Wer Anfang Oktober in Rosenheim eine eindeutige Nachricht zur Marktwende suchte, bekam sie nicht. Zwar gibt es Gründe, mittelfristig auf mehr Nachfrage zu hoffen. Im Tagesgeschäft vieler Fenster- und Türenbetriebe ist der Aufschwung aber noch nicht angekommen. Gleichzeitig verlangen neue Regeln, anspruchsvollere Bauvorhaben und ein wachsender Sanierungsbedarf Entscheidungen, die sich nicht bis zu besseren Zeiten vertagen lassen.
Das war der Spannungsbogen, der die 53. Rosenheimer Fenstertage (das Institut feierte zugleich sein 60-jähriges Bestehen) Anfang Oktober 2026 prägte. Unter dem Motto „Mit Wissen und Erfahrung in die Zukunft“ kamen nach Angaben des ift 670 Gäste aus 13 Ländern zusammen, wenn man allerdings ift-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter abzieht, kann man von knapp 500 Teilnehmer sprechen.
Für Hersteller und Händler war die Veranstaltung vor allem eine Bestandsaufnahme: Welche Marktsegmente tragen? Wo entstehen neue Kosten? Und welche Leistungen können Betriebe anbieten, statt allein auf zusätzliche Fensterstückzahlen zu warten?
Vom Krisenmodus zum Aufbruch
Rosenheims Oberbürgermeister Abuzar Erdogan schlug zur Eröffnung einen Bogen von der schwachen Konjunktur zu den Aufgaben der Gebäudehülle. Die Bauwirtschaft stecke seit Jahren in einer schwierigen Lage; zugleich müssten Gebäude besser gegen Hitze, Starkregen und andere Extremwetterereignisse gewappnet werden. Seinen Appell fasste er mit einem Verweis auf den Philosophen Karl Popper zusammen: „Optimismus ist Pflicht.“ Für die Branche ist das mehr als ein freundliches Grußwort.
Fenster, Außentüren, Verglasungen und Anschlüsse beeinflussen Energiebedarf, sommerlichen Wärmeschutz, Sicherheit und den Schutz vor Witterung. Daraus folgt jedoch nicht automatisch ein Auftrag für den einzelnen Betrieb. Zwischen einem gesellschaftlichen Investitionsbedarf und einer unterschriebenen Bestellung liegen Finanzierung, Förderung, Planung und häufig ein langer Entscheidungsprozess beim Bauherrn.
Wie groß diese Lücke derzeit ist, zeigte die Marktdiskussion. VFF-Präsident Anton Gugelfuss, Marktforscher Martin Langen von B+L und Jochen Grönegräs vom Bundesverband Flachglas diskutierten über den Weg „vom Krisenmodus zum Aufbruch“. Die Skepsis gegenüber schnellen Erfolgsmeldungen war deutlich: Einzelne Monate mit besseren Genehmigungszahlen können leider nicht als Trendwende gelesen werden.
Gugelfuss beschrieb, was eine veränderte Nachfrage für einen Hersteller praktisch bedeutet. Sein Unternehmen sei ausgelastet, doch die Auftragsstruktur verschiebe sich. Bei größeren Wohnobjekten laufen Fensteraufträge; das schwache Ein- und Zweifamilienhausgeschäft hinterlässt dagegen Lücken bei Haustüren, Nebeneingangs- und Kellertüren. Beschäftigte müssen zwischen Bereichen versetzt werden. Auslastung allein sagt also wenig über die Wirtschaftlichkeit eines Betriebs aus, wenn sich Produktmix, Fertigung und Montageanteile verändern.
Seine Forderung an die Politik: verlässlichere Rahmenbedingungen für Bauherren und Unternehmen. Förderprogramme und energetische Vorgaben können Sanierungen anstoßen. Werden Bedingungen jedoch wiederholt geändert, wächst die Unsicherheit auf beiden Seiten des Verkaufstisches. Für Händler ist das unmittelbar spürbar: Wer eine Haustür oder den Fenstertausch im Bestand anbietet, muss häufig nicht nur das Produkt erklären, sondern auch Fragen zu Finanzierung, Förderung und zeitlichem Ablauf beantworten.
Auch das Sondervermögen für Investitionen sorgte auf dem Podium nicht für Euphorie. Eine überschlägige Rechnung führte vor Augen, welcher Anteil öffentlicher Ausgaben theoretisch bei Fenster- und Fassadenleistungen landen könnte. Grönegräs berichtete allerdings, seine Mitgliedsunternehmen sähen davon bislang nichts. Die Unterscheidung ist wichtig: Ein angekündigtes Investitionsvolumen ist weder ein ausgeschriebenes Bauvorhaben noch ein Auftrag. Für die Kapazitätsplanung taugen politische Summen erst, wenn Projekte tatsächlich in den Markt gelangen.
Kontrovers wurde zudem über Baukosten und Normen gesprochen. Grönegräs widersprach der Vorstellung, allein das Streichen technischer Regeln mache Bauen nennenswert günstiger. Wer wirtschaftlicher bauen wolle, müsse die gesamte Kosten- und Prozesskette betrachten. Für Hersteller liegt darin eine praktische Lehre: Standardisierung kann helfen – aber nur, wenn Planung, Varianten, Fertigung, Lieferung und Montage zusammenpassen.
