Ein beispielloser Aufstand regt sich in der Fenster- und Baubranche: 14 Verbände und Institutionen fordern Bundesbauministerin Verena Hubertz in einem gemeinsamen Brandbrief auf, gegen neue EU-Vorschriften zu stimmen, die das Bauen um bis zu 15 % verteuern könnten. Der Grund für die Empörung: Ein EU-Normungsauftrag würde aus der Dokumentation für Fenster eines Einfamilienhauses statt weniger Seiten einen "gut gefüllten Aktenordner" machen – ohne dass Bauherren davon profitieren.
Die Europäische Kommission plant mit ihrem Standardisation Request für Fenster und Türen unter der neuen EU-Bauproduktenverordnung (EU) 2024/3110 drastisch erweiterte Dokumentationspflichten für Bauprodukte. Fensterhersteller müssten künftig
- deutlich mehr technische Angaben liefern,
- zusätzliche Prüfungen durchführen,
- umfangreiche Stoff- und Umweltdaten sammeln sowie
- neue digitale Unterlagen erstellen.
Besonders problematisch: Da Fenster und Türen überwiegend nach Maß gefertigt werden, würde sich der Aufwand bei jeder Änderung von Größe, Glas, Rahmen oder Beschlag vervielfachen.
"Wer Bürokratie abbauen, den Wohnungsbau beleben und die Sanierung beschleunigen will, darf keine neuen Aktenberge produzieren. Bauherren bekommen mehr Papier, aber kein besseres Fenster - zahlen müssen sie den Aufwand trotzdem", erklärt Frank Lange, Geschäftsführer des Verbandes Fenster + Fassade, empört.
Abstimmung im EU-Parlament geplant
Über den umstrittenen Entwurf soll bereits im September im zuständigen Committee on Standards abgestimmt werden. Der Verband Fenster + Fassade hatte bereits frühzeitig politische Aktivitäten auf deutscher und europäischer Ebene gestartet und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie kontaktiert. Auch über Kontakte zur EVP-Fraktion im Europäischen Parlament wurde die Problematik adressiert – mit positiver Resonanz.
Aus Sicht des VFF ist der Entwurf in seiner vorliegenden Form nicht zustimmungsfähig. "Fenster und Türen sind in der Regel keine einfachen Standardprodukte, sondern individuell konfigurierte Bauprodukte mit einer sehr hohen Variantenvielfalt", argumentiert der Verband empört. Aus der Kombination unterschiedlicher Profile, Gläser, Beschläge, Dichtungen und Ausstattungen entstehen unzählige Produkttypen.
Handwerksbetriebe vor dem Kollaps
Besonders drastisch trifft es die handwerklichen Fensterhersteller. In einer anderen Presseinformation hat der Bundesverband Tischler Schreiner Deutschland darauf hingewiesen, dass vor 25 Jahren Fenster nur mit besonderen Schall- oder Wärmeschutzanforderungen regulatorisch gekennzeichnet werden mussten. Heute stehen heute rund 60 technische sowie 39 Nachhaltigkeitsanforderungen im Raum. Zusätzlich muss für 175 verschiedene gefährliche Substanzen geprüft werden, ob sie in den Produkten enthalten sind – eine Doppelregelung zu den bereits bestehenden REACH-Vorschriften.
"Bei auftragsbezogener Fertigung, oft mit Losgröße 1, wie sie in Deutschland tägliche Praxis ist, kann diese Datenflut nicht zielführend sein", kritisiert Dr. Katharina Gamillscheg, Hauptgeschäftsführerin von Tischler Schreiner Deutschland, scharf. Thomas Radermacher, Präsident des Verbands, warnt vor den verheerenden Folgen: "Wir leben in einer Gesellschaft, in der Wettbewerb und Leistung zählen. Gerade mit Blick auf die energetische Effizienz müssen wir wirtschaftlich argumentieren können. Andernfalls werden auch die Energieziele der Bundesregierung nicht erreicht."
Kostenexplosion zur denkbar ungünstigsten Zeit
Nach brancheninternen Berechnungen könnten sich Fenster und Türen – abhängig von Komplexität, Variantenvielfalt und Betriebsstruktur – um bis zu 15 % verteuern. Zusätzliches Verwaltungspersonal, externe Prüfungen, neue IT-Systeme und die laufende Pflege großer Datenmengen würden Zeit und Geld verschlingen. Diese Mehrkosten landen letztlich bei Bauherren, Investoren, Käufern und Mietern.
