysierten Unternehmen aus der Fensterindustrie ist das durchschnittliche EBITDA in den letzten drei Jahren um rund 5 Prozentpunkte zurückgegangen – und gleichzeitig ist der Umsatz um rd. 10 % gesunken. Wenn also ein gutes Unternehmen 2022 noch 12 % EBITDA erwirtschaften konnte, dann ist es eine einfache Rechenübung zu erkennen, dass absolut betrachtet nur noch die Hälfte des Gewinns übrigbleibt. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Glücklich sind jedoch jene, die Ende 2022 eine EBITDA-Marge von 12 % vorweisen konnten. Leider gibt es etliche Unternehmen, die 2022 deutlich weniger hatten – bei diesen ist die Lage nochmals deutlich dramatischer.

GW – Wie unterscheiden Sie zwischen zyklischen Schwankungen und strukturellen Veränderungen in der Fensterindustrie?

Dr. Greiner – Was ich beobachte und als strukturell bezeichne, zeigt sich darin, dass Unternehmen, die nach denselben Mustern arbeiten wie in der Vergangenheit, massive Ergebniseinbrüche hinnehmen müssen.

GW – Welche konkreten Kostentreiber haben Sie in Ihrer Analyse als besonders kritisch identifiziert?

Dr. Greiner – Wir sehen zwei Ebenen, auf denen Kosten und Ertrag nicht mehr zusammenpassen.
Erstens: In vielen Unternehmen sind die Umsätze eingebrochen, die Personalkosten liegen jedoch noch immer auf dem Niveau vor dem Marktrückgang. In diesen Unternehmen müssen die Strukturen deutlich effizienter werden.
Zweitens: Das Projektgeschäft ist anspruchsvoller geworden. Der Wettbewerb hinterlässt Spuren in der Preisgestaltung, gleichzeitig verschlechtern sich die Zahlungsbedingungen. Im Ergebnis bedeutet dies schlechtere Margen bei gleichzeitig steigendem Kapitalbedarf (‚Working Capital‘). Auch Materialpreisentwicklungen bei bereits fixierten Projektpreisen helfen in dieser Situation nicht weiter.

GW – Warum greifen klassische Innovationsstrategien in der aktuellen Marktlage nicht mehr?

Dr. Greiner – Darf ich diese Frage umdrehen und Sie fragen: Welche Unternehmen in der Fensterindustrie sind denn wirklich innovativ? Welches Unternehmen erreicht eine Vitalitätsrate – also den Umsatzanteil mit neuen Endprodukten – von 15 Prozent, wie wir sie in anderen Bereichen der Bau- und Bauzulieferindustrie sehen? Ich sehe leider viel zu wenige und würde mir hier mutige Frontrunner wünschen.

GW – Wie überzeugen Sie Unternehmen davon, dass sie jetzt handeln müssen, obwohl noch Auftragsüberhang vorhanden ist?

Dr. Greiner – Aktuell muss ich niemanden davon überzeugen, zu handeln. Die Situation macht es schlicht erforderlich. Es gibt sicher einige Unternehmen mit Auftragsüberhang. Wie in unserer Studie gezeigt, haben die guten Unternehmen ihre Gewinne halbiert, bei schwächeren Unternehmen ist die Lage noch deutlich dramatischer.
Ich befürchte allerdings, dass vielerorts nicht beherzt und konsequent genug gehandelt wird – nach dem Motto: „Wir machen doch schon so viel. Was sollen wir denn noch alles machen?“ Hier gilt es, konsequent zu unterscheiden, was die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens wirklich stärkt – Kundennutzen oder höhere Produktivität zum Beispiel – und welche Themen zwar laut sind und Aufmerksamkeit binden, aber keinen strategischen Mehrwert erzeugen.

GW – Bis wann rechnen Sie mit einer echten Erholung des Marktes und auf welchem Niveau?

Dr. Greiner – Eine Markterholung, die wieder das Niveau von 2021 erreicht oder sogar übertrifft, wird in Deutschland erst dann eintreten, wenn das Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung zurückkehrt. Leider haben die Unternehmen dies nicht allein in der Hand. Was die kurzfristige und mittelfristige Nachfrage nach Fenstern in Deutschland betrifft, gehe ich davon aus, dass 2026 und 2027 kein Wachstum bringen werden.

GW – Können kleinere Fensterbaubetriebe Ihre Optimierungsansätze überhaupt umsetzen oder richten Sie sich nur an Großunternehmen?

Dr. Greiner – Das angesprochene Vorgehen erarbeiten wir in der Regel gemeinsam mit großen Unternehmen, häufig den „Pacemakern“ einer Industrie. Es ist jedoch nicht von der Größe eines Unternehmens abhängig und lässt sich auch auf kleinere Unternehmen übertragen.

GW – Welche Auswirkungen erwarten Sie für die Beschäftigung?

Dr. Greiner – Vergleicht man die Nachfrage von 2021 mit der heutigen Situation, wird man feststellen, dass das aktuelle Beschäftigungsniveau in vielen Unternehmen zu hoch ist beziehungsweise keine ausreichenden Gewinne erzielt werden. In der Konsequenz bedeutet dies, dass die Beschäftigung zurückgehen wird. Die entscheidende Frage für Unternehmer lautet doch: Überlasse ich diesen Rückgang dem Markt, mit der Folge, dass Unternehmen möglicherweise komplett aufgeben müssen, oder gestalte ich diesen Prozess aktiv? Wer allerdings glaubt, dass bald wieder Wachstum für alle da sein wird, der irrt.

Dr. Constantin Greiner leitet den Geschäfts­bereich „Bau“ der Munich Strategy und ist ­Spezialist für Strategie und M&A.

Foto: Munich Strategy

Dr. Constantin Greiner leitet den Geschäfts­bereich „Bau“ der Munich Strategy und ist ­Spezialist für Strategie und M&A.

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