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VFF-Kongress 2026

Gugelfuss übernimmt, Steinbrück fordert, die Branche sucht ihren Weg

Der Jahreskongress des Verband Fenster + Fasssade ist mit einem Führungswechsel und konkreten politischen Forderungen zu Ende gegangen. Die Teilnehmenden konnten spannende Vorträge und Diskussionsrunden, eine umfangreiche Fachausstellung, aktuelle Themen rund um Markt, Technik, Nachhaltigkeit und Politik sowie viel Raum für persönlichen Austausch und Netzwerken erleben.

Steinbrück: Deutschland hat die Mittel für den Aufschwung

Daniel Mund / GW

Als Hauptredner analysierte der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück die aktuelle Lage Deutschlands und zeigte konkrete Lösungswege für die Baubranche auf. Seine klaren Worte zur Vertrauenskrise und seine Forderungen nach steuerlichen Erleichterungen sorgten für Aufmerksamkeit bei den Kongressteilnehmern. Mit gewohnt direkter Art stellte Steinbrück die zentrale Frage: Kann das Vertrauen der Bevölkerung in die Handlungsfähigkeit der Regierung wiederhergestellt werden? Er zeigte sich vorsichtig optimistisch: „Ich sehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass wir die maßgeblichen Entscheidungen treffen werden, die zu einer Entlastung führen.“

Seine zentrale Forderung: „Wenn ich 200.000 Wohnungen mehr bauen will und ein Neubauvolumen von 400.000 erreiche, dann habe ich ein größeres Umsatzsteueraufkommen, selbst mit nur 7 % Mehrwertsteuer.“ Die Rechnung gehe auf, wenn man längerfristig denke statt in Haushaltsjahren. Es komme jetzt wirklich auf den Bürokratie-Abbau an. Sein konkreter Vorschlag: „Klare Genehmigungsfiktionen nach dem Motto: Nach drei Monaten gilt ein Genehmigungsverfahren als genehmigt. Das würde massiv helfen.“

Martin Langen: Dramatische Stimmung, aber auch Chancen

Martin Langen von B+L Marktdaten

Daniel Mund / GW

Martin Langen von B+L Marktdaten

Martin Langen von B+L Marktdaten lieferte eine schonungslose Analyse der aktuellen Marktlage am Bau. Die Zahlen, die er präsentierte, sind alarmierend: Der gesamtwirtschaftliche Entwicklungsindex für Unternehmen liegt bei minus 81 Prozent. „Das ist wirklich ein erneuter Tiefpunkt in den letzten Befragungsergebnissen“, so der Marktforscher. Diese Zahl bedeute, dass etwa 90 % der Unternehmen ihre Lage negativ beurteilen. Für das schwierige erste Halbjahr 2026 identifizierte Langen drei wesentliche Faktoren: Das Wetter („Diese Januar-, Februar-Ausfälle, das ist gewaltig gewesen“), den deutlichen Zinsanstieg und die Energiepreise.

Dennoch sieht Langen Lichtblicke – beispielsweise im sozialen Wohnungsbau. Die Zahlen würden bis 2028 Richtung 70.000 neue Wohneinheiten jährlich gehen. Positive Signale kämen auch aus dem Bereich der Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser: „60 % mehr EFH bedeuten überproportional mehr Fensterbedarf“, erklärte er. Als Lichtblick identifizierte Langen auch den öffentlichen Bau: Das Sondervermögen werde 2027 mindestens elf Milliarden Euro zusätzlich in den Hochbau bringen, 2028 über 14 Mrd. und 2029 über 15 Mrd. Euro zusätzlich.

Markt und Konjunktur: Tiefpunkt erreicht?

In einer intensiven Diskussionsrunde analysierten Branchenexperten nach dem Impuls von Martin Langen die aktuelle Marktsituation und suchten nach Wegen aus der Krise. Peer Steinbrück, Langen selbst und Andreas Hartleif (Vorstandsvorsitzender Veka) diskutierten unter der Moderation von Frank Lange über die Zukunft der Branche. Dabei wurde deutlich: Die Unternehmen kämpfen mit unterschiedlichen Voraussetzungen – während einige bereits am Limit operieren, sehen andere durchaus Chancen für Wachstum.

Eine zentrale Frage der Diskussion: Sehen wir bereits den Tiefpunkt der Krise oder wird es noch dramatischer werden? Problematisch sei vor allem, dass die Finanzierungskosten für Neubauvorhaben mittlerweile so hoch sind, dass viele Projekte schlicht nicht mehr rentabel zu realisieren sind.

Angesichts der dramatischen Situation forderten die Diskussionsteilnehmer ein echtes Konjunkturprogramm für die Baubranche. Der Bausektor mache immerhin zehn Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus und sei durch die Zuwanderung und den damit verbundenen Wohnraumbedarf von strategischer Bedeutung für Deutschland. Dabei plädierten die Experten dafür, lieber weniger Fördermittel anzubieten, diese aber verlässlich und dauerhaft zur Verfügung zu stellen.

