Seit gut anderthalb Jahren gehört Gutmann zur belgischen Corialis-Gruppe. Das fränkische Traditionsunternehmen verbindet jahrzehntelang gewachsene Kompetenz mit spürbar neuer Dynamik: modernisierter Markenauftritt, kurze Entscheidungswege, volle Investitionspipeline. CEO Arnd Brinkmann führt heute alle drei Gesellschaften am Standort Weißenburg in Personalunion. Zur Einordnung der Größenordnungen: Gutmann verfügt über knapp 30.000 t Extrusionskapazität und fertigt über 1.000 geschweißte Aluminiumrahmen täglich. Brinkmann spricht im Interview über spezialisiertes Pressen-Know-how, integrierte Wertschöpfung, unternehmerische Eigenständigkeit, Investitionen und neue Produktgenerationen – und darüber, warum Gutmann auch in einem anspruchsvollen Marktumfeld konsequent nach vorne denkt.
GW – Herr Brinkmann, seit gut anderthalb Jahren gehört Gutmann zur belgischen Corialis-Gruppe. Was hat sich seit der Übernahme wirklich verändert?
Arnd Brinkmann – Man hat uns seit Beginn der Gespräche immer versichert: Corialis setzt an jedem Standort auf einen Verantwortlichen, die Organisation läuft dezentral, wir mischen uns nicht ein. Ich habe das ehrlich gesagt zunächst auch nicht geglaubt, aber ich kann jetzt sagen: Es wird tatsächlich so gelebt. Kein Performance-Excellence-Team, nichts dergleichen. Corialis hat verstanden, dass das Geschäft sehr bausystemelastisch ist und die Aluminium-Extrusion die vertikale Integration der Lieferkette darstellt.
GW – Gibt es denn zentrale Gruppen-Funktionen?
Brinkmann – Sehr wenige. Die Finanzen laufen dort zusammen, klar, und es gibt eine Person für den zentralen Einkauf – vor allem Aluminium und Pulver, da bündelt man natürlich. Der schaut sich auch an, welche Preise die einzelnen Häuser abbilden, um zu sehen, ob das passt oder ob man unterstützen kann. Es ist also eher Absprache als Koordination. Die Markennamen bleiben alle bestehen – Aliplast, Profils Systèmes in Frankreich, Centroalum in Spanien, Gutmann hier.
GW – Was lernen Sie von den Belgiern?
Brinkmann – Dass alles noch einmal viel schneller geht. Die Dynamik dort ist sensationell. Ich habe vom Corialis-Board noch keine Mail bekommen, die länger als zwei Zeilen war – sonst ein kurzes Telefonat. Und wir haben einmal im Monat ein Business-Review-Meeting. Ohne Power-Point-Schlacht, eine Viertelstunde. Wir stimmen uns halt ab. Mir gefällt diese Kombination: Freiraum auf der einen Seite, Benchmarking auf der anderen. Das motiviert.
Michael Hannig (Marketingleiter) – Wir haben zuvor bereits die Markenkommunikation komplett gedreht. Wir dürfen viel ausprobieren, ohne die Seriosität zu verlieren, und wir müssen nicht wegen jeder Kleinigkeit in Abstimmungsrunden – sonst brauchst du für solche Umstellungen Jahre. Das gilt für jeden Abteilungsleiter, für jeden, der eigeninitiativ arbeiten will: Vollgas geben, bitte. Daraus entsteht dieser Spirit.
GW – Von außen wirkt Gutmann wie ausgewechselt – deutlich dynamischer.
Brinkmann – Freut mich, dass das auch draußen so wahrgenommen wird. Wir haben auch noch nie so viel investiert wie in den letzten Jahren, mal abgesehen von der Presse und der Pulverbeschichtungsanlage seinerzeit. Wir haben zwei große CNC-Maschinen gekauft, einen Laser für die Türblattproduktion, eine vollautomatische Kantbank. Wir haben eine unserer drei Presslinien saniert. Und für die nächsten fünf Jahre wissen wir genau, wo das Geld bleibt: Das Hochregallager muss erweitert werden, wir brauchen ein Kleinteilelager für die Bausysteme.
GW – Bleiben wir am Standort. Wenn heute jemand von „Gutmann in Weißenburg“ spricht – über welche Einheiten reden wir konkret?
Brinkmann – Hier in Weißenburg sind es drei juristische Einheiten. Erstens die Gutmann GmbH, das ist die Extrusion. Zweitens Gutmann Bausysteme. Und drittens die Color G, die Pulverbeschichtung. Alle drei Unternehmen werden von einer Person geleitet – ich bin in allen dreien operativer Geschäftsführer.
GW – Wie groß ist die Extrusion?
