Im Rahmen des „Fachforum Gebäudesicherheit“, moderiert von Christian Mettlach (Wicona), diskutierten Experten aus Forschung, Planung und Industrie, wie sich Fassaden und Gebäudeabschlüsse auf diese Herausforderungen einstellen müssen. Die zentrale Erkenntnis: Die Fassade entwickelt sich vom reinen Witterungsschutz zu einem sicherheitsrelevanten Systembauteil, das wesentlich zur Resilienz eines Gebäudes beiträgt.
Resilienz wird zum neuen Planungsmaßstab
Den Auftakt bei den Vorträgen machte Rudi Scheuermann vom Ingenieurbüro Arup. Er stellte die Ergebnisse des vom Bund beauftragten „Stresstests für Städte“ vor. Die Untersuchung analysiert zwölf Stressszenarien, die Kommunen in Deutschland künftig bewältigen müssen. Dazu zählen unter anderem Starkregen, thermische Belastungen durch Hitzeperioden, Energiekrisen, Cyberangriffe, Epidemien, gesellschaftliche Polarisierung, Branchenwandel und demografische Veränderungen.
Matthias Rehberger / GW
Den Auftakt machte Rudi Scheuermann vom Ingenieurbüro Arup. Er stellte die Ergebnisse des vom Bund beauftragten „Stresstests für Städte“ vor. Die Untersuchung analysiert zwölf Stressszenarien, die Kommunen in Deutschland künftig bewältigen müssen. Dazu zählen unter anderem Starkregen, thermische Belastungen durch Hitzeperioden, Energiekrisen, Cyberangriffe, Epidemien, gesellschaftliche Polarisierung, Branchenwandel und demografische Veränderungen.
Für die Bau- und Fassadenbranche bedeutet dies einen grundlegenden Perspektivwechsel. Künftig wird nicht allein entscheidend sein, ob ein Gebäude einer Belastung standhält. Immer wichtiger wird die Frage, wie schnell ein Gebäude nach einem Schadensereignis wieder nutzbar ist.
Rudi Scheuermann beschrieb hierfür drei Entwicklungsstufen des Resilienz-Designs: von der schnellen Wiederherstellung der Nutzungsfähigkeit über die Vermeidung betriebsunterbrechender Schäden bis hin zur vorausschauenden Planung von Gebäuden, die mögliche Katastrophenszenarien bereits im Entwurf berücksichtigen.
Gerade Fassaden spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie müssen Schäden begrenzen, Nutzer schützen und gleichzeitig verhindern, dass Teile der Gebäudehülle zu einer zusätzlichen Gefahr werden. Bei Sturmereignissen beispielsweise darf die Fassade weder versagen noch durch herabstürzende Bauteile Menschen gefährden.
Gebäudehüllen müssen mehr können
Die Anforderungen an moderne Fassaden gehen deshalb weit über Wärmedämmung, Design und Energieeffizienz hinaus. Gefordert werden unter anderem:
Matthias Rehberger / GW
* Schutz vor Sturm- und Extremwetterereignissen
* Widerstand gegen Vandalismus und Einbruch
* Sichere Zugangskontrollen
* Vermeidung von herabfallenden Fassadenteilen
* Schutz vor Explosionseinwirkungen und Druckwellen
* Erhalt der Gebäudefunktion nach Schadensereignissen
* Unterstützung von Notfall- und Evakuierungskonzepten
Besonders wichtig wird dabei die sogenannte Business Continuity. Gebäude sollen auch bei Ausfällen technischer Systeme möglichst lange funktionsfähig bleiben. Natürliche Lüftungskonzepte, Nachtauskühlung und eine geringere Abhängigkeit von externer Energieversorgung gewinnen dadurch an Bedeutung
„Wir werden immer wieder Situationen erleben, die wir nicht vorhersehen können. Entscheidend ist, wie schnell wir darauf reagieren und den Gebäudebetrieb wieder aufnehmen können“, betonte Rudi Scheuermann.
Explosionen und Extrembelastungen rücken in den Fokus
Mit den Auswirkungen außergewöhnlicher Belastungen beschäftigte sich Dr. Johannes Schneider vom Fraunhofer-Institut. Er erläuterte Methoden der quantitativen Risikoanalyse und zeigte auf, wie Risiken bewertet und Schutzmaßnahmen entwickelt werden können.
Im Mittelpunkt standen dabei Explosionsereignisse und deren Auswirkungen auf Tragwerke und Fassaden. Anders als bei klassischen statischen Lasten wirken hierbei kurzzeitige dynamische Belastungen auf Bauteile ein. Herkömmliche Bemessungsverfahren stoßen dabei häufig an ihre Grenzen.
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Für Fassaden ergeben sich daraus neue Zielkonflikte. Transparente Gebäudehüllen stehen häufig im Spannungsfeld zwischen architektonischen Anforderungen und dem Wunsch nach höherer Robustheit. Ebenso kollidieren offene Gebäudestrukturen teilweise mit den Anforderungen an Schutz und Widerstandsfähigkeit.
Die Fassade als Schutzschild
Nach Schneider muss die Fassade künftig mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen. Neben ihren klassischen Funktionen wie Witterungsschutz, Einbruchhemmung und Lastabtrag soll sie auch verhindern, dass Gefährdungen in das Gebäude eindringen. Dazu gehören insbesondere:
* Schutz vor Druckwellen und Blast-Einwirkungen
* Schutz vor Primärsplittern
* Verhinderung von Brandweiterleitung
* Vermeidung gefährlicher Sekundärtrümmer bei Bauteilversagen
Gerade letzterer Punkt gewinnt an Bedeutung. Bei Extremereignissen können Fassadenelemente selbst zur Gefahr werden. Ziel moderner Sicherheitskonzepte ist deshalb nicht nur die Stabilität der Gebäudehülle, sondern auch die kontrollierte Begrenzung möglicher Schäden.
