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Sebastian Dengg: Serie zu Sicherheitsglas (Teil 03)

Erst das Schutzziel auswählen, dann das Glas!

Wer eine Verglasung vorsätzlich angreift, verfolgt ein Ziel. Welches Werkzeug er mitbringt, wie erfahren er ist und wie viel Zeit ihm bleibt, weiß im Voraus niemand. Die Planung legt deshalb ein angenommenes Täterprofil zugrunde.

Drei Disziplinen, drei Normen

Die Einbruchhemmung prüft die DIN EN 356 am Glas selbst: Sie fragt, ob es einem Wurf oder einer Folge von Schlägen standhält. Die Durchschusshemmung nach DIN EN 1063 fragt, ob das Geschoss den Verbund durchdringt und ob auf der geschützten Seite Splitter abgehen. Die Sprengwirkungshemmung nach DIN EN 13541 fragt, welchem Überdruck und Impuls einer Stoßwelle der Aufbau standhält.

Beschusshemmendes Glas nach dreimaligem Beschuss: Die Kugeln blieben im Mehrschichtverbund stecken.

Vetrotech Saint-Gobain

Beschusshemmendes Glas nach dreimaligem Beschuss: Die Kugeln blieben im Mehrschichtverbund stecken.

Die drei Ergebnisse lassen sich nicht ineinander umrechnen. Sicherheitssonderverglasungen sind in aller Regel Verbundaufbauten, und ihre Klasse entsteht aus der Zusammensetzung: aus Zahl und Dicke der Glas- und gegebenenfalls Polycarbonatlagen, aus den Zwischenschichten und der eingesetzten Verbindungstechnologie.

Einbruchhemmung: erst das Glas, dann das Bauteil

Die DIN EN 356 kennt zwei Prüfverfahren. Für die durchwurfhemmenden Klassen P1A bis P5A fällt eine Stahlkugel von 4,11 kg aus bis zu neun Metern Höhe auf den Prüfkörper. Für die durchbruchhemmenden Klassen P6B bis P8B schlägt eine maschinell geführte Axt auf das Glas ein, bis eine durchstiegsfähige Öffnung entsteht; gezählt werden die Schläge.

Die Widerstandszeit kommt erst auf Bauteilebene hinzu. Die DIN EN 1627 prüft Fenster, Türen und Abschlüsse gegen ein definiertes Täterprofil mit festgelegtem Werkzeugsatz und greift für die Verglasung auf die Klassen der EN 356 zurück.

Ein verbreitetes Missverständnis betrifft die Verglasung in den Widerstandsklassen RC 2 und RC 3. Viele Planer gehen davon aus, dort ohne Weiteres P4A oder P5A einsetzen zu dürfen. Übersehen wird die Bedingung, an die das geknüpft ist: der abschließbare Fenstergriff. Fehlt er, darf in der Prüfung auch die Verglasung angegriffen werden, um an den Griff zu gelangen. Hinzu kommt die Praxis: Täter nehmen das Glas zunehmend als Schwachstelle wahr und greifen es gezielt an, gleich was die Prüfnorm vorsieht.

Sonderfall Flucht- und Rettungstüren

KI generiertes Bild / GW

Bei einbruchhemmenden Türen in Flucht- und Rettungswegen genügt bereits eine punktuelle Öffnung, groß genug für einen Schraubendreher, um den Panikbeschlag von außen zu betätigen. Das Glas muss hier vor allem punktueller Durchdringung widerstehen.

Hier schließt sich der Kreis zum ersten Teil: ESG im Verbund kann seine Festigkeit ausspielen und Aufbauten dünner und leichter machen, als sie sonst ausfallen müssten. Nachgewiesen wird das in der geprüften Tür oder über eine gesonderte punktuelle Prüfung.

Gelegenheitstäter, Profi oder Menschenmenge

Für den Gelegenheitstäter mag P4A genügen: für den, der vor splitterndem Glas zurückschreckt, der weder Zeit noch Kraft investieren will und dem die Erfahrung fehlt, wo eine solche Verglasung ihre Schwachstelle hat und wie sie gezielt zu überwinden wäre. Genau dieses Wissen bringt der Profi mit. Geht es um exklusive Immobilien, um Gebäude der kritischen Infrastruktur oder um den Schutz von Personen und Werten, ist der pauschale Einsatz von P4A oder P5A deshalb fehl am Platz.

KI generiertes Bild

Ein eigenes Gefahrenbild entsteht bei Plünderungen oder wenn sich viele gewaltsam Zutritt zu einem Gebäude verschaffen wollen. An die Stelle des einzelnen Täters tritt dann eine wechselnde Gruppe, die in der Menge anonym bleibt. Zu rechnen ist mit Wurfgegenständen, mitgeführtem Werkzeug und Brandsätzen.

Schwer wiegt der Faktor Zeit: Widerstandsklassen sollen einen Angriff aufhalten, bis Hilfe eintrifft, bei Unruhen verzögert sich diese Hilfe oder bleibt aus. Eine Gruppe, die ungestört und abwechselnd zuschlagen kann, relativiert jede Schlagzahl.

Im europäischen Normenwerk ist dieses Szenario nicht abgebildet, Brandsätze ebenso wenig. Der Aufbau muss deshalb gegen ein projektbezogen definiertes Angriffsszenario ausgelegt und nachgewiesen werden.

Vom Szenario zur Klasse

Am Anfang jeder Glasauswahl steht deshalb das Schutzziel. Beim Verletzungsschutz entscheiden Bruchbild, Splitterbindung und Resttragfähigkeit. Sobald ein Täter ins Spiel kommt, verschiebt sich die Frage vom Werkstoff zum Szenario: Welches Werkzeug, welche Waffe, welche Ladung – und wie viel Zeit vergeht bis zur Intervention? Erst die Antwort darauf bestimmt, welche Klasse gefordert ist und ob eine geprüfte Klasse allein genügt.

Tipp: Teil 01 – ESG ist kein Sicherheitsglas finden Sie hier

und Teil 02 – Zwischen Krümel und Resttragfähigkeit finden Sie hier 

Über den Autor
Sebastian Dengg ist Personen­zertifizierter Sach­verständiger für Sicherheits­technik DIN EN ISO/IEC 17024:2012. Seine Expertise umfasst Hochsicherheitsgläser und mechanische Sicherheitsglassysteme. Er besitzt über 20 Jahre Erfahrung in der Beratung und Entwicklung solcher Systeme.

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