Springe auf Hauptinhalt Springe auf Hauptmenü Springe auf SiteSearch
Hochschule München | TU Darmstadt | FGK

Ja, Altglas lässt sich für neue Fenster verwenden!

Jährlich werden Millionen alter Fenster ausgebaut und durch zeitgemäße Verglasungen ersetzt. Die bisherigen Isoliergläser landen meist im Recycling oder werden zu minderwertigeren Produkten weiterverarbeitet. Dabei steckt in den alten Scheiben ein bislang kaum genutztes Potenzial: Flachglas aus Bestandsfenstern kann grundsätzlich wiederverwendet werden, so die Auskunft der Forscher von der Hochschule München (HM), die gemeinsam mit der TU Darmstadt (Glass Competence Center) und dem Fachverband Konstruktiver Glasbau (FKG) an dem Projekt arbeiten.

„Unser Ziel ist es, den Stoffkreislauf zu schließen“, sagt HM-Professor Martien Teich. „Fensterglas wird bisher überhaupt nicht wiederverwendet – bestenfalls wird es eingeschmolzen und zu Flaschen beziehungsweise Glaswolle verarbeitet oder man nutzt es als Füllmaterial im Straßenbau.“ Denn das alte Flachglas wäre für die Bauwirtschaft eine wertvolle Ressource.

Die Beschichtung prüfen: Bei Isolierglas lässt sich die Beschichtung der Einzelscheiben mit einem einfachen Lichttest überprüfen.

Louis Dickhaut

Die Beschichtung prüfen: Bei Isolierglas lässt sich die Beschichtung der Einzelscheiben mit einem einfachen Lichttest überprüfen.

Da die Herstellung von Glas material- und energieintensiv ist, könnte man durch die Wiederverwendung viele Rohstoffe und Emissionen einsparen. Durch ein sogenanntes Re-Manufacturing von bzw. mit Altglas könnte so bis zu 90 Prozent CO2 eingespart werden.

Außerdem ließe sich jede Menge Abfall vermeiden: Etwa 150 Mio. Fenster mit unbeschichteten Isoliergläsern, die in den 70er bis 90er Jahren verbaut wurden, müssen in den nächsten Jahren nach und nach durch3-fach-Verglasungen mit besseren Dämmwerten ersetzt werden. Grob geschätzt sind das 220.000t Glas im Jahr – das entspricht 11.000 LKW-Ladungen.

Die Forscher haben nun gezeigt, dass selbst jahrzehntealte Scheiben geeignet sind, um daraus neue Mehrfachverglasungen (= Isoliergläser) herzustellen. Ziel ist es, den Stoffkreislauf zu schließen und Glas als hochwertige Bauressource im Umlauf zu halten.

Warum werden alte Gläser noch nicht wiederverwendet?

Dass altes Fensterglas in Deutschland nicht schon längst für die Konstruktion neue Fenster genutzt wird, liegt vor allem an den mangelnden Qualitätsstandards, meint Teich: „Die Hersteller brauchen Sicherheit, dass die verwendeten Materialien ihre Anforderungen erfüllen. Bisher gab es jedoch keinen Ansatz, die technischen Eigenschaften gebrauchter Flachgläser zu prüfen.“

Proben nach dem Rubbeltest: Wie gut haftet die Beschichtung auf gealterten Glasoberflächen?

Louis Dickhaut

Proben nach dem Rubbeltest: Wie gut haftet die Beschichtung auf gealterten Glasoberflächen?

Diese Lücke hat der Bauingenieur jetzt gemeinsam mit seinem Team geschlossen. Sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Sebastian Wernli, Industriedesigner und Spezialist für Kreislaufwirtschaft, hat im Labor die optischen und mechanischen Eigenschaften hunderter Glasproben untersucht. Dabei zeigte sich ein klarer Zusammenhang: Eine gute Oberflächenqualität geht mit hoher mechanischer Festigkeit einher – unabhängig davon, ob es sich um neue oder alte Scheiben handelt.

Qualität alter Gläser messbar machen

Jede einzelne wurde vor einem schwarzen Hintergrund positioniert und von hinten angestrahlt, sodass Kratzer sichtbar wurden. Beim anschließenden Biegeversuch belastete Wernli die Proben – darunter sowohl neue als auch gebrauchte Flachgläser, bis sie zerbrachen. Die Kraft, die dabei aufgewendet wurde, ist ein Maß für die Festigkeit.

„Die Versuche haben gezeigt, dass eine gute Oberflächenqualität Hand in Hand geht mit einer hohen mechanischen Festigkeit. Dieser Zusammenhang ist statistisch signifikant und gilt für alte Gläser genauso wie für neue“, berichtet Wernli.

