GW – Architektur und Planung haben in den letzten Jahren auf der R+T deutlich an Bedeutung gewonnen. Wie hat sich diese Entwicklung vollzogen und warum ist es so wichtig, Architekten und Planer gezielt anzusprechen?
Annabell Herwarth – In den vergangenen Jahren haben wir einen klaren Wandel beobachtet: Architekten und Planer sind nicht mehr nur Entscheider, sondern aktive Partner im Dialog über nachhaltige Gebäudelösungen. Das spiegelt sich in unseren Besucherzahlen wider: Der Anteil der Architekten auf der R+T ist langsam, aber stetig gewachsen. Hierbei entsteht ein Mehrwert für beide Seiten: Während Architekten vom direkten Zugang zu neuesten Technologien und Innovationen auf der Messe profitieren, erhalten Aussteller wertvolle Einblicke in Planungsanforderungen und reale Projektherausforderungen.
Julia Weiß – Architekten sind Schlüsselentscheider, wenn es um Lösungen für die Gebäudehülle geht. Sie spezifizieren Produkte bereits in frühen Planungsphasen und beeinflussen maßgeblich, welche Systeme letztendlich verbaut werden. Für unsere Aussteller bedeutet das direkten Zugang zu Multiplikatoren, die erhebliche Projektvolumina generieren können. Gleichzeitig müssen Architekten über technische Innovationen, Energieeffizienzstandards und neue Materialien informiert bleiben und die R+T bietet dieses Wissen in konzentrierter Form.
GW – Welche konkreten Angebote schafft die R+T 2027, um den Austausch zwischen Architektur und Industrie zu fördern und wie sind die Aussteller daran beteiligt?
Weiß – Wir haben verschiedene Formate entwickelt, die genau diese Brücke schlagen. Ein zentrales Element ist der Future Skins Award, den wir erstmals 2027 vergeben. Dieser Wettbewerb richtet sich an Studierende und lädt sie ein, visionäre Konzepte für klimapositive Gebäudehüllen zu entwickeln. Die prämierten Projekte werden während der Messe präsentiert. Das ist auch für unsere ausstellenden Unternehmen hochinteressant, weil sie sehen, in welche Richtung die nächste Generation denkt.
Herwarth – Darüber hinaus gibt es im Rahmen von ARCHIKON, dem von der Architektenkammer Baden-Württemberg organisierten Landeskongress für Architektur und Stadtentwicklung, der parallel zur R+T stattfindet, verschiedene Beteiligungsmöglichkeiten für Unternehmen. Neben der inhaltlichen Einbindung in ausgewählte Seminare sind das beispielsweise die von der Architektenkammer Baden-Württemberg kuratierten Projektrundgänge. Dabei werden realisierte Projekte direkt an den Ausstellerständen vorgestellt: Die jeweiligen Architektinnen und Architekten präsentieren gemeinsam mit den Herstellern, wie bestimmte Lösungen in der Praxis umgesetzt wurden. Das ist für beide Seiten extrem wertvoll. Die Unternehmen können sich aktiv einbringen, indem sie solche Referenzprojekte zeigen. Es gibt zusätzlich die Möglichkeit, planungsrelevante Produkte mit dem Label „Products for Architects" vor Ort auf der Messe und im Online-Ausstellerverzeichnis zu kennzeichnen. Dieses Label hilft Interessierten, sich auf der Messe gezielt zu orientieren.
GW – Kommen wir zum Future Skins Award – was ist die Idee dahinter, und warum richtet er sich speziell an Studierende?
Herwarth – Der Future Skins Award stellt eine zentrale Frage: Wie kann die Gebäudehülle zum aktiven Klimaakteur werden? Wir laden Studierende der Architektur, des Bauingenieurwesens und verwandter Disziplinen ein, visionäre Konzepte für klimapositive Gebäudehüllen zu entwickeln. Der Award soll frisches Denken fördern. Indem wir diese Zielgruppe ansprechen, investieren wir in die nächste Generation von Planern. Die Jury des Awards ist dabei interdisziplinär besetzt und vereint Experten aus Praxis, Forschung und Lehre. Das stellt sicher, dass eingereichte Konzepte sowohl auf ihre visionäre Qualität als auch auf ihre praktische Umsetzbarkeit bewertet werden.