Eine weitere Diskussionsrunde mit Experten aus Private Equity, Projektentwicklung und Risikomanagement beleuchtete den fundamentalen Wandel in der Baubranche. Peter Matteo von Groß & Partner Grundstücksentwicklungsgesellschaft verdeutlichte dabei die besondere Stellung des Fassadenbaus: „Fassaden sind das zweitgrößte Gewerk nach dem Rohbau mit der größten Wertschöpfungskette. Und aus dem Grund sind Fassaden für uns auch das größte Risikopotenzial, was Qualität, was Terminläufe und was Preisläufe betrifft.“

Nachhaltigkeit mehr als „nice to have“

Johannes Kreißig von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB)

Daniel Mund / GW

Johannes Kreißig von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB)

Johannes Kreißig von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) machte dann am zweiten Kongresstag deutlich, dass Nachhaltigkeit vom „nice to have“ zum entscheidenden Marktfaktor wird. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Pensionskassen kaufen bereits zu 85 % nur noch Immobilien mit nachgewiesener Nachhaltigkeit. Der Anteil zertifizierter Gewerbeimmobilien steigt kontinuierlich – unabhängig von Marktvolumen und Konjunktur.
Für die Fensterbranche ergeben sich direkte Anknüpfungspunkte. Viele DGNB-Kriterien haben unmittelbaren Bezug zu Fensterprodukten. Umwelt-Produktdeklarationen (EPDs) spielen dabei eine zentrale Rolle. Auch die EU-Taxonomie findet sich in den DGNB-Kriterien wieder. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Thema Zirkularität.

Ein wichtiger Appell richtete Winfried Heusler (ift) an das Auditorium: Die Fensterbranche sollte ihre Stärken – lange Lebensdauer, gute Recyclingfähigkeit, zerstörungsfreier Ausbau – besser darstellen.

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg

Daniel Mund / GW

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg sorgte ebenfalls am zweiten Kongresstag für nachdenkliche Gesichter im Publikum. Die Zukunftsforscherin machte deutlich: „Nachhaltigkeit ist eine Führungsaufgabe.“ Die Fensterbranche habe alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kreislaufwirtschaft. Millionen von Altfenstern würden derzeit in der Entsorgung landen, obwohl ihre Materialien wertvoll sind. Allerdings schien der Referentin nicht bewusst zu sein, dass die Branche bereits seit Jahren mit Rewindo und der A|U|F funktionierende Rückführungssysteme etabliert hat.

Auch wenn die Speakerin die bereits vorhandenen Erfolgsgeschichten der Branche nicht würdigte, blieb ihre Kernbotschaft dennoch wertvoll: Nachhaltigkeit gelingt nur dann, wenn sie zur gelebten Unternehmenskultur wird und Mitarbeitende zu überzeugten Botschaftern macht.

Arved Fuchs warnt vor Klimawandel-Folgen

Expeditionslegende Arved Fuchs

Daniel Mund / GW

Expeditionslegende Arved Fuchs

Passend zur Nachhaltigkeitsdebatte berichtete dann zum Kongressfinale Expeditionslegende Arved Fuchs, der 1989 als erster Mensch innerhalb eines Jahres beide Pole zu Fuß erreichte, von dramatischen Veränderungen in der Arktis. „Wir verlieren jedes Jahr die vierfache Fläche der Bundesrepublik Deutschland an polarem Packeis.“ Dabei reflektiert das arktische Eis über 90 % der Sonnenenergie zurück ins All. Fuchs vergleicht es mit einem Thermostat: „Es hält die Temperatur konstant. Das ist ein ganz wichtiges Regulativ in unserem Klimasystem.“ Seine Botschaft ist eindeutig: „Kälte ist wichtig.“

Gugelfuss würdigt Meeth

Geschlossen für die Fensterbranche: Dr. Jochen Peichl (ift), Helmut Meeth, Anton Gugelfuß, Thomas Drinkuth (RTG), Frank Lange, Winfried Heussler (ift), Jochen Grönegräs (BF)

Daniel Mund / GW

Geschlossen für die Fensterbranche: Dr. Jochen Peichl (ift), Helmut Meeth, Anton Gugelfuß, Thomas Drinkuth (RTG), Frank Lange, Winfried Heussler (ift), Jochen Grönegräs (BF)

Mit herzlichen Dankesworten an seinen Vorgänger beschloss Anton Gugelfuss den Jahreskongress 2026. Gugelfuss kündigte an, dass das Präsidium zusammenkommen werde, um „gemeinsam im strategischen Ausschuss unsere Verbandsarbeit für die nächsten Jahre neu abzustimmen“.

Der Kongress endete mit einem klaren Signal: Trotz aller Herausforderungen blickt die Fenster- und Fassadenbranche unter der neuen Führung von Gugelfuss optimistisch in die Zukunft. Mit der umfassenden Agenda aus politischen Forderungen, strategischen Neuausrichtungen und digitalen Innovationen sieht sich der VFF gut gerüstet für die anstehenden Aufgaben.—

Chefredakteur Daniel Mund
Der VFF-Jahreskongress in Göttingen markierte einen Wendepunkt: Mit Anton Gugelfuss übernimmt ein neuer Präsident die Verbandsführung und bringt sicher auch frische Impulse von innen heraus. Doch der Kongress hat auch eines deutlich aufgezeigt – die Botschaften der Branche sind offensichtlich noch nicht hinreichend oft kommuniziert worden.
Das jedenfalls konnte man meinen, wenn man den Ausführungen von Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg folgte, die funktionierende Kreislaufsysteme nicht zu kennen schien. Ähnlich verhielt es sich mit Peter Matteo von Groß & Partner Grundstücksentwicklungsgesellschaft, der trotz seiner umfassenden Erfahrungen in der Projektentwicklung die Leistungsfähigkeit der Fensterbranche immer wieder in Abrede stellte.
Offensichtlich muss man den Partnern jenseits der Branche noch offensiver zeigen, was möglich ist. Erfolgsgeschichten müssen noch besser kommuniziert werden – vor allem zu den Partnern jenseits unserer Wertschöpfungskette.

GW