GW – Wie schätzen Sie die aktuelle Marktlage der Glasbranche?
Oliver Pichler – Die Glasbranche bzw. die Player in der Branche zeigen derzeit eine unterschiedliche Entwicklung. Während die Baukonjunktur in Teilen Europas noch von Investitionszurückhaltung und steigenden Finanzierungsherausforderungen geprägt ist, sehen wir in anderen Regionen sowie in ausgewählten Kundensegmenten bereits wieder mehr Dynamik. Es fehlt aber noch an einer robusten, nachhaltigen Trendumkehr.
Die weltweiten geopolitischen Entwicklungen verursachen eine hohe Volatilität auf den Rohstoffmärkten und führen zu ständig veränderten Rahmenbedingungen bei Zöllen oder Logistik. Für die Marktteilnehmer bedeutet das eine deutlich geringere Vorhersehbarkeit der Auftragsentwicklung sowie eine deutlich schlechtere Planbarkeit der Kostenentwicklung. Diese Marktlage begünstigt eine zunehmende Konsolidierung auf der Verarbeiterseite nach dem Motto „size matters“ mit dem Ziel, dem steigenden Kostendruck durch Economies of Scale zu begegnen.
GW – Welche Entwicklungen beschäftigen Ihre Kunden derzeit am stärksten?
Gottfried Brunbauer – Wirtschaftlich sehen sich unsere Kunden derzeit vor allem einem intensiven Wettbewerb, einem starken Kostendruck und hohen Glaspreisen gegenüber. Dementsprechend beschäftigt unsere Kunden vor allem die Differenzierung im Wettbewerb über hohe Lieferfähigkeit und Liefertreue sowie über wettbewerbsfähige Preise, die laufende Verbesserung der Effizienz und Senkung der Produktionskosten sowie die Optimierung des Materialeinsatzes. Ansatzpunkte dazu sind eine gute Produktionsplanung, entsprechend den Gegebenheiten wirkungsvoll automatisierte, flexible Logistik- und Produktionsabläufe sowie eine Minimierung des Materialabfalls. Technologisch sind es vor allem der aus Gewichts-, Nachhaltigkeits- und Kostengründen resultierende Trend zu immer geringeren Glasdicken sowie der durch die höhere Automatisierbarkeit und auch andere technische Aspekte, bedingte Trend zu neuen Abstandhaltersystemen, insbesondere zu thermoplastischen Abstandhaltern.
GW – Sehen Sie aktuell Anzeichen für eine Belebung des Marktes?
Oliver Pichler – Ja, wir beobachten in verschiedenen Regionen eine vorsichtige Verbesserung der Marktstimmung. Zwar lässt sich noch nicht von einem flächendeckenden, robusten Aufschwung sprechen, jedoch werden Investitionsprojekte wieder aktiver vorangetrieben und viele Kunden beschäftigen sich wieder zunehmend mit der Modernisierung ihrer Glasverarbeitungen. Besonders dort, wo Investitionen zu einer messbaren Senkung der Produktionskosten, einer höheren Automatisierung oder einer verbesserten Energieeffizienz führen, ist die Investitionsbereitschaft wieder gestiegen. Gleichzeitig sehen wir, dass sich nach 2 bis 3 Jahren der Zurückhaltung nun ein gewisser Rückstau an Investitionsentscheidungen aufgebaut hat. Zusätzlich wollen viele Verarbeiter ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig absichern und investieren deshalb verstärkt in digitale Technologien und moderne Produktionskonzepte. Diese Entwicklung werten wir als positives Signal für die nächste Zeit.
GW – Welche strategischen Schwerpunkte setzt Lisec für die kommenden Jahre?
