Puren
Der Überlinger Dämmstoffhersteller Puren hat im baden-württembergischen Obermarchtal eine dritte Fertigungslinie für den Funktionswerkstoff purenit offiziell eingeweiht. Mit einer Gesamtinvestition von rund 50 Mio. Euro verdreifacht das Unternehmen seine Produktionskapazität am Standort. Neben den vorhandenen 65 werden bis zu 40 weitere Arbeitsplätze geschaffen, die stufenweise besetzt werden sollen.
Zur Einweihung kamen rund 320 Gäste aus Politik, Industrie und Forschung zusammen. Baden-Württembergs Umweltministerin Thekla Walker betonte in ihrer Festansprache: „Die Puren GmbH beweist eindrucksvoll, dass Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft und die Energiewende keine Bremsklötze für die Industrie darstellen, sondern – wie überhaupt die gesamte GreenTech-Branche – echte Jobmotoren und Wachstumstreiber sind.“
Kreislaufwirtschaft seit über 50 Jahren
purenit wird zu bis zu 90 % aus Materialresten hergestellt – aus Nebenprodukten der eigenen PU-Hartschaumproduktion sowie aus Reststoffen von Kunden und Marktbegleitern aus ganz Europa. Puren-Geschäftsführer Dr. Andreas Huther erklärte: „Kreislaufwirtschaft für PU-Hochleistungsdämmstoffe wie auch für purenit ist keine Vision, sondern kann ganz konkret in der Praxis umgesetzt werden.“ Das Unternehmen beschäftigt sich bereits seit 1970, also zwei Jahre nach der Firmengründung, mit der Weiterverarbeitung von PU-Reststoffen.
Die neue, vollautomatisierte Produktionslinie gilt als eine der technologisch weltweit führenden Anlagen für PU-Funktionswerkstoffe. Dank digitaler Prozesssteuerung und durchgehender Qualitätsüberwachung erfolgt der gesamte Fertigungsprozess vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt vollautomatisch. PV-Anlagen liefern einen erheblichen Anteil des benötigten Stroms.
ISCC-Plus-Zertifizierung ermöglicht biozirkuläre Bindemittel
Parallel zur Fertigstellung der neuen Anlage hat Puren die gesamte purenit-Produktion vom TÜV Süd nach dem ISCC-Plus-Standard zertifizieren lassen (ISCC-PLUS-Cert-DE102-26080187). Die Zertifizierung schafft die Voraussetzung, ein ISCC-Plus-zertifiziertes, biozirkuläres Bindemittel über einen massenbilanziellen Ansatz nachvollziehbar in einer für 2027 geplanten purenit-Produktvariante einzusetzen.
Puren
Dr. Thorsten Dreier, Vorstand und CTO der Covestro AG, stellte die Zusammenarbeit beider Unternehmen heraus. Gemeinsam wurde mit der ISCC-Plus-Zertifizierung eine wichtige Grundlage geschaffen, sodass Puren künftig biozirkuläre und klimaneutrale Bindemittel von Covestro einsetzen kann. „Für unsere Kunden bedeutet dies: der gleiche Werkstoff mit unveränderter technischer Leistungsfähigkeit und die gewohnte Materialqualität – bei einem um bis zu zwei Drittel reduzierten Product Carbon Footprint – in einer Cradle-to-Gate-Betrachtung“, so Dr. Andreas Huther.
