Der Jahreskongress des Verbandes Fenster + Fassade ist mit einem Führungswechsel und konkreten politischen Forderungen zu Ende gegangen. Die Teilnehmenden konnten spannende Vorträge und Diskussionsrunden, eine umfangreiche Fachausstellung, aktuelle Themen rund um Markt, Technik, Nachhaltigkeit und Politik sowie viel Raum für persönlichen Austausch und Netzwerken erleben.
Steinbrück: Deutschland hat die Mittel für den Aufschwung
Als Hauptredner analysierte der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück die aktuelle Lage Deutschlands und zeigte konkrete Lösungswege für die Baubranche auf. Seine klaren Worte zur Vertrauenskrise und seine Forderungen nach steuerlichen Erleichterungen sorgten für Aufmerksamkeit bei den Kongressteilnehmern. Mit gewohnt direkter Art stellte Steinbrück die zentrale Frage: Kann das Vertrauen der Bevölkerung in die Handlungsfähigkeit der Regierung wiederhergestellt werden? Er zeigte sich vorsichtig optimistisch: „Ich sehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass wir die maßgeblichen Entscheidungen treffen werden, die zu einer Entlastung führen.“
Seine zentrale Forderung: „Wenn ich 200.000 Wohnungen mehr bauen will und ein Neubauvolumen von 400.000 erreiche, dann habe ich ein größeres Umsatzsteueraufkommen, selbst mit nur 7 % Mehrwertsteuer.“ Die Rechnung gehe auf, wenn man längerfristig denke statt in Haushaltsjahren. Es komme jetzt wirklich auf den Bürokratie-Abbau an. Sein konkreter Vorschlag: „Klare Genehmigungsfiktionen nach dem Motto: Nach drei Monaten gilt ein Genehmigungsverfahren als genehmigt. Das würde massiv helfen.“
Martin Langen: Dramatische Stimmung, aber auch Chancen
Martin Langen von B+L Marktdaten lieferte eine schonungslose Analyse der aktuellen Marktlage am Bau. Die Zahlen, die er präsentierte, sind alarmierend: Der gesamtwirtschaftliche Entwicklungsindex für Unternehmen liegt bei minus 81 Prozent. „Das ist wirklich ein erneuter Tiefpunkt in den letzten Befragungsergebnissen“, so der Marktforscher. Diese Zahl bedeute, dass etwa 90 % der Unternehmen ihre Lage negativ beurteilen. Für das schwierige erste Halbjahr 2026 identifizierte Langen drei wesentliche Faktoren: Das Wetter („Diese Januar-, Februar-Ausfälle, das ist gewaltig gewesen“), den deutlichen Zinsanstieg und die Energiepreise.
Dennoch sieht Langen Lichtblicke – beispielsweise im sozialen Wohnungsbau. Die Zahlen würden bis 2028 Richtung 70.000 neue Wohneinheiten jährlich gehen. Positive Signale kämen auch aus dem Bereich der Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser: „60 % mehr EFH bedeuten überproportional mehr Fensterbedarf“, erklärte er. Als Lichtblick identifizierte Langen auch den öffentlichen Bau: Das Sondervermögen werde 2027 mindestens elf Milliarden Euro zusätzlich in den Hochbau bringen, 2028 über 14 Mrd. und 2029 über 15 Mrd. Euro zusätzlich.
Markt und Konjunktur: Tiefpunkt erreicht?
In einer intensiven Diskussionsrunde analysierten Branchenexperten nach dem Impuls von Martin Langen die aktuelle Marktsituation und suchten nach Wegen aus der Krise. Peer Steinbrück, Langen selbst und Andreas Hartleif (Vorstandsvorsitzender Veka) diskutierten unter der Moderation von Frank Lange über die Zukunft der Branche. Dabei wurde deutlich: Die Unternehmen kämpfen mit unterschiedlichen Voraussetzungen – während einige bereits am Limit operieren, sehen andere durchaus Chancen für Wachstum.
Eine zentrale Frage der Diskussion: Sehen wir bereits den Tiefpunkt der Krise oder wird es noch dramatischer werden? Problematisch sei vor allem, dass die Finanzierungskosten für Neubauvorhaben mittlerweile so hoch sind, dass viele Projekte schlicht nicht mehr rentabel zu realisieren sind.