Damit, so betont der Forscher, habe man jetzt eine Methode der berührungslosen und zerstörungsfreien Qualitätskontrolle: Um herauszufinden, ob ein Flachglas gute mechanische Eigenschaften hat, genügt es, die Oberfläche minutiös auf Schäden zu untersuchen.

Wie lassen sich Bestandsgläser in industrielle Prozesse integrieren?

Um alte Glasscheiben im großen Maßstab zu prüfen, müsste der Prozess freilich automatisiert werden.

Im Labor der Hochschule München experimentiert Wernli derzeit mit einem Scanner, der die Oberflächen abrastert und einer Software, die Fehler erkennt.

Eine weitere Herausforderung ist die Integration der geprüften Fensterscheiben in die Beschichtungs- und Fertigungsprozesse – diese sind derzeit überwiegend auf die Verarbeitung von neuem Flachglas in normierten Größen ausgelegt.

Dass all dies durchaus möglich wäre, zeigen Untersuchungen der HM-Forschenden zusammen mit Ihren Industriepartnern. Im Labormaßstab wurden Bestandsgläser bereits optisch geprüft, beschichtet und zu 3-fach-

Isolierglas verarbeitet.

In einem Anschlussprojekt will Teich jetzt zeigen, dass das Re-Manufacturing auch wirtschaftlich sein kann. „Technisch ist es auf jeden Fall machbar“, betont der Ingenieur. „Die Bestandsgläser sind in ihren Eigenschaften oft nicht von neuen Flachgläsern zu unterscheiden. Die Herausforderung liegt jetzt darin, ihre Nutzung in die großtechnischen Abläufe bei der Fertigung von Fenstern zu integrieren.“

Bruchbilder von Scheiben auswerten: Scheiben, die keine Kratzer haben, können mit der Qualität neuer Scheiben mithalten

Louis Dickhaut

Bruchbilder von Scheiben auswerten: Scheiben, die keine Kratzer haben, können mit der Qualität neuer Scheiben mithalten

Große Potenziale für Klimaschutz

Die Wiederverwendung von Glas bietet erhebliche ökologische Vorteile. Die Herstellung von Flachglas ist energieintensiv, entsprechend groß ist das Einsparpotenzial bei Rohstoffen und Emissionen.

Nach aktuellen Einschätzungen könnten durch Re-Manufacturing bis zu 90 Prozent CO2 eingespart werden. Gleichzeitig ließen sich große Abfallmengen vermeiden: Allein in Deutschland stehen in den kommenden Jahren rund 150 Mio. Fenster aus den 1970er- bis 1990er-Jahren zum Austausch an – das entspricht etwa 220.000 t Glas jährlich.

Neue Perspektiven für die Bauwirtschaft

Für die Bau- und Glasbranche eröffnet sich damit ein neuer Ansatz im Umgang mit Bestandsmaterialien. Anstatt Glas ausschließlich zu recyceln, kann es als hochwertige Komponente wieder in den Bauprozess integriert werden.

Langfristig könnte sich so ein geschlossener Materialkreislauf etablieren, der Ressourcen schont und die Nachhaltigkeit im Bauwesen deutlich verbessert.

Projekt und Projekt-Partner:

Projekt: Untersuchungen zur Wieder- und Weiterverwendung von Bestandsgläsern (Re-Use)
Förderung: Zukunft Bau Forschungsförderung (Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung)
Laufzeit: August 2024 bis November 2026
Partner: Hochschule München, TU Darmstadt (Glass Competence Center), Fachverband Konstruktiver Glasbau (FKG)

Publikationen:

Wernli, S.; Scholz, H. I.; Schuster, M.; Teich, M. (2026) Vom Fenster zur Ressource – Glas im Wandel zur zirkulären Baukomponente. Stahlbau 95, Sonderheft Glasbau & Fassade, Ausgabe 1, S. 16–26. doi.org/10.1002/stab.70081

Teich, M., Scherer, C., Schuster, M. et al. Reuse and remanufacturing of insulated glass units. Glass Struct Eng 9, 339–356 (2024). doi.org/10.1007/s40940-024-00276-x

FKG e.V., Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige Verwendung von Glasprodukten aus dem Bestand, Mai 2025, https://www.glas-fkg.org/wp-content/uploads/FKG-BF_05-2025_Handlungsempfehlungen-fuer-eine-nachhaltige-Verwendung-von-Glasprodukten_de_2025-10-10.pdf