Vielseitiger Funktionswerkstoff für den Fensterbau
purenit ist ein holzfreier Funktionswerkstoff aus Polyurethan-Hartschaum mit einer Rohdichte von 550 kg/m3. Er ist mechanisch hoch belastbar, wärmedämmend und feuchtigkeitsunempfindlich. Der Werkstoff kann gefräst, gebohrt, gesägt, verklebt, beschichtet und lackiert werden. Aufgrund dieser Eigenschaften kommt er im Kühl- und Verkaufsthekenbau, in Arbeitsplatten, Möbeln und Trennwänden für Feuchträume sowie im Schiffs- und Fahrzeugbau zum Einsatz.
purenit kann in fachgerecht geplanten und ausgeführten Attikaanschlüssen oder als Einstandsprofil für Terrassenfenster und -türen zur Reduzierung von Wärmebrücken genutzt werden. Der wirtschaftliche und wandlungsfähige Funktionswerkstoff ist recyclingfähig: Sortenrein gesammelte purenit-Materialreste können zu Puren zurückgeführt und erneut als Rohstoff in der purenit-Produktion eingesetzt werden.
Bei der Einstufung in die Brandverhaltensklasse ähnelt purenit mit Euroklasse E, normalentflammbar, den Holzwerkstoffen. Für Einsatzbereiche mit hohen Anforderungen an den Brandschutz wurde die schwer entflammbare Version purenit C entwickelt. Dieses Plattenmaterial erreichte nach DIN EN 13501 die schwerentflammbare Einstufung C s2 d0. Damit findet der Funktionswerkstoff auch in schwer entflammbaren Fassadenbauteilen Verwendung, zum Beispiel als Verbindungselement zur thermischen Trennung in Pfosten-Riegel-Konstruktionen an Glasfassaden.
Puren
Rücknahmesystem für Baustellenreste
Um auch Dämmstoff-Materialreste von Baustellen in den Stoffkreislauf zurückzuführen, startete 2025 ein Pilotprojekt in Berlin. Initiiert vom Industrieverband Polyurethan-Hartschaum (IVPU), der Landesinnung des Dachdeckerhandwerks Berlin, regionalen Baustoff-Fachhändlern und Puren werden Dämmstoff-Reste aus PUR/PIR sämtlicher Hersteller sortenrein in Systemsäcken gesammelt. Diese können bei beteiligten Baustoffhändlern abgegeben oder vom Logistikpartner direkt beim Handwerker abgeholt werden. Die Reststoffe werden am Puren-Standort Berlin-Neuenhagen aufbereitet und nach Obermarchtal transportiert, um dort vollständig in die purenit-Herstellung einzufließen. „Das Rücknahmekonzept in Berlin hat sich bewährt, sodass die Branche gegenwärtig über einen stufenweisen Ausbau im gesamten Bundesgebiet nachdenkt“, erklärt Dr. Andreas Huther.
Energieeffizienz als Voraussetzung der Wärmewende
Prof. Dr. Andreas Holm, Leiter des Forschungsinstituts für Wärmeschutz e. V. München, rückte beim Festakt die Gebäudehülle in den Mittelpunkt der Diskussion zur Wärmewende. Seine Analysen zeigen, dass eine energetisch optimierte Gebäudehülle nicht nur den Wärmebedarf senkt, sondern auch die Effizienz von Wärmepumpen verbessert, die notwendigen Netzkapazitäten reduziert und Gebäude widerstandsfähiger gegen Energiepreissprünge macht. „Energieeffizienz ist keine Alternative zur Wärmewende. Sie ist ihre Voraussetzung“, so Holm.
ARD-Meteorologe Karsten Schwanke warnte vor den Folgen des Klimawandels. Der Sommer 2026 war in Baden-Württemberg der heißeste seit Beginn der Messungen. Die weitere Entwicklung führe zur Verschiebung der europäischen Klimazonen nach Norden – mit zunehmend mediterranem Klima in Deutschland, geprägt durch feuchtere Winter und trockenere Sommer. „Klimaschutz hat eine starke unternehmerische Komponente: Wer heute die Lösungen für morgen liefert, wird erfolgreich sein“, betonte Schwanke.
Bei Werksführungen hatten die Gäste anschließend Gelegenheit, die neue Produktionslinie sowie das gesamte Kreislaufkonzept in Augenschein zu nehmen. Eine Ausstellung zeigte die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten von purenit.
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