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Interview mit dem Sachverständigen Ekkehard Wagner

Häufige Ursachen für Glasbrüche

GW – Welches sind nach Ihrer Erfahrung die häufigsten Glassprünge?

Wagner – Durch die sehr niedrigen U-Werte zeitgemäßer Isoliergläser ergeben sich zwangsläufig zwei Arten von Glasbrüchen: einerseits thermisch verursachte Glasbrüche, da hochdämmende Isolierglaseinheiten auf Gegenstände direkt raumseitig hinter den Scheiben sehr schnell mit hoher Teilerwärmung und damit thermischem Glasbruch reagieren. Und andererseits Drucksprünge, die durch lange schmale Glasformate mit großen Scheibenzwischenräumen (SZR) und oft auch noch unterschiedlichen Glasdicken verursacht werden.

GW – Wie unterscheiden sich Glasbrüche bei Monoglas, 2-fach- und 3-fach-Isolierglas?

Wagner – Bei Mono-Scheiben zeigen sich diverse thermisch oder mechanisch verursachte Glasbrüche, die auch bei Isolierglas so auftreten können. Eine zusätzliche Belastung mit nicht unerheblichem zusätzlichem Spannungsaufbau bilden bei Isolierglas barometrische Einwirkungen und die damit verbundenen Volumenänderungen der im SZR (Scheibenzwischenraum) eingeschlossenen Gase. Dies kann zu Drucksprüngen führen, die in dieser Art bei Monoglas nicht und bei 2-fach-ISO wesentlich auftreten können.

GW – Warum sind thermische Sprünge so verbreitet?

Wagner – Das ist relativ einfach zu erklären: die hochwärmedämmenden Isolierglaseinheiten mit ihren selektiven Beschichtungen lassen kurzwellige Wärmestrahlung der Sonne nahezu ungehindert passieren. Direkt hinter den Gläsern stehende Gegenstände wie Kissen, Sessel oder gar Jalousien und schwere Vorhänge erwärmen sich durch diese Einstrahlung und geben eine langwellige Wärmestrahlung ab, die nur noch zu rund 3 % durch das beschichtete Glas gehen kann. Es kommt zu sehr schneller Temperaturaufschaukelung mit teilflächiger Erwärmung, schneller und starker Spannungserhöhung zwischen Warm-/Kaltfläche, das Glas bricht.

GW – Was hat es mit Drucksprüngen auf sich?

Wagner – Mit der zunehmenden Breite des SZR (1 × 24 – 36 mm, 2 × 14/16/18 mm) wirken sich Volumenänderungen des eingeschlossenen Gases immer stärker aus. Verursacht durch Temperaturänderungen, Luftdruckänderungen und/oder Höhenunterschiede zwischen Herstell- und Einbauort erhöhen sich vor allem bei sehr schmalen Isoliergläsern die Spannungen und können zu Drucksprüngen führen. Bereits die DIN 18008 weist auf diese Problematik hin: erhöhte Glasbruchgefahr besteht bei 2-fach-Isolierglas mit kurzer Kante unter 500 mm und bei 3-fach-Isolierglas mit kurzer Kante unter 700 mm.

GW – Welche Bedeutung hat der Randverbund bei Isoliergläsern für das Bruchrisiko?

Wagner – Eigentlich keine direkte Bedeutung. Natürlich kann ein zu tiefer Falzeinstand von 30 mm oder mehr aufgrund hoher Temperaturunterschiede Glasbruch auslösen, was aber ursächlich nicht dem Randverbund zugeschrieben werden kann.

Glas ist nun einmal ein ­spröder Körper und kann ohne Vor­ankündigung brechen – die Ursachen­ermittlung ist dann oft detektivische Feinarbeit.

Glassachverständiger Ekkehard Wagner

GW – Welche Glassprünge treten häufig bei VSG auf?

