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Sebastian Dengg: Neue Serie zu sicherheitsglas (Teil 01)

 ESG ist kein Sicherheitsglas!

 Wenn das Wort Sicherheit zwei Dinge bedeutet: ESG ist kein Sicherheitsglas. Zumindest nicht in dem Sinn, in dem das Wort gemeint ist, wenn eine Gebäudehülle beziehungsweise die dort eingesetzten Gläser einem Einbruch, einem Beschuss oder einer Sprengwirkung standhalten sollen. 

Matthias Rehberger

Safety ist nicht Security

Im Englischen ist die Unterscheidung sauber getrennt: man spricht von Safety Glass und Security Glass. Safety meint den Schutz vor Unfall und Verletzung, Security den Schutz vor einem vorsätzlichen Angriff.

Das Deutsche beschreibt beide Bedeutungen in einem einzigen Wort, und damit beginnt ein Missverständnis, das erstaunlich weit trägt. Wer als Bauherr im Internet nach Einbruchschutz sucht oder nach dem, was der Volksmund Panzerglas nennt, landet sehr schnell bei Sicherheitsglas und damit bei Einscheibensicherheitsglas (ESG). Er folgert, sein Haus sei damit besser gegen Einbruch geschützt. Das stimmt aber nicht.

Matthias Rehberger

Das sagt die Norm über ESG

Was „Sicherheit“ bei ESG bedeutet, ist amtlich festgelegt. Die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A1.6 versteht unter Sicherheitsglas ein Glas, das durch Vorspannen oder Laminieren bruchsicher ist und die Verletzungsgefahr bei Beschädigung verhindert oder minimiert. Gemeint ist etwa der Mensch, der versehentlich gegen die Verglasung stürzt

Die Wirkung entsteht in der Herstellung. Das Glas wird auf rund 600 °C erhitzt und mit kalter Luft schlagartig abgekühlt. Die Glasoberfläche erstarrt zuerst und steht danach unter Druck, der Kern des Glases steht unter Zugspannung.

Daraus folgen zwei Eigenschaften: eine deutlich höhere Festigkeit – die DIN EN 12150-1 nennt für ESG eine Biegefestigkeit von 120 N/mm², Floatglas erreicht nach DIN EN 572-1 45 N/mm² – und ein charakteristisches Bruchbild. Bricht ESG, entlädt sich die gespeicherte Spannung, und das Glas zerfällt in kleine, stumpfkantige Krümel. Die langen, dolchartigen Scherben, mit denen gebrochenes Floatglas schwere Schnittverletzungen verursachen kann, entstehen nicht. Dieser Krümelbruch ist der eigentliche Namensgeber.

Matthias Rehberger / GW

Warum ESG vor Verletzungen schützt

ESG ist dort unverzichtbar, wo im Bruchfall mit Körperkontakt zu rechnen ist und die Scherben selbst zur Verletzungsquelle würden: in der Seitenscheibe eines Fahrzeugs, in der Ganzglasdusche, in rahmenlosen Ganzglastüren.

Aufschlussreich wird es dort, wo ESG in Konstruktionen auftaucht, die einen Absturz verhindern oder einem Angriff standhalten sollen. Für raumhohe absturzsichernde Isoliergläser lässt die DIN 18008-4 ESG auf der stoßzugewandten Seite zu, verlangt aber, dass mindestens ein Glas des Aufbaus aus Verbundsicherheitsglas (VSG) besteht. Hier zählen beide Eigenschaften: die Festigkeit gegen den Anprall und ein Bruchbild, das den Anprallenden nicht verletzt.

Auch in Verbundaufbauten für einbruchhemmende Türen in Flucht- und Rettungswegen, sogenannte Paniktüren, hat sich ESG in meiner Entwicklungsarbeit bewährt. Dort gibt die Festigkeit den Ausschlag; der Krümelbruch spielt keine Rolle oder kann sogar kontraproduktiv sein. Den Schutz vor dem Menschen mit Absicht leistet erst das Zusammenspiel des gesamten Glasaufbaus.

Das lesen Sie in Teil 02: Wie dieses Zusammenspiel funktioniert und warum, klärt der folgende Teil 02 der Serie. Zunächst geht es dort um einen Gegner, der im Glas selbst steckt. Die entscheidende Frage stellt sich dabei erst nach dem Bruch: was bleibt dann noch stehen?

Sebastian Dengg
ist Sebastian Dengg ist Personen­zertifizierter Sach­verständiger für Sicherheits­technik DIN EN ISO/IEC 17024:2012. Seine Expertise umfasst Hochsicherheitsgläser und mechanische Sicherheitsglassysteme. Er besitzt über 20 Jahre Erfahrung in der Beratung und Entwicklung solcher Systeme.

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