Gottfried Brunbauer – Unsere strategischen Schwerpunkte leiten sich zum einen von den zu erwartenden Anforderungen unserer Kunden ab und zum anderen von der laufenden Marktentwicklung sowie den zu erwartenden Veränderungen in unserer Branche. Die Anforderungen unserer Kunden gehen klar in Richtung Automatisierung, Effizienzsteigerung und Ressourcenschonung. Dementsprechend wird ein strategischer Schwerpunkt auf abgestuften, flexiblen, den Anforderungen angepassten Automatisierungslösungen liegen. Gleichzeitig gilt es, den Betrieb dieser Anlagen trotz der zunehmenden Komplexität so einfach und effizient wie möglich zu halten. Zu diesem Zweck arbeiten wir daran, mittels KI die Produktionsplanung zu automatisieren, komplexe Prozessschritte selbstregelnd zu gestalten und die Maschinenverfügbarkeit weiter zu erhöhen. Der dritte strategische Schwerpunkt liegt folglich darauf, unsere Präsenz in den Emerging Markets mit unserer Zweitmarke LiTros gezielt auszubauen bzw. den abzusehenden Konsolidierungsprozess in der Branche zu nutzen, um unsere Position im zunehmenden internationalen Wettbewerb nachhaltig zu stärken.
GW – Wie sind neue Lisec-Anlagen mit Blick auf Digitalisierung, Automatisierung und KI ausgelegt?
Oliver Pichler – Digitalisierung ist bei Lisec kein „buzzword“, sondern integraler Bestandteil unserer Unternehmens- und Produktphilosophie. Unser Ziel ist die durchgehend vernetzte Glasfabrik, in der Maschinen, Software und Prozesse nahtlos und optimal ineinandergreifen. Lisec-Anlagen und Software verfügen über umfangreiche Möglichkeiten betreffend Datenerfassung, Echtzeit-Monitoring, automatisierte Produktionssteuerung sowie standardisierte Schnittstellen zu ERP- und MES-Systemen. Wir entwickeln für unsere Kunden konkFrete, KI-basierte Lösungen - von einem intelligenten Assistenzsystem für die Instandhaltung bis hin zu Softwaremodulen zur automatisierteren Produktionsplanung. Wichtig ist dabei, KI zunehmend als Entscheidungsunterstützung zu nutzen und nicht nur für vergangenheitsbasierte Analysen. Ziel von Automatisierung und Digitalisierung ist es, die Prozesse bei unseren Kunden zu optimieren, Ausschuss zu reduzieren und die Anlagenverfügbarkeit weiter zu erhöhen.
GW – Welche besonderen Anforderungen stellen Verarbeiter heute an neue Lisec-Anlagen?
Gottfried Brunbauer – Wir sind mit teilweise gegenläufigen Anforderungen konfrontiert. Zum einen sollen die Anlagen immer komplexere Prozesse wie z. B. das physische Handling der Gläser entlang der gesamten Produktionskette, das Schneiden von Verbundglas, die Kantenbearbeitung, das Applizieren aller Arten von Abstandhaltern, unterschiedliche Sekundärversiegelungen u. a. mit immer kürzeren Taktzeiten in immer höherer Qualität bewerkstelligen, und das über Jahrzehnte. Zudem erwarten die Kunden von uns, dass wir auch für aktuelle Trends wie Laser-Bearbeitung, Dünnglas oder die Verarbeitung von Vakuum-Glas entsprechende Lösungen bieten. Zum anderen sollen die Bedienung und der Betrieb der Maschinen einfach bleiben und die Anlagen eine hohe Verfügbarkeit aufweisen. Um diese Anforderungen zu erfüllen, braucht es zum einen solide, hochwertige, langlebige Maschinen, bei denen bei Bedarf auch die Mechanik über unser Longlife-Programm auf Letztstand gebracht werden kann. Zum anderen ergibt sich daraus die Notwendigkeit, dass Maschinen und Software auf allen Ebenen von der Maschinensteuerung bis zur Office-Software optimal integriert sind und der gesamte Prozess von der Auftragserfassung bis hin zur Auslieferung der fertigen Produkte auf Basis der vorhandenen Daten durchgehend unterstützt wird.
GW – Wo sehen Sie derzeit die größten Potenziale, Produktionsabläufe noch effizienter zu gestalten?
