GW – 2026 haben Glasverarbeiter mit verschiedenen Maßnahmen auf die Marktlage reagiert. Haben Sie übergreifende Handlungsmuster gesehen?
Bernhard Hötger – Mit dem gestiegenen Druck hat sich ein Entwicklungstrend verstärkt, der zuvor schon wirksam war. Mehr Automation, schnellere Taktungen und neue Produkte waren die verbreitete Strategie unter den Glasverarbeitern, um sich besser aufzustellen. Folglich wurde in vielen Betrieben daran gearbeitet, die Prozesse zu optimieren, die Stärken auszubauen und mit den vorhandenen Mitteln mehr zu erreichen.
GW – Mehr Automation und schnellere Taktung sind bekannte Maßnahmen aus der Vergangenheit. Was macht dieses Mal den Unterschied?
Hötger – Die Strategie eines Unternehmens ist üblicherweise langfristig angelegt und soll in normalen wie auch wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten Struktur geben. Insofern ist es nachhaltig, den zuvor gewählten Kurs erst einmal fortzuführen. Damit sind die getroffenen Maßnahmen als Teil eines schon laufenden Konzeptes vergleichbar. Der Unterschied findet sich im höheren Grad der Zielerreichung und der praktischen Umsetzung.
GW – Was heißt das in der Praxis?
Hötger – War es früher das automatische X-Brechen oder das Klebeetikett, das zusätzliches Potenzial versprach, sind es heute komplexe Lösungen, die auf dem bisherigen Niveau aufbauen. Nehmen wir als Beispiel eine typische Schneidanlage für VSG. Bei den europäischen Qualitätsmaschinen verspricht eine weitere technische Optimierung nur kleine Zugewinne. Umso mehr sind es die Innovationsprünge, die hier signifikante Vorteile bringen. Wurde über Jahrzehnte im Maschinenbau um jede Sekunde in den Abläufen gekämpft, so ist es nun die Laserdiodenheizung, die mit 20 % mehr Durchsatz einen spürbaren Vorteil erzielt. Insbesondere bei dickeren Folien ist die Laser-Dioden-Trenntechnik sehr klar im Vorteil gegenüber allen Ausprägungen der Infrarottechnik. Der Effekt kann durch zusätzliche Automation verstärkt, der Bediener entlastet und der Bearbeitungstakt vom manuellen Handling unabhängig gemacht werden. Dies reduziert Fehler und erzeugt einen kontinuierlichen Glasfluss.
GW – Zu den großen Themen des Jahres gehörte das 3-fach-ISO mit Dünnglas als Mittelscheibe. Wie ist Ihre Einschätzung für die Zukunft?
Toni Schön – Seit der letzten glasstec waren und sind wir zu diesem Thema mit verschiedenen Kundinnen und Kunden im Gespräch. Mit einer derart hohen Resonanz hatten wir nicht gerechnet. Spätestens mit der Vitrum im letzten Jahr und der dort präsentierten Dünnglas-Schneidtechnik wurde deutlich, welches Interesse dieses Thema entfaltet. Ein 3-fach-ISOlierglas so breit wie ein konventionelles 2-fach-Isolierglas ist ein Produktversprechen, das kaum größer sein könnte. Vor allem in den Absatzmärkten, in denen 3-fach-Einheiten noch nicht so verbreitet sind, sehen wir (www.hegla.com) in den kommenden Jahren ein enormes Marktpotenzial.
GW – Wo sehen Sie hier die Potenziale?
Toni Schön – Der Tausch einer Verglasung im bestehenden Rahmen gegen ein besser dämmendes 3-fach-ISO ist günstiger als ein neues Fenster, reduziert die Energiekosten und verbessert die Umweltbilanz der Immobilie. Mit einer Investition in die Anlagentechnik eröffnet sich ein Produktbereich, der bislang so nicht vorhanden war. In Großbritannien entstehen aktuell revolutionäre Produktionsstandorte, die den Markt dort nachhaltig verändern werden und dabei zeichnet sich die weitere positive Marktentwicklung deutlich ab. Wer kurzfristig die Anschaffung einer TPS-Isolierglaslinie plant, für den könnte eine Vorrüstung für Dünnglas interessant sein.
GW – Neue Produkte gegen den Stillstand, was ist damit gemeint?
Schön – Neue Produkte mit zusätzlichen Funktionalitäten bieten die Chance auf eine höhere Wertschöpfung und den Eintritt in neue Geschäftsfelder. Im Idealfall sind diese Märkte spezialisiert, sodass der Preiskampf und der Wettbewerbsdruck niedriger ausfallen. Die Veredelung zum Vogelschutzglas, zur mobilfunkdurchlässigen Scheibe oder die Randentschichtung per Laser sind Beispiele für eine solche Nische. Und so konnten wir bei der Hegla boraident auch eine höhere Nachfrage nach Laserlösungen verzeichnen. Die hohe Flexibilität der Anlagen ohne Vorrüstzeit macht die Stückzahl 1 möglich. Durch neue mobile Lösungen kann die Bearbeitung als Dienstleistung auch nachträglich an der Fassade oder am Fenster erfolgen.
GW – Die Software wird für Betriebe immer wichtiger, was liegt im Trend?
Schön – Der Softwareanteil hat mit der schrittweisen Vernetzung der Anlagen immer weiter zugenommen. Umso mehr kann sich nun eine Analyse der vorhandenen Software im Soll- und Ist-Vergleich lohnen. Werden alle Prozesse digital abgebildet? Gibt es Abläufe, die außerhalb einer Steuerungs- oder Planungssoftware organisiert sind? Welche Schritte erfolgen über Zettel, per Klebetikett oder durch mündliche Absprachen? Für den kaufmännischen und planerischen Bereich hat die Hegla-Hanic mit dem ERP-System glass365 eine neue Softwaregeneration geschaffen. Vollständig neu entwickelt und auf Basis von Microsoft Dynamics 365 Business Central ist das ERP-System bedienerfreundlich, ganzheitlich und zukunftssicher. Falls noch nicht vorhanden, ist auch eine dynamische Endlosoptimierung eine interessante Option. Der Zuschnitt wird durch die Software in Echtzeit optimiert, sodass Fehlscheiben, Schnellläufer und neue Aufträge in Echtzeit berücksichtigt werden können.
GW – Was geben Sie unseren Lesern mit auf den Weg?
Hötger – Bei allen Entscheidungen und Investitionen empfehlen wir, langfristig und in Stufen zu planen. Je tiefgreifender die Analyse erfolgt und je klarer eine Strategie definiert ist, umso handlungsfähiger bleibt die Fertigung für veränderliche Aufgabenstellungen und Anforderungen. Der Trend zu mehr Automation und schnellerer Taktung wird sich fortsetzen. Neue Produkte und erweiterte Kundenanforderungen werden den Markt weiter diversifizieren.
Das Interview führte Matthias Rehberger