Georg Katzlinger-Söllradl mit dem German Innovation Award: Lumeso wurde doppellt mit „Excellence in B2B“ und „Transformative Solutions“ prämiert.
Der Softwareanbieter Lumeso hat sich in kurzer Zeit einen guten Namen in der Glasbranche gemacht und wurde für seine B2B-Lösung prämiert. Die KI-basierte Software automatisiert Prozesse in der Auftragsdatenerfassung und bei der Angebotserstellung und vereinfacht und beschleunigt Prozesse. Dies schafft zudem ein attraktives Umfeld, das Mitarbeitende entlastet und monotone Aufgaben reduziert. Die GW sprach mit CEO Georg Katzlinger-Söllradl darüber, was KI bei Glasbetrieben heute schon leistet, und wo sie noch an Grenzen stößt.
GW – Herr Katzlinger-Söllradl, KI ist gefühlt überall: Wie erleben Sie das in der Glasindustrie, ist die Branche in Bewegung oder wartet sie noch ab?
Georg Katzlinger-Söllradl – Ich sehe in der Glasbranche aktuell eine deutlich größere Offenheit, als viele erwarten würden. Nicht jeder Betrieb ist ein Early Adopter, aber viele Geschäftsführer haben verstanden: Beim Thema Digitalisierung ist es sinnvoller, vorne mitzudenken, als später eine Aufholjagd zu starten. Die angespannte Marktlage wirkt als Beschleuniger, da alle wissen, dass man handeln muss, gerade in Richtung KI.
GW – KI in ihrer jetzigen Form ist relativ jung. Ist sie schon ’reif’ für die produzierende Industrie?
K-S – Ja, ist sie. Aber nicht out of the box. Stellen Sie ChatGPT dreimal hintereinander dieselbe Frage, bekommen Sie drei verschiedene Antworten. Für kreative Aufgaben ist das großartig. In der Auftragserfassung wäre es eine Katastrophe. Was die (Glas-)Industrie braucht: gleiche Eingabe, gleiches Ergebnis, jedes Mal. Genau dafür bauen wir die Leitplanken um KI-Modelle herum. Ohne diese Schicht wäre KI für unseren Anwendungsfall tatsächlich nicht produktionsreif.
GW – VSG, ESG, Low-E, Folien, Funktionsschichten, Sonderaufbauten, kann KI das verstehen?
K-S – Aktuelle KI-Sprachmodelle wissen genau, was VSG oder Low-E-ist, fragen Sie einfach ChatGPT. Die Herausforderung liegt woanders: Was bedeutet ein bestimmter Aufbau in der Sprache des konkreten Kunden? Welche Bearbeitungen leiten sich daraus ab, welche Artikel-ID? Hier braucht es viel Fine Tuning. Die Anfrage 4/16/4/16/4 sieht bei zwei Kunden gleich aus, mündet aber in völlig unterschiedlichen Artikeln. Bei Unklarheiten zieht das System den Sachbearbeiter hinzu
GW – Und wenn jemand eine krakelige Handskizze per Fax schickt, wie gehen Sie damit um?
K-S – Unsere Lösung verarbeitet neben E-Mails, PDFs, Excel, Scans, Bildern auch handschriftliche Notizen. Saubere Bestellungen laufen sehr zuverlässig. Je kryptischer die Handskizze, desto schwerer ist es auch für die KI. Hier braucht es weiter den geschulten Kontrollblick des Sachbearbeiters.
GW – Was funktioniert bei KI-Einsatz heute belastbar, und was funktioniert noch nicht?
K-S – Mit etwas Hype ist das Thema KI aktuell sicherlichaufgeladen.Dennoch,dieTechnologiefunktioniert und ist beeindruckend. Grundprinzip: KI bereitet auf, der Mensch entscheidet. Etwa 80 % Routine werden automatisiert. Bei den restlichen 20 % Sonderfällen spart die KI immer noch rund die Hälfte der Zeit. Das Team wird vom Datenerfasser zum Qualitätssicherer. Einer unserer ersten Glaskunden bestätigt, dass er über 50 Prozent an Erfassungsaufwand bei den Aufträgen einspart.