Problemfall Bauproduktenverordnung
Den größten Diskussionsraum nahm die Bauproduktenverordnung ein. Gugelfuss hat wenig Hoffnung, sie auf den letzten Metern noch abzuwenden. Kommt sie wie vorgesehen, entsteht eine weitere Dokumentationspflicht für jedes Fenster, das sich auch nur geringfügig vom nächsten unterscheidet – bei Schallschutz, Größe, Absturzsicherung und mehr.
Pro Typ fallen rund elf Seiten Dokumentation an. Bei einem Bauvorhaben mit 25 Öffnungen und 20 unterschiedlichen Typen hänge man an eine Rechnung 200 oder 220 Seiten. „Wer kommt auf so eine Idee?“
Die Zusatzkosten schätzt er auf mindestens 10, eher 15 %. Der Verweis aus Brüssel auf digitale Abbildung setze Personal voraus; in seinem Haus arbeiten 12 bis 14 Mitarbeiter in der IT. Kleine Betriebe könnten sich das nicht leisten.
Der VFF habe Aufklärungsarbeit geleistet und europäische Schwesterverbände eingebunden, auch Italiener und andere seien dagegen. Doch selbst wenn Deutschland einlenke, entscheiden am Ende alle Mitgliedstaaten gemeinsam. Sein bitteres Fazit: Dass seit Jahren das halbe Volk aufstehe und die Bürokratie für nicht mehr leistbar erkläre, „das wollen die gar nicht hören. Das ist für mich unverständlich.“
Aus technischem Fortschritt muss Markterfolg werden
Institutsleiter Prof. Dr. Winfried Heusler nutzte das Jubiläum für einen Blick auf die Entwicklung der Branche. Das ift begann 1966 als Anlaufstelle für technische Probleme im Holzfensterbau. Sechs Jahrzehnte später beschäftigen das Institut und seine Partner Fragen von Energieeffizienz und Nachhaltigkeit über Sicherheit bis zur Digitalisierung. Der Rückblick war aber kein Plädoyer für immer mehr Technik um ihrer selbst willen. Heuslers zentraler Punkt lautete: Eine Erfindung ist noch keine Innovation. Sie wird es erst, wenn sie sich im Markt bewährt. Dafür muss ein Vorteil erkennbar sein; das Produkt muss sich dem Kunden verständlich vermitteln lassen.
Genau dort entscheidet sich für Hersteller und Händler, ob aus einer technischen Neuheit Umsatz wird. Ein leistungsfähiges Bauteil, das sich nur mit erheblichem Zusatzaufwand planen, einbauen oder warten lässt, hat einen schweren Stand. Umgekehrt können Verbesserungen bei Lieferfähigkeit, Variantensteuerung, Montagevorbereitung oder Kundendienst einen erheblichen Nutzen stiften, ohne dass sich die Ansicht des Fensters verändert.
Heusler sah deshalb Chancen nicht nur in neuen Produkten, sondern auch in Services, Prozessen und Organisation. Sein Appell, die Branche solle sich selbst verändern, bevor andere es tun, trifft einen wunden Punkt: Viele Betriebe kennen ihre technischen Lösungen bis ins Detail, nutzen die eigenen Erfahrungen aber nicht systematisch. Wer nach einem schwierigen Projekt aber festhält, welche Anschlussdetails, Abstimmungen oder Arbeitsschritte Probleme verursacht haben, kann beim nächsten Auftrag Fehler vermeiden. Das ist Wissensmanagement, das sich unmittelbar rechnet.
Basisgeschäft oder Premiumgeschäft
Für die strategische Positionierung beschrieb Heusler zwei Pole. Im Basissegment wächst die Bedeutung standardisierter Lösungen, serieller Abläufe und sicherer Prozesse. Im Premiumsegment zählen individuelle Konstruktionen, hohe technische Anforderungen und die Fähigkeit, unterschiedliche Gewerke und Funktionen zusammenzuführen. Beides gleichzeitig mit denselben Abläufen und Zuständigkeiten zu bearbeiten, hält er für schwierig. Denn standardisierte Projekte verlangen robuste Plattformen, begrenzte Varianten, belastbare Termine und eine Montage, die sich wiederholen lässt. Individuelle Bauvorhaben benötigen dagegen mehr technische Klärung, erfahrene Projektverantwortliche und Kapazität für Sonderlösungen. Wer beides anbietet, sollte die jeweiligen Anforderungen in Kalkulation und Auftragssteuerung sichtbar machen. Sonst bezahlt das serielle Geschäft die Komplexität des Sonderbaus – oder das Premiumprojekt wird mit den knappen Ressourcen einer Standardfertigung abgewickelt.
