Foto: Uli Regenscheit
GW – Herr Esswein, die R+T Alliance umfasst heute sieben Messen auf drei Kontinenten. Wie entscheiden Sie, in welche Märkte der Verbund expandiert?
Sebastian Esswein – Die Entscheidung folgt immer vier Fragen: Gibt es dort einen relevanten Markt für unsere Branche? Inwieweit erreichen unsere ausstellenden Unternehmen die jeweilige Besucherzielgruppe schon auf der R+T in Stuttgart? Gibt es einen starken lokalen Partner? Und passt die Veranstaltung zur Marke R+T? Wenn alle vier Fragen zufriedenstellend beantwortet werden können, gehen wir den nächsten Schritt. Das ist keine Expansion um der Expansion willen, sondern eine strategische Entscheidung, die auf Qualität und Nachhaltigkeit setzt.
GW – Frau Keller, Sie koordinieren die internationalen Tochtermessen der R+T. Was ist das Besondere an dieser Arbeit?
Manuela Keller – 2009 habe ich das erste Mal die R+T Asia als Projektleitung betreut. Seit 17 Jahren konnte ich aktiv an der Weiterentwicklung und Etablierung der R+T Alliance mitarbeiten. Kein Markt ist wie der andere, und genau das macht diese Arbeit so spannend. Ich arbeite eng mit unseren lokalen Partnern vor Ort zusammen, die den jeweiligen Markt kennen und die Veranstaltung mit Leben füllen. Meine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass alle Veranstaltungen die Qualitätsstandards der R+T Alliance erfüllen und gleichzeitig authentisch für ihren jeweiligen Markt sind. Der positive, persönliche Nebeneffekt ist, dass ich ein enges, internationales Netzwerk aufbauen konnte, das aus gegenseitigem Respekt, und Vertrauen besteht. Man kennt sich. Aus meiner tagtäglichen Arbeit mit den internationalen Kollegen, Verbandsvertreter, Journalisten und Austellern sind über die Jahre Freundschaften entstanden. Eine R+T Alliance Messe oder der Besuch einer anderen Branchenveranstaltung fühlt sich dann eher wie ein Klassen- oder Familientreffen an.
GW – Die R+T Asia hat gerade ihre Ausgabe 2026 abgeschlossen. Was waren die Highlights?
Esswein – Über 750 Aussteller auf 120.000 m2, und das bei einem jährlichen Messeturnus. Das heißt, die Branche vertraut dieser Plattform und investiert in ihre Präsenz. Unterstrichen wird diese Tatsache auch durch die hohe Rebooking Rate unserer ausstellenden Unternehmen. Bereits jetzt haben 88 % der diesjährigen ausstellenden Unternehmen ihren Messestand für die R+T Asia 2027 bestätigt. Für europäische Verhältnisse ist diese Zahl einfach unglaublich. Das zeigt, dass die Messe als Plattform für die Branche im APAC-Raum unverzichtbar geworden ist. Besonders bemerkenswert ist auch die wachsende internationale Beteiligung. Rund 30 % der über 56.000 Besucher kommen nicht aus China. Die R+T Asia ist also längst kein rein asiatisches Event mehr, sondern ein weiterer globaler Branchentreff innerhalb des R+T Alliance Netzwerks.
GW – Welche Trends aus Shanghai sind auch für die Glas- und Fensterbranche besonders relevant?
Keller – Ein klarer Trend ist die Integration von Sonnenschutz und Verglasung. Die Systeme werden immer enger verzahnt, sowohl technisch als auch gestalterisch. Hochleistungsverglasung kombiniert mit intelligentem, adaptivem Sonnenschutz: Das ist die Zukunft der Gebäudehülle. Auf der R+T Asia sehen wir diese Entwicklung sehr deutlich, weil der asiatische Markt seine Stärken im Technologie-Bereich hat. Hinzu kommt das Thema Automatisierung und Smart Building. Systeme, die Sonnenschutz, Verglasung, Beleuchtung und Klimatisierung intelligent verknüpfen, sind stark im Kommen. Das ist für Hersteller von Fenstern und Fassadensystemen hochrelevant.
GW – Im Herbst stehen die Sun Shading Expo North America vom 3. bis 5. November in Orlando und die R+T South East Asia vom 11. bis 13. November in Bangkok an. Warum sollten Entscheider aus der Glas- und Fensterbranche diese Messen auf dem Radar haben?