Oliver Pichler – Die größten Potenziale liegen heute in der Automatisierung von Arbeitsabläufen und dem Einsatz von Robotik zur Reduktion manueller Tätigkeiten sowie in der Optimierung der Prozesse entlang der Wertschöpfungskette. Viele Verarbeiter verfügen über leistungsfähige Anlagen und Software, nutzen deren Möglichkeiten aufgrund von immer wieder dazwischenliegenden manuellen Arbeitsschritten, Systembrüchen oder fehlender Transparenz noch nicht im möglichen Umfang. Wesentliche Ansatzpunkte zur Verbesserung sind eine der jeweiligen Situation angepasste, möglichst durchgängige Software-Unterstützung und Automatisierung von der Auftragserfassung über eine intelligente Produktionsplanung und -steuerung und die internen Logistikprozesse bis hin zur Auslieferung, sowie die gezielte Nutzung von Produktionsdaten. Maschinensteuerungen und Materialflüsse, die mittels Software optimal integriert werden, können Durchlaufzeiten verkürzen, Ressourcen sparen und die Gesamtanlageneffektivität nachhaltig verbessern.
GW – Welche technologischen Trends bei der Glasbearbeitung und der ISO-Herstellung sehen Sie mit Blick auf die glasstec?
Gottfried Brunbauer – Bezogen auf das Produkt Isolierglas sehen wir technologische Trends vor allem in einer zunehmenden Verbreitung thermoplastischer Abstandhalter, in der Verwendung immer dünnerer Gläser für die Mittelscheiben, in neuen Ansätzen für den Randverbund – Stichwort „Single Seal“, in zusätzlichen Anforderungen an Fassadengläser – Stichwort „Bird Friendly Glass“ sowie zunehmend auch in der Verarbeitung von Vakuum-Gläsern. Bezogen auf den Verarbeitungsprozess sehen wir Trends in Richtung einer Automatisierung auch aufwändiger, bisher manueller Manipulationsschritte mittels Roboter, in Richtung einer Selbstregelung der komplexen Verarbeitungsschritte, in einer weiteren Optimierung der Anlagenauslastung durch die zunehmende Entkopplung der Herstell- und Lieferreihenfolge über Puffer und Sortiersysteme auch für fertige Iso-Elemente sowie auch im zunehmenden Einsatz neuer Bearbeitungsverfahren wie z. B. Laser für die Strukturierung von Beschichtungen oder der Glasoberfläche. Und das alles gesteuert über zunehmend KI gestützte Software-Lösungen. Wir werden auf der glasstec zu all diesen Punkten Antworten parat haben oder konkrete Lösungen zeigen.
GW – Wie haben sich die Anforderungen an Service und Kundenbetreuung verändert?
Oliver Pichler – Für den effizienten Betrieb komplexer Maschinen, Anlagen und Software ist ein leistungsfähiger Service unabdingbar. Kunden erwarten heute kurze Reaktionszeiten, eine hohe Verfügbarkeit ihrer Anlagen und kompetente Unterstützung über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach digitalen Serviceangeboten wie Remote Support, datenbasierter Zustandsüberwachung und präventiven Wartungskonzepten. Auch Schulung, Prozessberatung und Unterstützung für eine effektive Software-Nutzung gewinnen zunehmend an Bedeutung. Ebenso sind auch Updates und Upgrades nicht nur von Software, sondern auch der Mechanik der Maschinen und Anlagen Teil unseres Service-Angebotes. Bei Lisec verstehen wir Service nicht nur als technische Hilfeleistung, sondern als partnerschaftliche Begleitung zur kontinuierlichen Verbesserung der Produktionsleistung. Dazu bieten wir unter anderem in unserem Trainingszentrum ein umfassendes Trainingsprogramm – eine Dienstleistung, um dem steigenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit unseren Kunden dauerhaft Produktivität, Qualität und Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.
Das Interview führte Matthias Rehberger