Wie der Mittelstand der Glasbranche das Thema Künstliche Intelligenz in der Praxis angehen kann, ist eine zentrale Frage vieler Glasbetriebe. Hier die Einschätzung von Jörg Schulze Greiving, Geschäftsführer des Software-Spezialisten CSG Aupos aus Altenberge.
GW – Wie nehmen Sie die aktuelle Stimmung zum Thema Künstliche Intelligenz in der Glasbranche wahr?
Jörg Schulze Greiving – Viele Unternehmen der Glasbranche wissen sehr genau, dass sie sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen müssen. Gleichzeitig fehlt im Alltag oft die Zeit, sich systematisch mit Fragen zu KI, Datenhoheit, technischer Umsetzung und konkreten Einsatzfeldern auseinanderzusetzen. Hinzu kommen der Fachkräftemangel und der demografische Wandel: Wenn langjährige Mitarbeitende ausscheiden, droht wertvolles Praxiswissen verloren zu gehen. Entscheidend ist aus unserer Sicht die Verbindung aus aktuellem KI-Wissen, branchenspezifischer Erfahrung und konkreter Umsetzbarkeit. Unternehmen brauchen keine theoretischen Versprechen, sondern belastbare Lösungen und Beratung, die im Alltag funktionieren.
GW – Wie finden Betriebe heraus, wo sich der Einstieg in KI für sie überhaupt lohnt?
Schulze Greiving – Erfolgreiche KI beginnt bei gut gewählten Anwendungsfällen. Deshalb unterstützen wir Glasbetriebe gezielt bei der Projekt- und Anforderungsanalyse. Wir schauen uns gemeinsam die Druckpunkte an, wo wiederkehrende Abläufe Zeit kosten, wo Informationen aus mehreren Quellen zusammengeführt werden müssen und wo Wissen heute noch an einzelnen Personen hängt. Daraus entsteht eine priorisierte Liste konkreter Einsatzfelder, ein realistischer Umsetzungsfahrplan und ein klares Bild davon, welche Daten, Schnittstellen und Freigaben benötigt werden. So entstehen Lösungen, die im Alltag tatsächlich tragen, statt theoretischer Konzepte, die später in der Schublade landen.
CSG Aupos / KI Bild
GW – Was bieten Sie den Glasverarbeiter als Unterstützung an?
Schulze Greiving – Wir haben dafür mit Aupos IQ eine umfassende KI-Agenten-Lösung entwickelt. Diese ist unabhängig, datensouverän, sicher und vor allem mit einem klaren Fokus auf die realen Abläufe in der Glasbranche. Wenn Glasbetriebe eigene KI-Anwendungen aufbauen möchten, dann können wir die Betriebe bei der Konzeption, Strukturierung und Umsetzung begleiten. Wer dafür jedoch keine Zeit oder keine personellen Ressourcen hat, kann eine passende Lösung auch vollständig durch uns umsetzen lassen.
GW – Ist Aupos IQ ausschließlich an Ihre eigene Branchensoftware gebunden?
Schulze Greiving – Nein, Aupos IQ ist nicht ausschließlich an unsere eigene Aupos Glas 4.0 ERP/PPS Branchensoftware gebunden. Aupos IQ kann auch in Verbindung mit anderen ERP-Systemen eingesetzt werden, wenn Glasbetriebe ihre bestehende Systemlandschaft beibehalten und gleichzeitig die Vorteile einer sicheren, branchenspezifischen KI nutzen möchten.
GW – Welche konkreten KI-Agenten stehen den Glasbetrieben zum Start zur Verfügung?
Schulze Greiving – Wir haben in Aupos IQ Standardagenten für die Bereiche vorbereitet, in denen Glasbetriebe typischerweise den größten Hebel haben. Dazu zählen ein Agent für den Anfrage-Workflow, der eingehende Anfragen aus E-Mails oder Dokumenten erfasst, vorsortiert und für die Angebotserstellung aufbereitet. Ein zweiter Agent unterstützt den Auftragserfassungs-Workflow, indem er relevante Daten extrahiert, plausibilisiert und strukturiert in die Folgeprozesse übergibt.
Ein dritter Agent bildet das Wissensmanagement ab und macht internes Erfahrungswissen, technische Regeln und branchenspezifische Besonderheiten schnell zugänglich. Diese Standardagenten lassen sich an die individuellen Abläufe eines Betriebs anpassen, sind aber so vorbereitet, dass die Einführung deutlich schneller und planbarer wird als bei einer Lösung, die komplett auf der grünen Wiese entsteht.
GW – Wie binden Glasbetriebe diese KI-Agenten in ihren Alltag ein?
