GW – Die Diskussion über Hitzeschutz wird derzeit fast ausschließlich über Klimaanlagen geführt. Warum greift das aus Ihrer Sicht zu kurz?
Sandra Musculus – Ich finde es nicht richtig, die passiven Maßnahmen gegen sommerliche Überhitzung völlig außen vor zu lassen, und nur die aktive Kühlung zu betrachten. Es wird völlig ignoriert, dass es Möglichkeiten gibt, die einzusetzende Kühlenergie deutlich zu senken oder sogar an den meisten Tagen unnötig zu machen.
GW – Sie sprechen aus eigener Erfahrung. Was zeigt das Beispiel Ihrer eigenen Wohnung?
Musculus – Ich kühle meine Stadtwohnung passiv. Sie liegt im 1. Obergeschoss und hat eine große Fensterfront mit Südwest-Ausrichtung. Morgens trifft die Sonne zusätzlich auf das Schlafzimmerfenster im Osten. Im Winter nutze ich diese solaren Gewinne gern, im Sommer halte ich die Hitze konsequent draußen. Trotz mehrerer Tage mit über 30 °C Außentemperatur liegen die Raumtemperaturen zwischen 23 und 25 °C. Möglich wird das, indem Fenster und Sonnenschutz tagsüber geschlossen bleiben. Gelüftet wird ausschließlich nachts, wenn es draußen kühler ist als in der Wohnung.
GW – Welche Rolle spielt dabei der außenliegende Sonnenschutz?
Musculus – Außenliegender Sonnenschutz hält die Hitze draußen – Wärme, die gar nicht erst ins Gebäude gelangt, muss später nicht energieaufwendig durch eine Klimaanlage heruntergekühlt werden. Ich setze deshalb je nach Raum unterschiedliche Lösungen ein: Im Schlafzimmer sorgen Rollladen und innenliegendes Rollo für den Hitzeschutz, im Arbeitszimmer übernimmt ein außenliegender Screen. Im Wohnzimmer arbeitet die Beschattung automatisiert: Die Markise fährt bei hoher Sonneneinstrahlung selbstständig aus, und bei starkem Wind übernimmt der motorisierte Rollladen den Sonnenschutz.
GW – Viele Menschen verbinden wirksamen Sonnenschutz mit aufwendiger Gebäudeautomation. Ist das wirklich notwendig?
Musculus – Ein guter Sonnenschutz arbeitet automatisiert und unabhängig davon, ob jemand zuhause ist. Es berücksichtigt die Ausrichtung der Fassade, den Sonneneinfall, Messwerte zu Licht, Temperatur und Wind und steuert entsprechend. Die IBH4-Studie zeigt, dass selbst ein tagsüber dauerhaft geschlossener außenliegender Sonnenschutz die Aufheizung eines Raumes wirksam begrenzt. Außen- und innenliegender Sonnenschutz können sich dabei sinnvoll ergänzen.
GW – Sie sagen, Klimaanlagen seien nicht das Problem, sondern die Reihenfolge?
Musculus – Es wird deutlich mehr Kühlenergie benötigt, wenn die Klimaanlage allein arbeitet. Es braucht mehr Energie, um von 30 °C oder mehr auf 22 °C herunterzukühlen, als von 25 °C oder weniger. Mit passiv vor Überhitzung geschützten Räumen kühlt die Klimaanlage nur noch wenige Grad, da die Aufheizung der Räume durch den Sonnenschutz bereits wirksam begrenzt wurde.
GW – Neben dem Energieverbrauch sprechen Sie auch die Stromnetze an. Welche Herausforderungen sehen Sie hier?
Musculus – Wenn wir an die Belastbarkeit der Stromnetze innerhalb und außerhalb der Gebäude denken, ist es sinnvoll, nicht zwingend auf aktive Kühlung angewiesen zu sein. Während der Hitzewelle in New York im Juli 2026 wurden Bevölkerung und Unternehmen aufgefordert, Strom zu sparen und Klimaanlagen weniger stark einzustellen, um das Stromnetz zu stabilisieren. Gleichzeitig waren Tausende Haushalte zeitweise von Stromausfällen betroffen. Das zeigt, welche zusätzlichen Lastspitzen eine flächendeckende aktive Kühlung verursachen kann.
GW – Reichen die heutigen Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes an den sommerlichen Wärmeschutz angesichts des Klimawandels noch aus?
Musculus – Im Hinblick auf die langfristigen Modellierungen des DWD für Deutschland wissen wir, dass wir uns auf heißere Sommer und längere Hitzeperioden einstellen müssen. Aus meiner Sicht bedarf es nun einer dringenden Anpassung des sommerlichen Wärmeschutzes in Städten und Gebäuden. Wir wissen, dass Gebäude in Deutschland noch nicht ausreichend auf den Klimawandel ausgerichtet sind – weder bei Sanierungen noch im Neubau.
GW – Welche Konsequenzen sollte die Politik aus den zunehmenden Hitzeperioden ziehen?
Musculus – Das GEG und das GModG sollten höhere Anforderungen an den sommerlichen Wärmeschutz der Gebäudehülle stellen. Bei Sanierungen sollte die Anpassung der Gebäudehülle an den Klimawandel verbindlicher vorgeschrieben werden, damit auch Mieter profitieren, die sich eine Nachrüstung des Sonnenschutzes nicht leisten können. Im Neubau sollte eine Gebäudehülle mit wirksamem Hitzeschutz selbstverständlich Standard sein.
Das Gespräch führte der Ressortleiter Sonnenschutz Olaf Vögele
Das Interview finden Sie ab dem 6. August auch auf Seite 44 der Augustausgabe der GLASWELT