Gruppenarbeit rund um die Zukunft es Holzfensterbaus. Die Warema Sun Academy mit 5 Seminarräumen und 4 Lernzonen bot dafür den perfekten Rahmen.
Klimawandel, Fachkräftemangel und steigende Nachhaltigkeitsanforderungen fordern den Holzfensterbau heraus. Der ProHolzfenster-Partnerkongress 2026 in Wertheim zeigte Lösungswege auf: Von automatisierten Produktionssystemen bis hin zur stofflichen Wiederverwertung alter Fenster.
Der Holzfensterbau in Deutschland steht vor einem grundlegenden Wandel. Auf dem ProHolzfenster-Partnerkongress 2026 in Wertheim diskutierten über 150 Branchenexpertinnen und -experten, wie Digitalisierung, Automatisierung und Nachhaltigkeit die Zukunft der Branche prägen werden. Veranstalter waren der Bundesverband ProHolzfenster, unterstützt durch die Unternehmen Warema, deren Räumlichkeiten genutzt wurden, und die ebenfalls in der Region beheimateten Weinig AG.
Warema-Chefin: „Heft des Handelns in der Hand behalten“
Angelique Renkhoff-Mücke, Vorsitzende der Warema-Geschäftsleitung, gab den Teilnehmern eine eindringliche Botschaft mit auf den Weg: „Digitalisierung ist nicht alles – aber ohne läuft nichts mehr.“ Sie betonte in ihrem Grußwort die Notwendigkeit, „in Krisen aktiv zu bleiben, das Heft des Handelns in der Hand zu behalten.“ Für sie gelte dabei, den Fokus auf das eigene Umfeld zu legen. „Will man sich die Nachrichten überhaupt noch anhören? Im eigenen Umfeld aber kann man noch etwas gestalten. Nach vorne schauen.“ Dabei dürfe man dennoch eines nicht aus den Augen verlieren: „Der Klimawandel ist thematisch nach hinten gerutscht, aber er verändert sich deswegen nicht, er schreitet weiter voran. Wir können einen Beitrag leisten.“
Renkhoff-Mücke hob die Bedeutung des Branchenaustauschs hervor: „Die Antworten entstehen im Austausch miteinander und nicht im stillen Kämmerlein. Für eine gemeinsame Zukunft unserer Branche.“
Automatisierung und KI verändern die Produktion
Michael Bock, GF der Weinig Vertrieb und Service GmbH, berichtete von einer bemerkenswerten Entwicklung: „50 Fensterbaumaschinen jährlich seit 2020“ habe das Unternehmen geliefert. Dabei wandle sich das Geschäft: „Fensterbaumaschinen war gestern, jetzt liefern wir Fensterbausysteme.“ Die Kongress-Teilnehmer selbst identifizierten in der von Weinig gestalteten Session mehrere Schlüsselbereiche für die technologische Weiterentwicklung: Verkettung von Produktionslinien, erweiterte CNC-Technik, Robotik und KI sowie die Automatisierung von Qualitätsprozessen.
Diversifikation als Erfolgsrezept
Als herausragender Impulsgeber fungierte Jakob Schöffel, der mit jungen 26 Jahren die Verantwortung für das traditionsreiche Familienunternehmen übernommen hatte. Seine Keynote zum Auftakt des zweiten Kongresstages bot den Teilnehmern wertvolle Einblicke in erfolgreiche Unternehmensnachfolge und strategische Diversifikation. Der Schlüssel zum erfolgreichen Übergang bei Schöffel lag in der aktiven Vorbereitung. Jakobs Vater hatte sich bewusst neue Hobbys aufgebaut und ermöglichte so einen deutlichen ‚Cut‘ im Unternehmen. „Wir haben eine klar formulierte Übergabe. Und wir richten Schöffel im Sinne der nächsten Generation aus.“
Schöffel analysierte die aktuellen Herausforderungen pragmatisch: „Krisen, Chaos, das häuft sich. Und ich glaube sogar, dass sich das weiter verstärkt.“ Sich über externe Faktoren wie Politik oder Weltgeschehen aufzuregen, könne zwar ein gutes Ventil sein, bringe aber nicht wirklich voran. Stattdessen setze er auf Diversifikation als Risikominimierung – allerdings nicht durch neue Produktkategorien, sondern durch die Erschließung neuer Märkte basierend auf der bestehenden Kernkompetenz. Aus dieser Fokussierung sind bei Schöffel drei Geschäftsbereiche entstanden (‚Sport’, ‚Tech’ und ‚Pro’). Diese Strategie biete zentrale Vorteile: Man kann vorhandene Kompetenzen neu anwenden und mache sich unabhängig, denn verschiedene Märkte können sich gegenseitig stabilisieren.
Lebhafter Branchentalk:Die Branche, geprägt von kleinen und mittelständischen Betrieben, bringt Handwerk und Hightech zusammen. Mit Blick auf das Produkt selbst liegt eine große Chance darin, das Holzfenster kreislauffähig zu machen und als intelligenten Bestandteil vernetzter Gebäude zu positionieren.
