In Reutlingen ist das spektakuläre "Glashaus" eröffnet worden – ein außergewöhnlicher Neubau, der mit über 28.000 speziell beschichteten Glasziegeln verkleidet wurde. Das Besondere: Der sieben Millionen Euro teure Bau dient nicht nur als architektonisches Highlight, sondern rettet eine der ältesten zusammenhängenden Fachwerkhäuserzeilen Süddeutschlands vor dem Einsturz.
Die benachbarten Fachwerkhäuser in der Oberamteistraße stammen teilweise aus dem 13. Jahrhundert und waren durch ihre Schieflage akut einsturzgefährdet. "Das Glas hält nichts, es ist die innere Holzstruktur, die als Stützbock dient", erklärt Architekt Tobias Wulf das Konzept. Das hölzerne Tragwerk im Inneren stabilisiert die historischen Gebäude von außen.
Funktionale Glasfassade mit besonderen Eigenschaften
Friedrich Ossenberg-Schule GmbH + Co KG
"Die Glasfassade ist nicht nur optisch beeindruckend, sondern auch funktional", betont Baubürgermeisterin Angela Weiskopf. Die Glasziegel seien besonders robust, graffitiresistent und könnten bei Bedarf einzeln ausgetauscht werden. Diese praktischen Eigenschaften machen das Gebäude wartungsfreundlich und langlebig.
Das Glashaus soll künftig als Veranstaltungs- und Begegnungsort dienen. Konzerte, Lesungen und Ausstellungen sind geplant. Zusätzlich beherbergt das Gebäude ein Museumsforum, das die Geschichte der Fachwerkhäuserzeile und ihrer Bewohner erzählt. Die barrierefreie Gestaltung und beheizbaren Treppen laden Besucher zum Verweilen ein.
Umstrittenes Millionenprojekt mit hohen Folgekosten
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Das Projekt war im Vorfeld heftig umstritten. Gemeinderäte kritisierten das millionenschwere Vorhaben in Zeiten knapper kommunaler Kassen. Oberbürgermeister Thomas Keck räumt ein, dass das Ausmaß der Kosten zu Projektbeginn nicht absehbar war. "Aber wie bei jedem Projekt gab es auch hier einen Kipppunkt, ab dem man es nicht mehr stoppen konnte – selbst wenn man gewollt hätte", so Keck. Ein Ausstieg hätte bedeutet, bis zu sieben Millionen Euro an Fördergeldern an Land, Bund und Denkmalamt zurückzahlen zu müssen.
Das Glashaus ist Teil eines noch größeren Sanierungsprojekts: Die Restaurierung der gesamten Häuserzeile soll bis 2029 abgeschlossen sein und kostet insgesamt über 25 Millionen Euro. Allein für den Glashaus-Neubau wurden 3,3 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm "Nationale Projekte des Städtebaus" bewilligt.
Vom "Steinernen Haus" zum "gläsernen Haus"
Die Geschichte des Standorts reicht weit zurück: 1972 wurde das sogenannte "Steinerne Haus" an derselben Stelle abgerissen, weil es als baufällig galt. Ohne diese Stütze gerieten die benachbarten Fachwerkhäuser in den folgenden Jahrzehnten in eine immer bedrohlichere Schieflage. Nach jahrelanger Planung und einem Architektenwettbewerb 2017 entstand schließlich das Konzept für den Glasneubau, der exakt den Konturen des ursprünglichen "Steinernen Hauses" entspricht.
Oberbürgermeister Keck sieht das Gebäude trotz der Kritik als Investition in die Zukunft und hofft, dass das Haus mit den Glasziegeln zur neuen Attraktion Reutlingens wird.