Ein solcher Kostenschub käme zur denkbar ungünstigsten Zeit: Deutschland benötigt dringend mehr Wohnungsneubau, eine höhere Sanierungsquote und zusätzliche Investitionen in Energieeffizienz. Neue Unsicherheiten und vermeidbare Kosten verschlechtern jedoch die Wirtschaftlichkeit von Projekten und können Investitionen verzögern oder ganz verhindern. Gleichzeitig wird politisch über Bürokratieabbau, Wirtschaftswachstum und Baukostensenkung gesprochen – ein solcher zusätzlicher Regulierungsschub wäre klar kontraproduktiv.
Absurde Vorschläge aus Brüssel
Selbst die von der EU-Kommission unter dem Druck der Verbände diskutierten Erleichterungen bewerten die Verbände als völlig unzureichend und geradezu absurd. Ein besonders empörender Vorschlag: Um die Dokumentation zu vereinfachen, sollen Hersteller pauschal die schlechtesten Leistungswerte angeben. "Der unglückliche Vorschlag – allein um offizielle Regularien zu erfüllen – ist die Angabe des schlechtesten Wertes", empört sich Radermacher. Diese Regelung würde jeglichen Wettbewerb um bessere Produkte aushebeln und Fortschritte bei der Energieeffizienz blockieren.
Zentrale Kritikpunkte im Detail
Die Verbände kritisieren insbesondere den überbordenden Umfang der vorgesehenen wesentlichen Merkmale, die zusätzlichen Dokumentationspflichten, neue Prüf- und Zertifizierungsanforderungen, unverhältnismäßige Emissionsdeklarationen sowie die noch nicht praxistauglich geregelten Anforderungen rund um den Digitalen Produktpass. Aus Sicht der Branche darf die neue Bauproduktenverordnung nicht dazu führen, dass mittelständische Fenster- und Fassadenbetriebe durch überbordende Bürokratie und rechtliche Unsicherheiten in den Ruin getrieben werden.
Das Verbändebündnis fordert das Bundesbauministerium auf, bei der im September anstehenden Abstimmung mit Nein zu stimmen und eine grundlegende Überarbeitung durchzusetzen. Die Forderungen sind konkret:
- Reduzierung der Anforderungen auf das regulatorisch Erforderliche
- Nur tatsächlich benötigte Produktangaben verlangen
- Erhalt bewährter Bewertungsmethoden statt teurer externer Prüfungen
- Doppelte Stoff- und Emissionsangaben vermeiden
- Verhältnismäßige Regelungen für kleine und mittlere Unternehmen schaffen
- Praxistaugliche Vorgaben für digitale Produktinformationen
- Digitale Produktpässe erst bei funktionierender Infrastruktur einführen
Breite Allianz gegen Brüsseler Bürokratie-Wahnsinn
Dem gemeinsamen Appell haben sich angeschlossen: Verband Fenster + Fassade (VFF), Bundesverband ProHolzfenster, Fachverband Schloss- und Beschlagindustrie (FVSB), Repräsentanz Transparente Gebäudehülle (RTG), EPPA Deutschland, Bundesverband Rollladen + Sonnenschutz (BVRS), Industrievereinigung Rollladen-Sonnenschutz-Automation (IVRSA), Bundesverband Metall, Tischler Schreiner Deutschland (TSD), Verband der Holzwerkstoff- und Innentürenindustrie (VHI), Bundesverband Flachglas (BF), Hauptverband der Deutschen Holzindustrie (HDH), Institut für Fenstertechnik (ift Rosenheim) und Bundesverband Innenausbau, Element- und Fertigbau (BIEF).
Die Verbände betonen: Es geht nicht darum, einheitliche europäische Regeln zu verhindern, sondern um praxistaugliche Lösungen, die den politischen Zielen von Bürokratieabbau, Mittelstandsentlastung, Baukostensenkung und Wettbewerbsfähigkeit gerecht werden. Das Ziel ist klar: hohe Produktqualität und europäische Vergleichbarkeit – ohne unnötige Bürokratie, vermeidbare Mehrkosten und Hindernisse für Wohnungsbau und Sanierung.
VFF