Esswein – Weil beide Märkte für die Branche strategisch bedeutsam sind. In Nordamerika wächst das Interesse an energieeffizienten Gebäudehüllen stark, und Sonnenschutz spielt dabei eine immer größere Rolle. Für Herstellerinnen und Hersteller von Fenstern und Fassadensystemen, die in den USA oder Kanada Fuß fassen wollen, ist die Sun Shading Expo North America der ideale Einstiegspunkt.
Keller – Südostasien ist eine der dynamischsten Wachstumsregionen der Welt, angetrieben von mehreren wichtigen Trends, die die Branche in der gesamten Region verändern. Dazu zählen groß angelegte Infrastrukturprojekte, die zunehmende Umstellung auf eine nachhaltige Energieinfrastruktur, die rasante Digitalisierung durch intelligente Technologien und Automatisierung sowie der boomende Industriebau, der durch den Ausbau von Produktions- und Logistikzentren beflügelt wird. Die Bauwirtschaft boomt, und damit auch der Bedarf an Lösungen für Sonnenschutz und Gebäudeautomation. Wer jetzt dabei ist, positioniert sich früh in einem Markt, der in den nächsten Jahren enorm an Bedeutung gewinnen wird. Für Entscheider, die international denken, sind das zwei Termine, die sich lohnen.
GW – Die R+T Alliance lebt vom Austausch zwischen den Märkten. Profitieren die einzelnen Messen auch inhaltlich voneinander?
Keller – Absolut. Jede Messe bringt eigene Schwerpunkte und Erfahrungen ein. In Asien sehen wir beispielsweise viele technologische Entwicklungen sehr früh, während in Europa Themen wie Nachhaltigkeit, Normung und Qualitätssicherung stark im Fokus stehen. Durch den engen Austausch innerhalb der R+T Alliance können wir diese Impulse aufnehmen und für alle Veranstaltungen nutzbar machen. Davon profitieren letztlich Aussteller und Besucher gleichermaßen.
GW – Was bedeutet diese internationale Vernetzung konkret für Unternehmen aus der Glas-, Fenster- und Fassadenbranche?
Esswein – Sie erhalten Zugang zu Märkten, Trends und Geschäftskontakten weit über ihre Heimatregion hinaus. Gerade die Schnittstellen zwischen Sonnenschutz, Verglasung, Gebäudeautomation und Energieeffizienz werden weltweit immer wichtiger. Wer die Veranstaltungen der R+T Alliance besucht, bekommt einen sehr guten Überblick darüber, wie sich diese Themen international entwickeln und welche Chancen sich daraus für das eigene Unternehmen ergeben.
GW – Welche Rolle spielt die R+T in Stuttgart innerhalb dieses internationalen Netzwerks?
Esswein – Die R+T in Stuttgart ist und bleibt die Weltleitmesse der Branche. Hier kommen die wichtigsten internationalen Marktteilnehmer zusammen, viele Entwicklungen werden erstmals einem globalen Publikum vorgestellt. Gleichzeitig profitiert die Veranstaltung von den Erkenntnissen und Kontakten aus den internationalen Tochtermessen. Die R+T Alliance stärkt also nicht nur die regionalen Veranstaltungen, sondern auch den Standort Stuttgart.
GW – Und dann kommt 2027 die R+T in Stuttgart
Esswein – Genau. Vom 15. bis 19. Februar 2027 öffnet die R+T ihre Tore. Auch für die Glas- und Fensterbranche sollte das ein Pflichttermin sein, denn die Verzahnung von Verglasung, Sonnenschutz und Gebäudeautomation wird dort zu einem zentralen Thema. Wer Entwicklungen im Markt mitgestalten will, sollte dabei sein. Gleichzeitig bietet die R+T die einzigartige Möglichkeit, internationale Markttrends, technologische Innovationen und neue Geschäftsmodelle an einem Ort zu erleben. Die Besucher profitieren vom Austausch mit Herstellern, Planern, Architekten und Systemanbietern aus aller Welt. Genau diese Kombination aus Innovation, Networking und Marktüberblick macht die R+T seit Jahrzehnten zur wichtigsten Plattform der Branche, um die Weichen für die Zukunft zu stellen.
Das Interview führte der Ressortleiter Sonnenschutz Olaf Vögele