Springe auf Hauptinhalt Springe auf Hauptmenü Springe auf SiteSearch
Vom Papier zum digitalen Produktpass

Das geht Glasanbieter und Fensterbauer gleichermaßen an

GW – Die Regulierung von Glas erreicht ein neues Level, ebenso Neuerungen bei der Produktdokumentation. Das wird auch Fensterbauer beeinflussen, können Sie das etwas erläutern?

Luca – Das regulatorische Umfeld hinter den Leistungserklärungen für Glas wird sich in den nächsten Jahren deutlich weiter entwickeln. Der größte Sprung, den wir erwarten, ist die 2. Generation der CE-Kennzeichnung, die durch die Veröffentlichung einer neuen Bauproduktenverordnung in 2024 ausgelöst wurde. Dies wird zur Entwicklung neuer harmonisierter Produktnormen führen (Beispiele sind BIPV und Vakuumglas) und zur Überarbeitung bestehender Normen, deren Veröffentlichung zwischen 2028 und 2032 erfolgt.

Zudem erwarten wir bis Ende 2026 weitere Klarstellungen zum digitalen Produktpass, der ab 2028 verpflichtend wird. Diese Änderungen zusammen mit Produktdatenänderungen werden für Verarbeiter, die bereits mit dem Tagesgeschäft überlastet sind, zunehmend komplex.

GW – Welche Änderungen kommen in Kürze?

Luca – Kurzfristig wird die Implementierung neuer Versionen von EN 673 und EN 410 erfolgen, den beiden grundlegenden Normen für die thermische, Licht- und Solarleistung von Glas. Der Übergang zu den neuen EN 673 und EN 410 bedeutet, dass alle zuvor ausgestellten Leistungserklärungen ordnungsgemäß überarbeitet und die Werte von Grund auf neu berechnet werden müssen. Das wird ein Kraftakt für die betroffenen Betriebe.

GW – Gibt es weitere Normänderungen, die Auswirkungen auf die Branche haben?

Luca – Ja, etwa die Aktualisierung der EN 12898 im Jahr 2019, einer relativ unbekannten Norm, die definiert, wie gemessene Beschichtungsemissivität in Werte für thermische Berechnungen umgewandelt wird. Diese Norm hat entscheidende Bedeutung für die U-Wert-Berechnung, dennoch ist sie kaum bekannt. Aufgrund dieser Änderung müssen die Werte von Isoliergläsern aktualisiert werden, da einige U-Werte nach der neuen Methodik anders gerundet werden.

Wenn Verarbeiter mit aktuellen Daten, den Konfiguratoren der Glashersteller oder deren digitalen Tools arbeiten, sind sie abgesichert. Wenn Sie jedoch mit veralteten Leistungserklärungsdatenbanken arbeiten, haben Sie möglicherweise falsche Werte erklärt – und einfach Glück gehabt, dass niemand dies bemerkt oder angefochten hat. Aber hier lauern Risiken.

GW – Nennen Sie uns bitte einige Details.

Luca – Wird eine Norm oder Produktdaten aktualisiert, bleibt die alte Leistungserklärung, z. B. für eine Isolierglas-Einheit gültig und rechtlich konform. Jedoch erfordert ein neues Produkt eine Leistungserklärung, die mit aktuellen Normen und aktuellen Produktdaten erstellt wurde. Da sich solche Informationen oft ohne wesentliche Vorankündigung an die Glasbetriebe ändern, ist die einzige praktikable Lösung die kontinuierliche Erstellung neuer Leistungserklärungen auf Basis der neuesten verfügbaren Daten.

GW – Welche neuen Daten müssen Produkte über traditionelle Leistungsdaten hinaus erklären, Stichwort: digitaler Produktpass?

Luca – Die digitalen Produktpässe (DPP) werden mehr enthalten als die heutigen Leistungserklärungen. Der Produktpass wird zur „Leistungs- und Konformitätserklärung“ werden und wesentliche Umwelteigenschaften einschließen. Diese Entwicklung wird es uns endlich ermöglichen, den Umweltwert von Produkten zu quantifizieren und Wettbewerbsvorteile für leistungsstärkere Lösungen zu schaffen.

GW – Ist der traditionelle Ansatz zur Produktdokumentation und Leistungserklärung noch tragfähig?

Luca – Die CE-Kennzeichnung hat eine viel umfassendere Bedeutung als nur die Erstellung von Leistungserklärungen, und ihre Komplexität wird zunehmen und einen digitalen Produktpass einschließen. Die Zukunft ist digital, und die Integration dieses Arbeitsablaufs mit ERP-Systemen wird zur Norm. Glücklicherweise haben wir es mit Zahlen, Werten und strukturierter Dokumentation zu tun, Elemente, die sich nahtlos durch geeignete ERP-Integration und spezialisierte Softwaretools in die digitale Produktion übertragen lassen. Dieser Übergang sollte erfolgen, bevor der digitale Produktpass eingeführt wird.

GW – Sprechen wir davon, dies mit KI zu lösen?

Luca – Nein. Dieser Bereich erfordert einen regelbasierten Ansatz, bei dem die Ergebnisse jedes Mal exakt identisch und wiederholbar sein müssen. Die aktuell gängigen KI-Tools verwenden eine Methodik und liefern Antworten, die „meistens“ korrekt sind, aber bei jeder Iteration variieren. Für die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften und Produkterklärungen braucht es aber absolute Präzision und Konsistenz, keine Annäherung. KI-basierte Lösungen sind gegenwärtig hierfür nicht geeignet.

Das Interview führte Matthias Rehberger

Jetzt weiterlesen und profitieren.

+ Glaswelt E-Paper-Ausgabe – jeden Monat neu
+ Kostenfreien Zugang zu unserem Online-Archiv
+ Fokus GW: Sonderhefte (PDF)
+ Webinare und Veranstaltungen mit Rabatten
uvm.

Premium Mitgliedschaft

2 Monate kostenlos testen