Medienexperten moderieren Fachsessions
Ein besonderes Format prägte den zweiten Kongresstag: Drei Deep-Dive-Sessions wurden von Chefredakteuren und einem Redakteur verschiedener Branchenmedien moderiert. CR Holger Dirks von der GFF leitete die Session „Produktivität, Digitalisierung & Mitarbeiterbeteiligung“, CR Daniel Mund von der GW moderierte „Nachhaltigkeit & Kreislaufwirtschaft“ und Stefan Kirchner von Bauelemente Bau führte durch „Personal, Organisation & Personalentwicklung“.
Diese mediengeleiteten Sessions ermöglichten einen besonders praxisnahen Austausch zwischen Herstellern, Zulieferern und Fensterbauern.
Nachhaltigkeit ohne Kompromisse bei der Qualität
Ein zentrales Thema war die Frage nach biozidhaltigen Imprägnierungen bei Holzfenstern. In der Diskussion wurde noch einmal klargestellt: Es gibt keine generelle Verpflichtung für chemischen Holzschutz. Holzarten mit hoher natürlicher Dauerhaftigkeit wie Eiche können sowieso ohne biozidhaltige Imprägnierungen eingesetzt werden, während bei Nadelhölzern wie Kiefer eine Imprägnierung durch die Holzschutznorm empfohlen, aber nicht zwingend vorgeschrieben ist. Dazu Martin Stöger: „Bei Remmers interpretieren wir die DIN 68800 mit dem Schutzanspruch des Holzes – nicht mit dem Anspruch, biozide Imprägnierung anzuwenden. Es gibt keine Pflicht, einen chemischen bioziden Holzschutz anzuwenden.“
Verbraucher wünschen zunehmend chemiefreie, nachhaltige Produkte. Besonders bei öffentlichen Bauprojekten oder nachhaltigkeitszertifizierten Gebäuden kann chemischer Holzschutz sogar problematisch werden.
Kreislaufwirtschaft als Zukunftsaufgabe
Die stoffliche Verwertung von Holzfenstern rückt als Folge verstärkt in den Fokus. in einer weiteren Session um den Fenster-Lebenszyklus machten Beiträge von Jörn Bode (Ideal Weinstock), Benedikt Dellawalle (emidat) und Jürgen Huber (Biss.ID) deutlich, dass der Kreislaufgedanke an Bedeutung gewinnt. Bislang erschweren Holzschutzmittel und Beschichtungen in alten Fenstern die stoffliche Verwertung, wodurch die energetische Verwertung oft die einzige Option bleibt. Als Lösungsansatz wurde der digitale Produktpass (DPP) diskutiert, der alle relevanten Daten eines Produkts dokumentiert. Bereits vorhandene Anwendungen wie ID4Win könnten die Forderungen des DPP einfach umsetzen. Künftig könnten EU-Vorgaben Hersteller zur Rücknahme ihrer Produkte verpflichten, was die stoffliche Verwertung fördern würde. CO₂-Neutralität und die Verwendung von recyceltem Material werden unisono als entscheidend für die Holzfenster-Zukunft gesehen.
Neben technischen Aspekten standen Personal- und Organisationsthemen im Mittelpunkt. In einer Session wurde über Mitarbeitergewinnung, -bindung und Arbeitszeitmodelle diskutiert. Der Kongress machte deutlich: Die Branche steht vor einem umfassenden Wandel, das Holzfenster biete aber auch große Chancen: „Unsere Produkte überzeugen durch Qualität, Ästhetik, Funktionalität und Nachhaltigkeit“, so ProHolzfenster-Vorstand Eduard Appelhans abschließend.
Foto: Daniel Mund / GW
Mastermind des Branchenkongresses: Bundesverband ProHolzfenster-Geschäftsführer Kai Pless.
Foto: Daniel Mund / GW
Herausragender Impulsgeber: Jakob Schöffel
Foto: Daniel Mund / GW
Eindrücke vom Kongress-Auftakt
Wohin mit Altholzfenstern?
Der Bundesverband ProHolzfenster e.V. initiiert in Zusammenarbeit mit dem Verband der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie e.V. (VdL) sowie dem Institut für Holztechnologie Dresden (IHD) eine umfassende Studie zur stofflichen Verwertung von Altholzfenstern.
Ziele der Studie:
IST-Analyse zu Holzfenstern und Recycling, inklusive kritischer Substanzen wie PCP, Lindan, Schwermetalle und halogenorganische Verbindungen.
Umfragen mit Stakeholdern.
Chemische Analysen und Empfehlungen zur stofflichen Verwertung.
Erstellung eines Leitfadens für Fensterhersteller mit praxisnahen Lösungen für Recycling und nachhaltige Produktionsprozesse.
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