Wagner – Im Prinzip sind es die gleichen, wie bei Floatglas, sofern VSG auch aus 2 x Floatglas besteht. Allerdings konnte in der Vergangenheit festgestellt werden, dass vor allem bei Kindergärten oder Kindertagesstätten eine höhere Quote thermisch verursachter Brüche auftrat. Dies liegt vor allem daran, dass die Scheiben bemalt oder beklebt werden oder größere Gegenstände wie Kissen o. Ä. raumseitig an den Gläsern stehen.

GW – Wie hoch ist die Gefahr von ESG-Spontanbruch aufgrund von Nickelsulfid-Einschlüssen?

Wagner – Leider nach wie vor vorhanden. Unabhängig von der Befeuerung der Floatwanne mit Öl oder Gas können diese Sprünge sogar noch nach Jahrzehnten auftreten. Zwar kann diese Gefahr durch einen Heißlagerungstest deutlich minimiert werden, aber auch dann bleibt immer noch ein Spontanbruch-Restrisiko von etwa 5 %.

GW – Welche Glassprünge entstehen häufig bei der Montage?

Wagner – Die modernen hochwärmedämmenden 3-fach-Isolierglaseinheiten sind relativ dick. Nicht immer hat der Monteur die richtige Klotzbreite dabei und setzt dann einen schmäleren Klotz schräg in den Glasfalz. Damit ist Glasbruch vorprogrammiert.

GW – Wie lassen sich Oberflächenschäden an Glas auf der Baustelle vermeiden?

Wagner – Kratzer sind die häufigste Oberflächenbeschädigung auf der Baustelle. Dabei sind sie eigentlich leicht zu vermeiden: Reinigung der Gläser mit viel Wasser und bei starker Verschmutzung mit häufigem Wasserwechsel. Metall auf Glas, also das Abklingen der Oberfläche mit dem „Glashobel“, ist ein absolutes „No Go“!

GW – Wo ist das Sprungrisiko groß, aber keiner vermutet es?

Wagner – Hier kommen wieder die anfangs erwähnten thermisch verursachten Glasbrüche ins Spiel. Üblicherweise nimmt man immer an, dass die raumseitige Glasscheibe ein hohes Bruchrisiko hat, was ja auch bei Gegenständen direkt an dieser Scheibe zutrifft. Was viele überhaupt nicht wissen, ist die Tatsache, dass die mittlere Scheibe der 3-fach-Isolierglaseinheit die höchste Temperaturbelastung erfährt und somit auch hier Glasbruch auftreten kann. Zwar ist dieses Risiko nicht sehr groß, aber es kann je nach Einbausituation vorhanden sein.

GW – Wie relevant ist die Kantenqualität für das Bruchrisiko?

Wagner – Sie ist der entscheidende Punkt. Glas muss geschnitten werden und dadurch entsteht genau genommen eine Beschädigung mit seitlichem Chipping und einem Tiefenriss. Hierzu gibt es eine sehr gute Abhandlung des FKG, die diese Zusammenhänge sehr gut beschreibt. Gerade diese seitlichen Abplatzungen/Schollenbildung/Chipping entscheidet über die Kantenfestigkeit und damit auch über das Bruchrisiko. Deshalb ist es gerade hier besonders wichtig, die Schneidparameter korrekt einzustellen: Druck, Geschwindigkeit, Winkel des Hartmetallrädchens, Schneidöl. Damit kann man dann eine sehr gute Kantenfestigkeit erzielen.

GW – Wie lässt sich generell Glassprüngen vorbeugen?

Wagner – Die richtige Glasart, richtig dimensioniert und nach den Herstellervorgaben eingebaut ist der wichtigste Schritt. Kantenverletzungen sind grundsätzlich zu vermeiden, denn diese reduzieren die Belastbarkeit und können sehr schnell zu Glasbruch führen, unabhängig davon, ob thermische oder mechanische Spannungen einwirken. Glas ist nun mal ein spröder Körper und bricht ohne Vorankündigung und die Ursachenermittlung ist oft detektivische Feinarbeit und das ist nicht nur für mich immer wieder eine hochinteressante Herausforderung.

Die Fragen stellte Matthias Rehberger

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