Auch der Handel muss seine Rolle finden. Im preisgetriebenen Geschäft entscheiden schnelle, verlässliche Angebote und ein reibungsloser Ablauf. Im anspruchsvollen Sanierungs- oder Neubauprojekt wird Beratung zur eigentlichen Leistung: Welche Anforderungen gelten am Einbauort? Welche Nachweise und Wartungsleistungen werden benötigt? Die Marge hängt nicht allein am Element, sondern daran, ob der Händler diese Fragen früh erkennt und den Auftrag sicher abwickelt.
Absturzsicherheit beginnt vor dem Verkaufsgespräch
Wie teuer eine zu spät gestellte Frage werden kann, zeigte der Fachvortrag von Konrad Querengässer vom ift. Sein Thema waren bodentiefe, öffenbare Fenster mit Öffnungsbegrenzern, die zugleich Aufgaben der Absturzsicherung übernehmen sollen. Ein Öffnungsbegrenzer ist in diesem Fall nicht einfach ein zusätzliches Beschlagteil. Entscheidend ist, ob das gesamte Bauelement einschließlich Befestigung die geforderte Schutzfunktion erfüllt und welche Nachweise für das konkrete Vorhaben benötigt werden.
Die ift-Richtlinie FE-18/1 bietet dafür eine technische Beurteilungsgrundlage. Die Sicherheitskette reicht vom Glas über Flügel, Beschläge und Öffnungsbegrenzer bis zum Blendrahmen und in den Baukörper. Versagt ein Glied, bringt der Nachweis für ein einzelnes Bauteil nichts. Eine pauschale Zusage zur „Absturzsicherheit“ im Angebot wäre riskant, wenn die Konstruktion oder der Anschluss noch nicht feststeht. Ebenso wichtig ist die spätere Nutzung: Wo eine Schutzfunktion von Beschlägen und Begrenzern abhängt, gehören Inspektion, Wartung und die Information des Betreibers zum Gesamtkonzept.
Schäden entstehen an den Schnittstellen
Sachverständiger Henner Klaas führte anhand aktueller Schadensfälle vor Augen, dass viele Probleme im Fensterbau nicht auf ein mangelhaftes Fenster zurückgehen. Kritisch sind vor allem die Übergänge: zur Fensterbank, zur luftdichten Ebene, zur Abdichtung gegen Schlagregen und zu angrenzenden Gewerken. Feuchteschäden, Tauwasser oder Schimmel zeigen sich oft erst, wenn die Ausführenden die Baustelle längst verlassen haben.
Die Beispiele machten eine unbequeme Wahrheit sichtbar. Technische Lösungen für fachgerechte Anschlüsse sind bekannt. Was fehlt, ist häufig ihre konsequente Umsetzung: ein durchgeplantes Detail, eine eindeutige Zuständigkeit und ausreichend qualifiziertes Personal für die Montage.
Gerade bei komplexen Konstruktionen kann eine kleine Planungsunklarheit auf der Baustelle zu einer improvisierten Lösung werden – und später zu einem erheblichen Schaden. Es lohnt sich also, Anschlussdetails vor Auftragsfreigabe zu klären, Abweichungen vom Plan zu dokumentieren und Übergaben zwischen Gewerken verbindlich zu organisieren.
Zum Abschluss des Plenums griff Rechtsanwalt Prof. Christian Niemöller im „ift-Rechtslabor“ Themen auf, die im Betriebsalltag schnell zu Streit führen: Absturzsicherheit, Denkmalschutz, KI-Nutzung und Bauvertragsrecht. Das ift führte diese Felder ausdrücklich als Teil des Programms auf.
Die gemeinsame Linie der Beispiele: Verantwortung lässt sich nicht durch eine knappe Annahme im Angebot oder einen beiläufigen Hinweis auf der Baustelle erledigen. Wer einen Planungsfehler erkennt, muss seine Bedenken nachvollziehbar mitteilen. Wer an geschützter Bausubstanz arbeitet, muss die erforderlichen Abstimmungen beachten. Und wer KI für fachliche Texte oder Bewertungen einsetzt, bleibt für das Ergebnis verantwortlich. Für Betriebe empfiehlt sich deshalb eine klare Regel, wer technische und rechtlich sensible Aussagen freigibt – und wie Entscheidungen dokumentiert werden.
Was von Rosenheim bleibt
Die Fenstertage lieferten kein Datum für die Marktwende. Sie zeigten vielmehr, dass Betriebe auch ohne sie handeln müssen. Hersteller sollten ihre Auftragsstruktur genauer betrachten als die reine Auslastung und entscheiden, welche Varianten und Projekte zu ihren Prozessen passen. Händler können sich dort profilieren, wo Beratung, technische Klärung und verlässliche Abwicklung für Kunden wichtiger sind als ein schneller Produktvergleich.
Das 60-jährige Jubiläum des ift machte zugleich deutlich, warum die Branche eine unabhängige, praxisnahe Instanz braucht: Technische Anforderungen müssen in prüfbare und im Betrieb umsetzbare Lösungen übersetzt werden. Die nächste Bewährungsprobe liegt nicht darin, noch mehr Probleme zu benennen. Sie liegt darin, Wissen aus Rosenheim in Angebote, Abläufe und Baustellenentscheidungen zu überführen.