Brinkmann – Wir haben hier knapp 30.000 Tonnen Kapazität an Profilextrusion. Um die 10.000 Tonnen davon, also rund ein Drittel, verarbeiten und veredeln wir selbst in den Bausystemen. Der Rest geht in die Bauindustrie, aber auch querbeet bis in unterschiedliche Industrieanwendungen, Fahrzeugbau, Gerüstbau und Baubranche.
GW – Was unterscheidet das Presswerk Weißenburg von anderen in der Gruppe?
Brinkmann – Wir haben jetzt die Möglichkeit zum Benchmarken und wir können feststellen, dass die Pressentechnologie und das Know-how hier sehr stark entwickelt sind. Unsere besondere Stärke liegt bei komplexen Geometrien, anspruchsvollen Toleranzen und filigranen Wanddicken. Wenn es ein klares Differenzierungsmerkmal gibt, dann ist es dieses Pressen-Know-how. Das Zweite, das es in dieser Form in keiner anderen Einheit gibt, ist die Weiterbearbeitung, dieses Value Adding: Stanzen, Bohren, Fräsen, hochpräzise Sägeschnitte. Da sind wir ausgesprochen gut ausgestattet und haben im letzten Jahr auch sehr viel investiert.
Corialis hatte versprochen: „Wir mischen uns nicht ein.“ Ich habe das erst nicht geglaubt – aber es ist wirklich so.
GW – Und die Bausysteme?
Brinkmann – Die perfekte Kombination für den Standort Weißenburg. Eines unserer Alleinstellungsmerkmale sind die kurzen Wege. Wir haben alle Bausystemprofile hier am Standort. Die gesamte Wertschöpfung liegt hier: Oberfläche, Eloxal, Voranodisierung, Pulverbeschichtung, mechanische Bearbeitung, Extrusion. Alles, was der Markt abfragt, können wir an Ort und Stelle umsetzen.
GW – Welche Rolle spielt die neu formierte Vertriebsmannschaft?
Brinkmann – Eine große. Thomas Reinert ist da ein wichtiger Baustein, der macht das hervorragend, er macht es anders, er macht es erfolgreich.
GW – Reden wir über Zahlen.
Brinkmann –Die Bausysteme machen rund 120 Mio. Euro, die Extrusion ungefähr das Gleiche, vielleicht 10 bis 15 Prozent mehr. Umsatzmäßig ist die Extrusion sehr volatil, weil alles am Alupreis hängt – deshalb schaue ich lieber aufs Ergebnis. Im laufenden Jahr haben wir leicht zugelegt, in den Bausystemen und eigentlich auch in der Extrusion. Zufrieden bin ich nie, es könnte immer mehr sein.
GW – Wo stoßen Sie an Kapazitätsgrenzen?
Brinkmann – Wir haben in einzelnen Bereichen eine sehr gute Auslastung. Gleichzeitig sehen wir weiteres Wachstumspotenzial und haben uns bereits darauf eingestellt.
GW – Die Bausysteme gliedern sich in drei Bereiche, bitte eine kurze Erläuterung.
Brinkmann – Es gibt erstens das, was wir Baubeschlag nennen: Fensterbänke, Regenschutzschienen, alle Zubehörteile. Da investieren wir dieses Jahr 1,8 Mio. Euro allein in einen neuen Bordendstück-Automaten. Der wird hoffentlich in den nächsten Wochen hier installiert. Damit verdoppeln wir unsere Bordstück-Kapazität.
GW – Warum eine komplett neue Maschine?
Brinkmann – Weil es eine neue Bordstück-Generation gibt und wir dafür eine neue Maschine brauchen. Im Übrigen wird ein Bordendstück hoffnungslos unterschätzt. Da steckt so viel Technologie dahinter, das ist getestet und geprüft bis 1.950 Pascal. Denn, wenn es nicht funktioniert, ist der Schaden am Gebäude immens.
GW – Zweiter Bereich: Holz-Alu?
Brinkmann – Genau. Hier liefern wir 90 Prozent beschichtetes Material aus. Entweder als Langmaterial oder fertige Rahmen: Wir produzieren hier am Standort über 1.000 Rahmen.
GW – Pro Tag?
Brinkmann – Pro Tag.
GW – Wie steht es in dem Punkt mit den Lieferzeiten?
Brinkmann – Das war unser Versprechen, als wir dieses Geschäftsmodell aufgesetzt haben: In 15 Tagen bekommen die Fensterhersteller ihre verschweißten Rahmen. Der Grund: Hersteller brauchen von der fertigen Arbeitsvorbereitung des Holzgrundkörpers bis zur Verglasung zwölf bis 15 Arbeitstage. Also muss der Rahmen genau in diesem Zeitfenster in die Verglasungslinie kommen, sonst muss der Kunde das Element parken, was Störungen verursacht. Im Übrigen machen wir in der Beschichtung bis zu 80 Farbwechsel am Tag!
