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Warum reden wir über Klimaanlagen – aber kaum über Sonnenschutz?

Was mich jedoch mit großem Unverständnis zurücklässt, ist die Richtung der aktuellen politischen Debatte. Ausgerechnet dort, wo über wirksame Maßnahmen gegen die Überhitzung von Gebäuden gesprochen wird, scheint der technische Sonnenschutz kaum eine Rolle zu spielen.

Die aktuelle Forderung der Grünen nach einem stärkeren Einsatz von Klimaanlagen in Schulen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen verfolgt ein wichtiges Ziel: den Schutz vulnerabler Menschen. Was ich jedoch nicht nachvollziehen kann: Ausgerechnet eine Partei, die den Klimaschutz zu ihrem Markenkern erklärt, setzt beim sommerlichen Wärmeschutz zuerst auf zusätzliche Klimatechnik, und verliert dabei die wirksamste passive Klimaschutzmaßnahme nahezu vollständig aus dem Blick: den außenliegenden Sonnenschutz. Im Gebäudeenergiegesetz wird nur verlangt, den Sonneneintrag durch ausreichenden baulichen sommerlichen Wärmeschutz zu begrenzen. Sonnenschutz wird also nicht wörtlich benannt

Dabei gilt in der Bauphysik seit Jahrzehnten ein einfacher Grundsatz: Erst den Wärmeeintrag verhindern, anschließend, wenn überhaupt noch erforderlich, die verbleibende Restwärme kühlen. Genau dieses Prinzip bestätigt die Studie des Ingenieurbüros Prof. Dr. Hauser (IBH), die im Auftrag der Repräsentanz Transparente Gebäudehülle (RTG) aus Berlin erstellt wurde. Dort heißt es unmissverständlich: „Klimaanlagen sollten jedoch Sonnenschutz höchstens ergänzen, nicht ersetzen.“

Die Ergebnisse der Hauser Studie sind eindeutig. Außenliegender Sonnenschutz ist die wirksamste Maßnahme gegen sommerliche Überhitzung. Automatisierte Systeme können den Kühlenergiebedarf um mehr als die Hälfte reduzieren, in vielen Gebäuden lässt sich auf eine Klimaanlage sogar vollständig verzichten. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass ein auf 22 °C gekühlter Wohnraum ohne Sonnenschutz künftig ein Vielfaches der Heizenergie eines Winters benötigen kann.

Die wirksamste Klimaanlage ist der Sonnenschutz. Die Hauser-Studie zeigt anhand der prognostizierten Klimadaten für 2045, dass außenliegender Sonnenschutz den Kühlenergiebedarf drastisch reduziert und in vielen Fällen eine mechanische Kühlung erst gar nicht erforderlich macht. Mit steigenden Temperaturen wird der sommerliche Wärmeschutz zu einem immer wichtigeren Baustein energieeffizienter Gebäude.

Die wirksamste Klimaanlage ist der Sonnenschutz. Die Hauser-Studie zeigt anhand der prognostizierten Klimadaten für 2045, dass außenliegender Sonnenschutz den Kühlenergiebedarf drastisch reduziert und in vielen Fällen eine mechanische Kühlung erst gar nicht erforderlich macht. Mit steigenden Temperaturen wird der sommerliche Wärmeschutz zu einem immer wichtigeren Baustein energieeffizienter Gebäude.

Eigentlich ist das nichts anderes als gesunder Menschenverstand. Niemand würde im Winter bei geöffnetem Fenster die Heizung höher drehen. Im Sommer scheint genau dieses Prinzip plötzlich akzeptiert zu sein: Erst gelangt die Sonnenenergie nahezu ungehindert ins Gebäude, anschließend soll sie mit Klimaanlagen wieder hinausgekühlt werden. Das ist weder energiepolitisch sinnvoll noch nachhaltig.

Auch in den sozialen Medien wurde dieser Widerspruch treffend beschrieben: Wir unternehmen immer größere technische Anstrengungen, um die Folgen der Sonneneinstrahlung zu beseitigen, anstatt den Wärmeeintrag von Anfang an intelligent zu begrenzen. Genau dieser Perspektivwechsel fehlt der aktuellen Debatte.

Ein Blick in die Schweiz zeigt, dass es auch anders geht. Die Norm SIA 180 „Wärmeschutz, Feuchteschutz und Raumklima in Gebäuden“ nennt den Sonnenschutz ausdrücklich als Bestandteil des Nachweises für den sommerlichen Wärmeschutz. Sie fordert nicht zuerst Kühltechnik, sondern den Nachweis eines wirksamen Sonnenschutzes. Mechanische Kühlung kommt erst dann in Betracht, wenn die Anforderungen mit passiven Maßnahmen nicht erreicht werden können. 

Studienautor Dr. Stephan Schlitzberger bringt den Handlungsbedarf auf den Punkt: „Auf diese Entwicklung ist unser Gebäudebestand nicht vorbereitet. Viele Gebäude werden im Sommer zunehmend überhitzen.“ Noch deutlicher wird seine Kritik an den heutigen Planungsgrundlagen: „In Deutschland wird in puncto Hitzeschutz für das Klima der Vergangenheit gebaut. Für Sanierungen gibt es gar keine gesetzlichen Anforderungen an den sommerlichen Wärmeschutz. Das müssen wir ändern.“ 

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Energieeffizienz oder Klimaschutz. Es geht um Gesundheit. Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages weist seit Jahren darauf hin, dass extreme Hitze zu den größten Gesundheitsrisiken in Deutschland zählt und jährlich Tausende Menschen an ihren Folgen sterben. Gerade Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Schulen benötigen deshalb wirksame Hitzeschutzkonzepte. Umso erstaunlicher ist es da, dass eine der effektivsten Maßnahmen in der politischen Diskussion praktisch keine Rolle spielt.

Technischer Sonnenschutz ist heute ein Bestandteil einer intelligenten Gebäudehülle, reduziert den Wärmeeintrag, senkt den Energiebedarf von Klimaanlagen erheblich und verbessert gleichzeitig thermischen und visuellen Komfort, Gesundheit und Aufenthaltsqualität.

Ich fordere eine sachliche und vollständige Diskussion über den sommerlichen Wärmeschutz. Denn die eigentliche Aufgabe besteht darin, den Wärmeeintrag in Gebäude von vornherein zu minimieren. Erst wenn alle Möglichkeiten des baulichen und technischen Sonnenschutzes ausgeschöpft sind, sollte über den Einsatz mechanischer Kühlung nachgedacht werden. Genau diese Reihenfolge empfehlen Bauphysik und Wissenschaft.

Wer heute Milliarden in zusätzliche Klimatechnik investieren möchte, sollte zunächst Millionen in intelligenten Sonnenschutz investieren. Denn jede Kilowattstunde, die gar nicht erst für die Kühlung benötigt wird, muss weder erzeugt noch bezahlt werden. Erst Sonne. Dann Schatten. Und erst danach – wenn überhaupt noch erforderlich – Klimatisieren. Genau das empfehlen die Hauser-Studie und die Schweizer SIA 180 seit Jahren.

Die Politik wäre gut beraten, den Sonnenschutz endlich als das zu begreifen, was er längst ist: kein Komfortprodukt, sondern ein unverzichtbarer Baustein moderner Gebäudeplanung, des Gesundheitsschutzes und einer intelligenten Klimaanpassung. Wer wirksamen Hitzeschutz ernst meint, muss beim Sonnenschutz beginnen, und nicht bei der Klimaanlage

Olaf Vögele, Sachverständiger und Ressortleiter Sonnenschutz