GW – Welche Rolle spielt die Gebäudehülle im Kontext von Klimaschutz und Energieeffizienz?
Weiß – Die Gebäudehülle ist absolut zentral. Automatisierte Sonnenschutzsysteme können die für Klimaanlagen benötigte Kühlenergie signifikant reduzieren oder sogar vermeiden. Das spart Kosten und reduziert CO₂-Emissionen. Gleiches gilt für Tore: Schnelllauftore beispielsweise minimieren Öffnungszeiten und senken dadurch den Energieverbrauch. Für die Glas- und Fensterbranche bedeutet das enormes Potenzial: Hochleistungsverglasung kombiniert mit intelligentem Sonnenschutz schafft Synergien, die die Gebäudeperformance erheblich verbessern. Die R+T ist die Plattform, auf der diese integrierten Lösungen präsentiert und diskutiert werden.
GW – Sie haben ARCHIKON erwähnt. Der Kongress wechselt vom Zwei- zum Drei-Jahres-Turnus und findet künftig parallel zur R+T statt. Welche Synergien ergeben sich daraus konkret?
Herwarth – Das ist eine strategische Entscheidung mit mehrfachem Nutzen. Es schafft einen festen Rhythmus, der beiden Veranstaltungen erlaubt, aufeinander aufzubauen. Architekturschaffende und Planende, die ARCHIKON besuchen, können direkt die Brancheninnovationen auf der R+T erleben. Die bereits erwähnten Projektrundgänge sind ein direktes Ergebnis dieser Synchronisation. Für ausstellende Unternehmen entsteht eine Chance: Sie können ihre Lösungen einem hochqualifizierten Publikum von Entscheidern präsentieren, die sich aktiv mit den aktuellen Planungsherausforderungen in ihren Bereichen auseinandersetzen müssen.
GW – ARCHIKON steht unter dem Motto „umbauen, umnutzen, umdenken". Wie verbindet sich das mit den Lösungen auf der R+T?
Herwarth – Das adressiert eine der drängendsten Herausforderungen der Baubranche: Wie nutzen und transformieren wir Bestandsgebäude, um sie an aktuelle Anforderungen anzupassen? Das ist hochrelevant für unsere Branche, denn Gebäudehüllensanierungen sind ein Schlüsselhebel für Energieperformance und Klimaresilienz. Einige Themen bei ARCHIKON stehen in direktem Bezug zu Produkten auf der R+T Seminare zeigen, wie Bauindustrie und Handwerk wichtige Partner der Architektur werden, oder den Wandel der Gebäudehülle und ihre Bedeutung für das Wohlbefinden im Innenraum beleuchten.
GW – Welche Trends sehen Sie an der Schnittstelle zwischen Architektur und Sonnenschutz-/Torsystemen? Was bewegt die Branche?
Herwarth – Nachhaltigkeit ist das dominierende Thema, aber es wird differenzierter. Es geht nicht mehr nur um Energieeffizienz, sondern um ganzheitliche Ansätze: recycelbare Materialien, Produktion, lange Produktlebenszyklen und Integration in Kreislaufwirtschaftskonzepte. Smart-Building-Systeme, die Sonnenschutz, Beleuchtung, Heizung und Lüftung von Anfang an integrieren, werden zum Standard.
Weiß – Aber nicht nur Nachhaltigkeit, sondern auch Resilienz ist ein wichtiges Schlagwort: Gebäude müssen Extremwetterereignissen standhalten – Stürmen, Starkregen, Hitzewellen. Das treibt die Nachfrage nach robusten, anpassungsfähigen Systemen, die sowohl Schutz als auch Komfort bieten. Für die Tore- und Türenbranche bedeutet das verstärkten Fokus auf Sicherheitsfeatures, schnelle Reaktionszeiten und Integration in Gebäudesicherheitssysteme.
Das Gespräch führte Ressortleiter Sonnnenschutz Olaf Vögele