GW – Der dritte Bereich sind Aluminium-Profile?
Brinkmann – Zunächst dürfen wir die Aluminiumschalen für die PVC-Fensterproduzenten nicht vergessen – Produktname Decco. Das ist derselbe Prozess wie für Holz-Aluminium. Wir haben da eine riesige Auswahl für alle PVC-Systeme. Im Vollaluminium-Systemgeschäft haben wir unseren Fokus zwischenzeitlich bewusst neu gesetzt und uns aus Teilen des Objektgeschäfts zurückgezogen.
GW – Obwohl Sie es technisch könnten?
Brinkmann – Wir sind zurück zum Kerngeschäft – mit unserem eigenen System und Winkhaus- und Roto-Beschlägen auf Euronut-Basis. Honoriert wird das z. B. von Herstellern, die eine Kunststofffensterproduktion haben und parallel eine Alu-Fertigung. Die brauchen Standardfenster, Standard-Schiebesysteme, Standardfassade. Und wir haben eine Top-Fassade und noch dazu ist es eines der am effizientesten zu verarbeitenden Fenstersysteme überhaupt.
GW – Was passiert bei Gutmann in nächster Zeit produktseitig?
Brinkmann – Wir hatten noch nie so viele Produkte in der Pipeline. Erstens die neue Bordstück-Generation, bei der wir uns als führend sehen. Zweitens im Alu-System eine komplett überarbeitete Generation der Hebeschiebesysteme, die wird dieses Jahr fertig. Drittens – eines meiner Lieblingsprodukte – die Lara, unsere Holz-Alu-Fassade. Da kommt eine komplett neue Generation, kein Facelift. Ausgelegt auf höhere Glaslasten und einfacher zu verarbeiten. Dazu kommen neue Twinlock-Verbinder und einiges mehr.
GW – Abschlussfrage: Ist Gutmann gerade in der Phase des Absicherns, des Umbaus – oder im Angriffsmodus? Und welche Wahrnehmung über Gutmann würden Sie am dringendsten korrigieren wollen?
Brinkmann – Ich bin immer im Angriffsmodus, Stillstand mag ich nicht. Ich habe eine Riesenfreude daran, das Unternehmen nach vorne zu entwickeln. Und wenn Sie mich fragen, was ich am liebsten sofort korrigieren würde, dann ist es ganz ehrlich das Gebäude, in dem wir hier sitzen. Das entspricht weder den energetischen noch den optischen Standards, hier versprüht bestenfalls 70er-, eher 60er-Jahre-Charme.
Obwohl, es zeigt sehr gut, wo wir herkommen – und steht zugleich für die lange industrielle Geschichte des Standorts, auf der wir unsere Expertise über Jahrzehnte kontinuierlich aufgebaut haben. Der Anspruch und die Entwicklung des Unternehmens sind heute deutlich weiter, aber genau dieser Kontrast erzählt auch ein Stück Gutmann-Geschichte.
GW – Herzlichen Dank für das sehr informative Gespräch! Viel Erfolg für Sie!
Das Interview führte Chefredakteur Daniel Mund in der Gutmann-Zentrale in Weißenburg.
Foto: Daniel Mund / GW
Foto: Daniel Mund / GW
Rund 1000 geschweißte Aluminiumrahmen für Holz-Aluminium-Fenster werden täglich ausgeliefert.
Foto: Daniel Mund / GW
Arnd Brinkmann im Austausch mit GW-Chefredakteur Daniel Mund
Foto: Daniel Mund / GW
Ein Blick in eines von drei Presswerken bei Gutmann in Weißenburg
Zur Person: Arnd Brinkmann
Arnd Brinkmann steht seit 7. März 2016 an der Spitze des Weißenburger Bausystemgeschäfts – zunächst als Vice President Bausysteme, seit 2018 als Geschäftsführer und CEO der Gutmann Bausysteme GmbH. Brinkmann ist seit mehr als 20 Jahren Manager in der Fenster- und Fassadenbranche; Stationen waren unter anderem Solarlux, Hydro (Wicona) und Sapa Building Systems. Bei seinem Start bei Gutmann kündigte er an, die Marke Gutmann sichtbarer zu machen – „Wir haben in Deutschland unsere PS noch nicht auf die Straße gebracht“.
Die Corialis-Gruppe
Die 1984 in Belgien gegründete Corialis-Gruppe fertigt Aluminiumsysteme für Fenster, Türen und Fassaden vertikal integriert – Strangpressen, Lackieren und Isolieren im eigenen Haus. Rund 4.000 Mitarbeitende, Eigentümer ist seit 2021 der Investor Astorg. Mit der Übernahme der europäischen Gutmann-Aktivitäten im Januar 2025 hat die Gruppe ein wichtiges Standbein in Deutschland. Konzernchef ist seit Mai 2026 Ruben Desmet.
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