Weitere Beiträge des Fachforums
Matthias Demmel vom PfB Rosenheim zeigte aktuelle Prüf- und Zertifizierungsverfahren für sicherheitsrelevante Fassaden- und Verglasungssysteme auf und erläuterte deren Bedeutung für die praktische Umsetzung von Sicherheitsanforderungen. Spannend waren insbesondere seine Videos, die zeigten, wie mit brachialer Gewalt und Werkzeugen eine Öffnung in Glas, selbst laminiertes Glas erzwungen werden kann.
Christian Pfänder von Wicona stellte Systemlösungen vor, mit denen sich hohe Sicherheitsanforderungen mit Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und architektonischen Ansprüchen verbinden lassen.
Christoph Wyler von der SWM Metallbautechnik AG präsentierte Erfahrungen aus der Praxis und zeigte, wie Sicherheitsanforderungen bereits heute in anspruchsvollen Fassadenprojekten umgesetzt werden.
Bernd Geißler und Oliver Sommer von Sommer Fassadensysteme – Stahlbau – Sicherheitstechnik erläuterten die Integration von Sicherheits- und Schutzfunktionen in Fassaden- und Stahlbaukonstruktionen sowie deren Umsetzung in realen Projekten.
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Patrick Coppée von der Silatec Sicherheits- und Laminatglastechnik stellte die Möglichkeiten moderner Sicherheitsverglasungen vor. Im Mittelpunkt standen Lösungen zum Schutz vor Einbruch, Durchwurf, Explosionseinwirkungen und weiteren außergewöhnlichen Belastungen.
Was bedeutet die neuen Extreme für Fassadenbauer?
Das Fachforum machte deutlich, dass die Anforderungen an Fassaden in den kommenden Jahren erheblich steigen werden. Gebäudehüllen sollen nicht nur Energie sparen und architektonische Akzente setzen, sondern zunehmend auch Schutzfunktionen übernehmen und zur Resilienz von Gebäuden beitragen.
Für Fassadenbauer wurde auf dem Fachforum deutlich, dass sich die Anforderungen an Gebäudehüllen in den kommenden Jahren spürbar verändern werden. Während bislang vor allem Themen wie Energieeffizienz, Wärmeschutz und Nachhaltigkeit im Vordergrund standen, rücken zunehmend Sicherheits- und Resilienzaspekte in den Fokus.
Die Vorträge machten zudem deutlich, dass Sicherheitsanforderungen künftig deutlich früher in den Planungsprozess integriert werden müssen. Fassadenbauer werden stärker als bisher in die Entwicklung ganzheitlicher Sicherheitskonzepte eingebunden sein
Gefragt sind künftig Lösungen, die verschiedene Anforderungen miteinander verbinden: Energieeffizienz, Nachhaltigkeit, Nutzerkomfort und Sicherheit müssen gemeinsam betrachtet werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Kenntnis von Normen, Risikobewertungen und Speziallösungen wie Sicherheitsglas, explosionshemmenden Konstruktionen oder widerstandsfähigen Befestigungssystemen.
Matthias Rehberger / GW
Die Gebäudehülle entwickelt sich damit zunehmend zu einem integralen Bestandteil der Gebäudesicherheit. Wer künftig Fassaden plant, produziert oder montiert, wird sich intensiver mit Resilienz, Risikoanalysen und außergewöhnlichen Belastungen auseinandersetzen müssen, wie Starkregen, Sturmereignissen, Vandalismus, Einbruchversuchen oder sogar Explosionseinwirkungen ihre Schutzfunktion.
Gleichzeitig sollen Gebäude nach Schadensereignissen möglichst schnell wieder nutzbar sein. Die Widerstandsfähigkeit der Gebäudehülle wird damit zu einem wichtigen Qualitätsmerkmal.
Das müssen Fassadenbauer beachten
Für Fassadenbauer bedeutet dies, sich intensiver mit Sicherheitsverglasungen, einbruchhemmenden Konstruktionen, absturzsicheren Befestigungen sowie widerstandsfähigen Fassaden- und Fenstersystemen auseinanderzusetzen. Auch Kenntnisse über Explosionsschutz, Anpralllasten, besondere Befestigungstechniken und die Vermeidung von herabfallenden Bauteilen dürften künftig häufiger nachgefragt werden.
Darüber hinaus werden Bauherren und Planer zunehmend nach ganzheitlichen Lösungen suchen. Wer neben der eigentlichen Fassade auch Themen wie Zugangskontrolle, Sicherheitsglas, Sonnenschutz, Lüftungskonzepte und die Widerstandsfähigkeit von Gebäudehüllen mitdenken kann, verschafft sich Wettbewerbsvorteile.
Doch die wichtigste Botschaft des Fachforums lautet daher: Fassadenbauer sollten Sicherheit nicht als Sonderlösung für einzelne Projekte betrachten, sondern als wachsendes Geschäftsfeld.
Wer sich frühzeitig Know-how in den Bereichen Gebäudesicherheit, Resilienz und Spezialverglasung aufbaut, kann sich als kompetenter Partner für die steigenden Anforderungen an die Gebäudehülle positionieren. Die Fassade der Zukunft schützt nicht nur vor Witterungseinflüssen, sondern wird zunehmend zu einem aktiven Bestandteil der Sicherheitsstrategie eines Gebäudes.
Autor: Matthias Rehberger
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