GW – Wo kommen XXL-Scheiben zum Einsatz?
Hannes Spiß – XXL-Scheiben finden vor allem dort Anwendung, wo Architekten oder Bauherren besonderen Wert auf ein außergewöhnliches Design legen, häufig in repräsentativen Eingangsbereichen, bei großflächigen Überdachungen und dort, wo maximale Transparenz ein zentrales Gestaltungselement ist. Mittlerweile lassen sich solche Maxi-Scheiben mit mehr als 20 m Länge und bis zu 3,6 m Breite herstellen.
GW – Wer kann solche Scheiben produzieren und wie sieht die Lieferkette aus?
Spiß – Hier gibt es weltweit nur wenige Hersteller und die Lieferkette ist speziell. Während Standardgläser bis rund 6 m gehen, können nicht alle Floatglashersteller größere Längen produzieren. Das ist die erste Einschränkung in der Lieferkette. Müssen diese Gläser noch beschichtet werden, gilt das Gleiche, da nicht alle Beschichtungsanlagen für Übergrößen ausgelegt sind. Verarbeitung: Diese erfordert Fachfirmen, die das Equipment und – noch viel wichtiger – das nötige Know-how besitzen, wie z. B. sedak in Gersthofen. Sind die XXL-Scheiben dann produziert, müssen sie aufwändig über den Land- und/oder den Seeweg transportiert werden. Das erfordert fachmännische Planung, um Straßentransport und Verladung sicherzustellen. Am Einbauort angekommen, ist Sondergerät nötig, um die schweren und kostbaren Scheiben sicher zu montieren.
GW – Welche Anforderungen werden an die Qualität dieser Scheiben gestellt?
Spiß – Maxi-Scheiben sind komplex und teuer, deshalb erwarten Bauherren und Architekten höchste Qualität. Schon die kleinsten Abweichungen werden bemängelt. Deshalb werden die Scheiben unter extrem kontrollierten Bedingungen gefertigt und einer laufenden Überwachung unterzogen, damit am Ende eine perfekte Glasscheibe entsteht. Maßgenauigkeit, Kantenqualität und die visuelle Erscheinung der Glasfläche stehen dabei besonders im Fokus. Bei den meisten Projekten werden diese Punkte durch eine Bemusterung festgehalten.
GW – Was muss bei der Planung von Gebäuden mit übergroßen Scheiben beachtet werden?
Spiß – Jedes Gebäude ist gewissen Bewegungen ausgesetzt; diese werden hervorgerufen durch Setzungen der Fundamente, eventuelles Anschwellen des Erdreichs oder auch Erdbeben. Da Glas als sprödes Material unerwarteten Spannungen kaum standhält, müssen Architekt, Fachingenieure und der Isolierglas-Hersteller frühzeitig zusammenarbeiten, um die Anschlüsse an die Gebäudeteile sowie die Details der Verglasung entsprechend festzulegen. Dazu gehören u. a. die Festigkeit und die Resttragfähigkeit der Verbundgläser sowie die thermische Ausdehnung zwischen Glas und Dichtungen, damit kein Schaden entsteht. Übergroße Gläser sind zudem als eigenständiges Bauteil zu behandeln.
GW – Was sind die Besonderheiten beim XXL-Einbau auf der Baustelle?
Spiß – Präzision, Präzision, Präzision.
GW – Was müssen die Hebetechnik, die Monteure und die Baustellenkoordination leisten?
Spiß – Der Einbau verlangt auf allen Ebenen besonderes Wissen und eine exakte Abstimmung. Da XXL-Scheiben sehr schwer sind, braucht es speziell ausgelegte Krane, Vakuumheber und auf das jeweilige Gewicht abgestimmte Werkzeuge. Fast wichtiger ist aber das richtige Personal. Hier braucht es Fachleute, die im Umgang mit derartigen Übergrößen geübt sind. Denn ein einziger Fehler kann enorme Folgekosten verursachen. Zur Baustellenkoordination: Diese beginnt nicht erst am Einbauort, sondern weit im Vorfeld, denn Planung, Transport, Verladung und Montage müssen lückenlos ineinandergreifen und gemeinsam mit dem Ingenieurteam geplant werden. Am Ende lässt sich alles auf einen Nenner bringen: Präzision in jedem einzelnen Schritt.
Das Interview führte Matthias Rehberger
Foto: Matthias Rehberger / GW
Jubiläum: Heavydrive feiert 20 Jahre
Der Montage-Spezialist Heavydrive feiert sein 20-jähriges Bestehen. Was 2006 in der Oberpfalz mit der Entwicklung eines leichten Transportgeräts für Glaselemente begann, ist heute ein international tätiges Unternehmen mit Niederlassungen in der Schweiz, den USA, Dubai, Kanada und Norwegen.
Heavydrive bietet seinen Kunden Montage- und Transportleistungen, inklusive Komplettpakete aus einer Hand – von der Beratung in der Planungsphase über die Entwicklung individueller Montagelösungen bis hin zu Transport, Logistik und Einsatz auf der Baustelle. Ein Fokus richtet sich auf die Montage sehr großer, schwerer Glaselemente mit Gewichten von bis zu 8t.
Referenzprojekte sind u.a. die Elbphilharmonie, der Mekka Clock Tower, und die Montage einer 15 m langen Fassadenscheibe im kroatischen Rovinj.
Foto: Heavydrive