Angesichts der dramatischen Situation forderten die Diskussionsteilnehmer ein echtes Konjunkturprogramm für die Baubranche. Der Bausektor mache immerhin zehn Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus und sei durch die Zuwanderung und den damit verbundenen Wohnraumbedarf von strategischer Bedeutung für Deutschland. Dabei plädierten die Experten dafür, lieber weniger Fördermittel anzubieten, diese aber verlässlich und dauerhaft zur Verfügung zu stellen.
Eine weitere Diskussionsrunde mit Experten aus Private Equity, Projektentwicklung und Risikomanagement beleuchtete den fundamentalen Wandel in der Baubranche. Peter Matteo von Groß & Partner Grundstücksentwicklungsgesellschaft verdeutlichte dabei die besondere Stellung des Fassadenbaus: „Fassaden sind das zweitgrößte Gewerk nach dem Rohbau mit der größten Wertschöpfungskette. Und aus dem Grund sind Fassaden für uns auch das größte Risikopotenzial, was Qualität, was Terminläufe und was Preisläufe betrifft.“
Nachhaltigkeit mehr als „nice to have“
Johannes Kreißig von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) machte dann am zweiten Kongresstag deutlich, dass Nachhaltigkeit vom „nice to have“ zum entscheidenden Marktfaktor wird. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Pensionskassen kaufen bereits zu 85 % nur noch Immobilien mit nachgewiesener Nachhaltigkeit. Der Anteil zertifizierter Gewerbeimmobilien steigt kontinuierlich – unabhängig von Marktvolumen und Konjunktur.
Für die Fensterbranche ergeben sich direkte Anknüpfungspunkte. Viele DGNB-Kriterien haben unmittelbaren Bezug zu Fensterprodukten. Umwelt-Produktdeklarationen (EPDs) spielen dabei eine zentrale Rolle. Auch die EU-Taxonomie findet sich in den DGNB-Kriterien wieder. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Thema Zirkularität.
Ein wichtiger Appell richtete Winfried Heusler (ift) an das Auditorium: Die Fensterbranche sollte ihre Stärken – lange Lebensdauer, gute Recyclingfähigkeit, zerstörungsfreier Ausbau – besser darstellen.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg sorgte ebenfalls am zweiten Kongresstag für nachdenkliche Gesichter im Publikum. Die Zukunftsforscherin machte deutlich: „Nachhaltigkeit ist eine Führungsaufgabe.“ Die Fensterbranche habe alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kreislaufwirtschaft. Millionen von Altfenstern würden derzeit in der Entsorgung landen, obwohl ihre Materialien wertvoll sind. Allerdings schien der Referentin nicht bewusst zu sein, dass die Branche bereits seit Jahren mit Rewindo und der A|U|F funktionierende Rückführungssysteme etabliert hat.
Auch wenn die Speakerin die bereits vorhandenen Erfolgsgeschichten der Branche nicht würdigte, blieb ihre Kernbotschaft dennoch wertvoll: Nachhaltigkeit gelingt nur dann, wenn sie zur gelebten Unternehmenskultur wird und Mitarbeitende zu überzeugten Botschaftern macht.
Arved Fuchs warnt vor Klimawandel-Folgen
Passend zur Nachhaltigkeitsdebatte berichtete dann zum Kongressfinale Expeditionslegende Arved Fuchs, der 1989 als erster Mensch innerhalb eines Jahres beide Pole zu Fuß erreichte, von dramatischen Veränderungen in der Arktis. „Wir verlieren jedes Jahr die vierfache Fläche der Bundesrepublik Deutschland an polarem Packeis.“ Dabei reflektiert das arktische Eis über 90 % der Sonnenenergie zurück ins All. Fuchs vergleicht es mit einem Thermostat: „Es hält die Temperatur konstant. Das ist ein ganz wichtiges Regulativ in unserem Klimasystem.“ Seine Botschaft ist eindeutig: „Kälte ist wichtig.“
Gugelfuss würdigt Meeth
Mit herzlichen Dankesworten an seinen Vorgänger beschloss Anton Gugelfuss den Jahreskongress 2026. Gugelfuss kündigte an, dass das Präsidium zusammenkommen werde, um „gemeinsam im strategischen Ausschuss unsere Verbandsarbeit für die nächsten Jahre neu abzustimmen“.
Der Kongress endete mit einem klaren Signal: Trotz aller Herausforderungen blickt die Fenster- und Fassadenbranche unter der neuen Führung von Gugelfuss optimistisch in die Zukunft. Mit der umfassenden Agenda aus politischen Forderungen, strategischen Neuausrichtungen und digitalen Innovationen sieht sich der VFF gut gerüstet für die anstehenden Aufgaben.