GW – Was schätzen Glasbetriebe bei der Zusammenarbeit mit Lumeso, wo gab es Knackpunkte?
K-S – Die drei härtesten Learnings waren für uns diese Aussagen: 01: ’Wir sehen nicht, wie Lumeso lernt.’ Für Kunden war nicht immer nachvollziehbar, warum Lumeso eine Entscheidung trifft und was eine Korrektur im System bewirkt. Daraus haben wir gelernt: Es reicht nicht, dass Lumeso besser wird, der Kunde muss den Lernfortschritt nachvollziehen können.
02: ’Ständig ändert sich alles bei euch.’ Die Technologie macht aktuell im Wochenrhythmus Sprünge. Das ist eine große Chance, kann für Anwender aber anstrengend sein. Wir können uns nicht erlauben stehenzubleiben, müssen Veränderungen aber so umsetzen, dass sie für unsere Kunden beherrschbar bleiben.
03: ’Eure ERP-Integration war etwas holprig.’ Ja, die ersten Anbindungen haben länger gedauert als geplant. Das lag an unserer eigenen Dynamik und an sehr unterschiedlichen ERP-Landschaften. Heute wissen wir deutlich besser, wie man solche Integrationen sauber aufsetzt und wie man ERP-Anbietern ihren Mehrwert erklärt.
GW – Funktioniert Lumeso denn mit jedem ERP?
K-S – Ja. Wir (www.lumeso.com) haben eine ERP-unabhängige Branchenlösung.Jeder ERP-Anbieter, der möchte, kann unsere Lösung anbinden. Aktuell sind Kunden mit GPS.Order, A+W Business, Hanic Optiplus, Synerglass und weiteren Systemen angebunden. Unsere Schnittstellenspezifikation ist kein Geheimnis und für jeden interessierten Anbieter zugänglich. Konzeptionell orientieren wir uns stark an VDMA 24124 (OPC UA), d. h., jeder ERP-Anbieter kann sich zudem auch selbst anbinden.
Bei Lumeso zahlt der Kunde erst dann, wenn die Lösung tatsächlich Arbeit abnimmt. In schwächeren Auftragsmonaten ist die Rechnung niedriger, in starken Monaten höher, aber proportional zum Effizienzgewinn.
Foto: Lumeso FlexCo
GW – Manche CEOs werden sagen: Mein IT-Leiter baut mir das mit Claude Code. Was sagen Sie?
K-S – Mit Claude Code oder ähnlichen Tools entsteht heute in zwei Tagen tatsächlich beeindruckendes Material, aber der Prototyp ist nicht das Produkt. Kleinere interne Tools, Auswertungen, Visualisierungen etc. sollen Betriebe durchaus selbst bauen. Das schafft Verständnis für die Technologie und löst konkrete Alltagsprobleme schnell. Es ist aber wie im Handwerk: Nur weil ich eine Säge und eine Bohrmaschine habe, baue ich mir nicht automatisch meine Möbel selbst.
Sobald eine Lösung aber wartbar bleiben soll, Sicherheitsanforderungen erfüllen und in bestehende Systeme integriert sein muss, schnellt der Aufwand steil nach oben. Dann geht es nicht mehr darum, ob ein Prototyp beeindruckend aussieht, sondern ob er im Alltag stabil läuft, weiterentwickelt und verantwortet wird. Auch die laufenden Kosten bleiben: neue Anforderungen, geänderte Prozesse, Schnittstellen, dazu die Modellkosten im Hintergrund. Meine Gegenfrage an diesen CEO wäre: Hat der Mitarbeiter auch nach der ’Ersterfindung’ noch Zeit und Lust für die Software, und bleibt er dem Unternehmen die nächsten fünf Jahre erhalten?
GW – Wenn ein Kunde sich heute für Lumeso entscheidet: Wann sieht er die ersten Effekte?
