Die Bau- und Glasbranche befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderungen, bedingt durch Klimaziele, steigende Energiepreise, volatile Rohstoffmärkte und verschärfte Regelwerke. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Sanierung, Ressourceneffizienz und kreislauffähigen Materialien. Welche Rolle hierbei Flachglas spielt und wie sich die Märkte entwickeln, wollte die GW von Christian Bako und Pascal Decker von Saint-Gobain wissen. Hier ihre Antworten.
GW – Herr Bako, Saint-Gobain ist in vielen Märkten aktiv. Wie ist die Gruppe in Deutschland und Österreich aktuell aufgestellt?
Christian Bako – Im Zweiländer-Cluster Deutschland und Österreich sind wir sowohl im Baugeschäft als auch im Industriegeschäft stark vertreten – insgesamt gesehen entfallen etwa zwei Drittel unseres Umsatzes auf die Bauindustrie und ein Drittel auf industrielle Anwendungen. Wir beschäftigen rund 8000 Mitarbeitende und erwirtschaften einen Umsatz von mehr als 2 Milliarden Euro. Unsere Strategie LEAD & GROW ist ein zentrales Element, um unser vielfältiges Produktportfolio für nachhaltiges Bauen zu bündeln. Zudem wollen wir helfen, die Bauprozesse zu vereinfachen und Mehrwert für unsere Partner und für die Endkunden zu schaffen. Insgesamt sehen wir uns gut aufgestellt.
GW – Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Marktlage in der Glas- und Bauindustrie in Deutschland und Österreicht?
Bako – Das Jahr 2025 war vermutlich der Tiefpunkt. Wir hoffen, dass sich der Markt in diesem Jahr wieder erholt. Steigende Baugenehmigungen deuten zumindest in diese Richtung. Allerdings sorgen volatile Energiepreise und Rohstoffkosten weiterhin für Unsicherheit. Für Investitionen in der Breite brauchen wir vor allem Stabilität. Grundsätzlich sprechen viele Parameter dafür, dass deutlich mehr in Sanierung investiert werden müsste. Gebäude verursachen laut Umweltbundesamt rund 35 % des Energieverbrauchs und bis zu 40 % der CO₂-Emissionen. Gleichzeitig liegt die Renovierungsquote in Deutschland derzeit bei unter 1 % – notwendig wären rund 2 %. Der Bedarf ist also enorm, doch der Markt greift zurzeit noch nicht.
Wir unterstützen unsere Partner mit Beratung, digitalen Tools und bei Bedarf auch mit Berechnungen bei größeren Bauprojekten.
Foto: Matthias Rehberger / GW
GW – Welche Rolle spielt Flachglas „Made in Germany“ innerhalb der Saint-Gobain Gruppe?
Pascal Decker – Eine sehr wichtige. Wir sind seit 1853 in Deutschland aktiv und feiern in diesem Jahr das 100-jährige Jubiläum des Standorts Torgau. „Made in Germany“ hat auch für unsere Kunden nach wie vor einen hohen Stellenwert. Unsere in Deutschland produzierten Gläser stehen für Qualität, kurze Lieferwege und Versorgungssicherheit. Und gerade unter ökologischen Gesichtspunkten sind regionale Produktionsstrukturen ein klarer Vorteil.
GW – In welchen Segmenten verändern sich die Anforderungen Ihrer Kunden derzeit am stärksten?
Decker – Der Fokus liegt klar auf mehr Komfort für Endkunden: Sonnen-, Schall- und Wärmeschutz sind hier zentrale Themen. Gleichzeitig spielen Gewicht und Verarbeitbarkeit der Gläser für Glas- und Metallbauer eine große Rolle. Wir unterstützen unsere Partner mit Beratung, digitalen Tools und bei Bedarf auch mit Berechnungen bei größeren Bauprojekten.
Bako – Wichtig ist dabei der ganzheitliche Blick: Zuerst muss die Gebäudehülle stimmen. Deshalb denken wir nicht nur in einzelnen Materialien, sondern betrachten Gebäude ganzheitlich, und zwar von der Planung bis hin zur Ausführung und dem Recycling der verwendeten Produkte.
GW – Low-Carbon-Glas gewinnt an Bedeutung. Wann wird es Standard?