Schulze Greiving – Hier setzen wir auf zwei Wege, die sich auch kombinieren lassen. Zum einen bieten wir einen eigenen Chatbot an, über den Mitarbeitende direkt mit den Agenten sprechen, Informationen abrufen oder Prozesse anstoßen können. Zum anderen unterstützen wir Webhooks, über die andere Dienste – z.B. ein bestehendes ERP, ein E-Mail-System oder ein Ticketsystem – die KI-Agenten nutzen können, ohne dass die Mitarbeitenden ihr gewohntes Werkzeug verlassen müssen. So lässt sich Aupos IQ entweder als zentrale Oberfläche oder unsichtbar im Hintergrund einsetzen.
GW – Wie einfach ist der Einstieg für die Mitarbeitenden?
Schulze Greiving – Akzeptanz entsteht nur dann, wenn die Bedienung einfach ist. Deshalb stellen wir Apps zur Verfügung, die ein einfaches Onboarding ermöglichen. Mitarbeitende können sich auf gewohnten Geräten anmelden, erhalten geführte Einstiegsschritte und arbeiten in einer Oberfläche, die bewusst schlank gehalten ist. Statt mit Systemlogik zu kämpfen, genügt eine kurze Eingabe oder Spracheingabe, um Informationen zu finden, ein Angebot vorzubereiten oder einen Bearbeitungsstand abzufragen. Für den Betrieb bedeutet das eine kürzere Einarbeitungszeit, geringeren Schulungsaufwand und eine deutlich höhere Nutzung in der Breite.
GW – Welche Rolle spielt das Thema Schulung?
Schulze Greiving – Eine sehr große, denn eine KI ist nur so gut wie das Verständnis derjenigen, die mit ihr arbeiten. Wir bieten deshalb Schulungen für unterschiedliche Zielgruppen an: für Anwenderinnen und Anwender im Tagesgeschäft, für Power-User, die Agenten und Wissensquellen pflegen, sowie für Führungskräfte, die KI strategisch einordnen und Verantwortlichkeiten festlegen. Im Mittelpunkt steht das Human-in-the-Loop-Prinzip: KI unterstützt, bereitet vor und schlägt vor – die fachliche, technische oder kaufmännische Entscheidung bleibt beim Menschen. Dieses Verständnis ist entscheidend, damit KI Vertrauen schafft und nicht als Blackbox wahrgenommen wird.
GW – Wie lässt sich Erfahrungswissen langfristig im Betrieb sichern?
Schulze Greiving – Hier kommen die digitalen Klone und Human Interfaces ins Spiel, bei deren Erstellung wir die Glasbetriebe unterstützen. Unter einem digitalen Klon verstehen wir ein strukturiertes Abbild des Wissens, der typischen Vorgehensweisen und der branchenspezifischen Regeln einer Rolle oder eines Fachbereichs. So lassen sich Formulierungen, Prüfschritte und Erfahrungswerte sichern, ohne dass sie allein an einzelnen Personen hängen. Die Human Interfaces sorgen dafür, dass dieses Wissen im Alltag wirklich nutzbar wird, über Sprache, Chat oder direkt in den gewohnten Anwendungen. Für Glasbetriebe heißt das ganz konkret: Beim Ausscheiden langjähriger Mitarbeitender geht das Praxiswissen nicht verloren, neue Kolleginnen und Kollegen arbeiten sich schneller ein, und das Unternehmen wird widerstandsfähiger gegenüber Personalwechseln.
GW – Stichwort Sicherheit, wie stellen Sie sicher, dass die verarbeiteten Daten im Unternehmen bleiben?
Schulze Greiving – Datenhoheit ist für uns ein Kernprinzip. Aupos IQ unterstützt deshalb lokales KI-Modellhosting sowie lokale Daten- und Speicherstrukturen. Sensible Informationen, technische Zeichnungen, Kalkulationen oder Kundenkommunikation verlassen das Unternehmen nicht ungewollt. Die Glasbetriebe können selbst entscheiden, ob Modelle und Daten im eigenen Rechenzentrum, auf eigener Hardware oder in einer dedizierten Umgebung betrieben werden. Damit beantworten wir auch die Fragen, die viele Entscheider zu Recht stellen: Wer verarbeitet die Daten, wo werden sie gespeichert, und wer hat Kontrolle über die weitere Entwicklung? Gleichzeitig schafft dieser Ansatz Unabhängigkeit von politischen oder wirtschaftlichen Entwicklungen außerhalb Europas.
GW – Was ist Ihr Rat an Glasbetriebe, die jetzt starten wollen?
Schulze Greiving – Sie sollen den Einstieg strategisch sauber aufsetzen. Mit klaren Regeln, sicheren Datenstrukturen, einem geeigneten Hosting-Modell und ein bis zwei priorisierten Anwendungsfällen lässt sich sehr schnell ein spürbarer Mehrwert erzielen. Wer diese Grundlagen heute legt, schafft die Voraussetzung dafür, künftig deutlich einfacher, intuitiver und produktiver zu arbeiten – und behält dabei die Kontrolle über Wissen, Daten und Prozesse im eigenen Unternehmen.
Die Fragen stellte Matthias Rehberger
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