K-S – Je nach ERP-Anbieter dauert die Anbindung zwischen wenigen Wochen und mehreren Monaten. Wer die KI dann gezielt trainiert, sieht bereits nach den ersten Aufträgen Effekte, umso schneller, je weniger stark das beauftragte Produktportfolio variiert. Ab dann bestimmt das Commitment, wie schnell Lumeso unterstützen kann: mehr Aufträge = mehr Wissen = mehr Automatisierung. Lumeso ist wie ein neuer Mitarbeiter zu trainieren, mit dem Vorteil, dass Lumeso nichts vergisst, sondern durch Beobachten lernt und mit jedem Auftrag besser wird. Bei richtiger Handhabung ist der Mehraufwand minimal, da der Auftrag andernfalls ja ohnehin im ERP erfasst werden müsste, nur eben ohne Lerneffekt.
GW – Was viele Kunden umtreibt: Wo liegen die Daten und trainiert die KI auch Wettbewerber?
Katzlinger-Söllradl – Wir setzen auf europäische Server und volle DSGVO-Konformität. Und: Jeder Lumeso-Kunde hat seine eigene, isolierte Lernumgebung, alles, was er anhand individueller Artikel-IDs und Bezeichnungen antrainiert, ist bei einem Wettbewerber nicht anwendbar.
GW – Sie setzen auf Pay-per-use. Das ist bei der klassischen Industriesoftware noch selten. Wie kamen Sie zu diesem Bezahlmodell?
K-S – Wir wollten ein Modell, bei dem der Kunde für den erhaltenen Nutzen bezahlt. Lumeso liefert Effizienzgewinn pro Positionszeile, also rechnen wir auch pro Positionszeile ab. So entstehen Wert und Rechnung im selben Moment. Klassische Industriesoftware funktioniert anders: Hohe Fixkosten vorab, lange Implementierung, und der Nutzen muss sich erst irgendwann einstellen. Das haben wir umgedreht: Der Kunde zahlt erst dann, wenn die Lösung auch tatsächlich Arbeit abnimmt. In schwächeren Auftragsmonaten ist die Rechnung niedriger, in starken Monaten höher, aber proportional zum Effizienzgewinn. Gezahlt wird für Ergebnisse, nicht für Versprechen.
GW – Was können wir in der Glasindustrie von KI in den nächsten Jahren erwarten?
K-S – Ich denke, wir werden drei Dinge merken: Erstens, es kommen plötzlich aus allen Richtungen kleine, fokussierte Software-Lösungen auf den Markt. Auch aus den eigenen IT-Abteilungen. Was früher ein halbes IT-Projekt war – eine kleine Auswertung, ein Verbindungsstück zwischen zwei Systemen, eine Datenvisualisierung – baut der eigene IT-Mitarbeiter mit Tools wie Claude Code oder Cursor an einem Nachmittag.
Zweitens folgt daraus eine praktische Frage, die jeder CEO seinem ERP-Anbieter stellen sollte – ’Wie offen ist eigentlich euer System?’. Wenn die Antwort vage wird, ist das ein schlechtes Zeichen. Denn nur wenn der ERP-Kern gute Schnittstellen hat, kann man die neuen Tools auch sinnvoll andocken.
Und drittens, und das ist die unbequeme Wahrheit: Am meisten profitiert, wer seine Daten digital hat. Sauber gepflegte Stammdaten, digitale Auftragsdaten, dokumentierte Prozesse. Wer das nicht hat, wird von KI nur bedingt profitieren.
GW – Haben Sie noch einen besonderen Tipp?
K-S – Ja, ganz unabhängig davon, ob jemand mit uns spricht oder nicht: Schauen Sie sich Ihre Datenlage an, bevor Sie über KI nachdenken. Spielen Sie eine Person frei, die IT & Digitalisierung kann und vorantreibt. Und probieren Sie KI selbst aus, am besten mit kleinen internen Tools. Damit entmystifizieren Sie die KI und merken schnell, wo es sich lohnt, in eine spezialisierte Lösung zu investieren, und wo nicht.
Die Fragen stellte Matthias Rehberger
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