Decker – Die Bezeichnung „Low-Carbon-Glas“ allein reicht nicht, entscheidend ist die Vergleichbarkeit und Transparenz, etwa über EPDs. Wir müssen Greenwashing vermeiden. Low-Carbon-Produkte sind aktuell gegenüber Standardgläsern noch teurer, da Low-Carbon-Glas hohe Investitionen in Produktion und Logistik erfordern. Wir bewegen uns aber in Richtung Low-Carbon als Standard und verfolgen konsequent das Ziel der Dekarbonisierung. Das ist auch unser Ziel als Unternehmensgruppe, hier wollen wir die CO₂-Neutralität weltweit bis 2050 erreichen. In Deutschland bereits bis 2045 – und wir sind auf einem guten Weg.
GW – Wie steht es um Recycling und Kreislaufwirtschaft bei Flachglas?
Decker – Der Rückbau ist eine der größten Herausforderungen. Glas ist theoretisch unendlich recyclebar, gerade angesichts des zunehmenden Rohstoffmangels wird das immer wichtiger. Allerdings ist Post-Consumer-Glas noch zu wenig verfügbar, obwohl Recyclingfirmen technisch längst in der Lage sind, es für die Floatglasproduktion aufzubereiten. Oft scheitert es an der Trennung auf der Baustelle. Hier brauchen wir einfachere, praktikable Lösungen und starke Partnerschaften.
Wir hoffen, dass sich der Markt in diesem Jahr wieder erholt. Steigende Baugenehmigungen deuten zumindest in diese Richtung.
Foto: Matthias Rehberger / GW
GW – Wird Nachhaltigkeit eher Preistreiber oder Wettbewerbsfaktor?
Bako – Kurzfristig ist Nachhaltigkeit oft ein Preistreiber, langfristig aber eindeutig ein Wettbewerbsfaktor. Entscheidend ist der Blick auf den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes, inklusive Betriebskosten. Nachhaltige Gebäude sind wirtschaftlich sinnvoll, und Glas ist dabei ein zentrales, leistungsfähiges Baumaterial.
Decker – Dazu kommt, dass Glas das einzige Baumaterial ist, das aufgrund seiner Transparenz energetische Gewinne ermöglicht, ebenso wird fassaden-integrierte Photovoltaik immer wichtiger.
GW – Wo erwarten Sie technologische Durchbrüche?
Decker – Im Recycling, bei fassaden-integrierter Photovoltaik und bei KI-gestützter Produktentwicklung. Glas wird noch multifunktionaler: energieeffizient, energieerzeugend, komfortsteigernd. Gleichzeitig werden hochspezialisierte Anwendungen, etwa schaltbare Gläser, Fahrt aufnehmen. Einige dieser Technologien sind zwar noch Nischenprodukte, haben aber großes Potenzial, insbesondere auch im Sanierungsbereich.
GW – Wie sehen Sie Saint-Gobain für die Zukunft aufgestellt?
Bako – Sehr gut. Wir verfolgen bis 2030 klare strategische Ziele und wollen nachhaltige Bauweisen auch in Deutschland und Österreich aktiv mitgestalten. Mit einem breiten Portfolio, starker Forschung, davon rund 3500 F&E-Ingenieure weltweit, und in enger Zusammenarbeit mit Universitäten und Instituten sind wir gut gerüstet. Wir haben im vergangenen Jahr unser 360-jähriges Bestehen gefeiert. Jetzt geht es um die nächsten 360 Jahre, mit klugen Investitionen, klarem Fokus auf unsere Kunden und partnerschaftlichem Handeln mit dezidiertem Lösungsansatz entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Das Interview führte Matthias Rehberger.
Foto: Rohl Fotografie / Saint-Gobain Glass
Das Bürohochaus EDGE East Side in Berlin ist mit hocheffizienten Sonnenschutzgläsern von Saint-Gobain Glass sowie mit Brandschutzgläsern von Vetrotech ausgestattet sowie mit Akustikdecken von Ecophon (Teil der Saint-Gobain Gruppe).
Foto: Matthias Rehberger / GW
Glas ist das einzige Baumaterial, das aufgrund seiner Transparenz energetische Gewinne ermöglicht. Außerdem lässt es sich immer wieder recyceln.
Foto: Matthias Rehberger / GW
Christian Bako (links) mit GW Redakteur Matthias Rehberger neben einem Stapel 9m langer Scheiben, die von Saint-Gobain Glass Deutschland serienmäßig gefertigt werden.
Über die Gesprächspartner
Christian Bako CEO von Saint-Gobain Deutschland & Österreich
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