Foto: Daniel Mund / GW
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VFF mit neuer Spitze und neuen Herausforderungen
Nach sechs erfolgreichen Jahren übergibt Helmut Meeth die Führung des Verbandes Fenster + Fassade (VFF) aus persönlichen Gründen an seinen Nachfolger Anton Gugelfuß. Der Wechsel an der Verbandsspitze erfolgte während des VFF-Jahreskongresses in Göttingen. Der 66-jährige Unternehmer aus Elchingen bei Ulm wurde bereits am 7. Mai vom VFF-Präsidium einstimmig gewählt und übernahm das Amt während der Mitgliederversammlung am 17. Juni. „Ich sitze in diesem Präsidium mittlerweile seit 13 Jahren. Ich kenne die Aufgaben und die Herausforderungen“, betonte Gugelfuß bei der Pressekonferenz am Folgetag. Als „Mann aus der Branche“ und „Mann aus dem Vertriebsraum“ bringt er langjährige Erfahrung mit – auch in schwierigen Marktphasen. „Wir haben rund 5.000 fensterbauende Betriebe in Deutschland. Wir müssen schauen, dass es denen nicht so geht wie im Bäcker- oder Metzgerhandwerk“, mahnte Gugelfuß.
Der neue Präsident setzt auf bewährte Strukturen und frische Impulse: „Ich will zusammen mit der Geschäftsstelle die neuen Herausforderungen angehen.“
Herausforderungen in der Baubranche
Die aktuelle Marktlage beschreibt der neue VFF-Präsident realistisch: „Die Baugenehmigungen gehen nach oben, ja, das ist ein schönes Zeichen, aber wir kommen von einem tiefen Tal und erreichen nicht die Zahlen, die wir vor fünf, sechs Jahren hatten und gewohnt waren.“ Besonders im Neubau und bei Sanierungsprojekten zeige sich Zurückhaltung. Hinzu kämen externe Faktoren: „Jeder kleine Zinsanstieg kostet Neubaugenehmigungen“, warnte so auch VFF-Geschäftsführer Frank Lange in der Pressekonferenz. Schon 25 Basispunkte mehr durch geopolitische Spannungen könnten die positive Entwicklung wieder bremsen.
Dennoch zeigt sich der Verband optimistisch. Aktuelle Zahlen sprechen für eine Stabilisierung: Der Fenstermarkt werde in diesem Jahr mit einem Plus von 3,1 % rechnen können. Gleichzeitig wächst der VFF kontinuierlich – 2025 kamen 28 neue Mitglieder hinzu, 2026 bereits 18 weitere.
Parallel zum Präsidentenwechsel erneuert sich auch die VFF-Geschäftsstelle. Ein neuer Referent für die Geschäftsführung wurde eingestellt, der organisatorische Prozesse übernimmt und Entlastung schafft. Auch im Bereich Holz verstärkt der VFF seine Kompetenzen. Rolf Menck wurde als Betreuer des Fachkreises Holz gewonnen, um Merkblätter und technische Beratung in diesem wichtigen Segment zu stärken. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde an eine externe Agentur ausgelagert, um professionelle Sichtbarkeit zu gewährleisten. Gleichzeitig wird das Veranstaltungsprogramm ausgebaut: Express-Webinare werden erweitert, arbeitsrechtliche Seminare in Kooperation mit Partnern angeboten.
Ein Schwerpunkt der VFF-Arbeit liegt auf der digitalen Transformation. „Wir sehen, dass Interessierte heute bei Suchanfragen irgendwo landen, aber vielleicht da landen, wo wir gar nicht hinwollen“, beschrieb Lange das Problem. Konkret: Wer sich für Fenster interessiert, landet oft auf Websites von Wärmepumpenanbietern, weil diese die digitale Kommunikation besser beherrschen. Die Antwort des VFF: Eine neue, langfristig angelegte Kampagne zur Suchmaschinenoptimierung.
Politische Interessenvertretung verstärken
Für den neuen Präsidenten Gugelfuß hat die politische Arbeit höchste Priorität. „Was mir am Herzen liegt, sind sicherlich die Verbindungen zu den anderen Verbänden, insbesondere hier natürlich EuroWindoor“, betonte er. Aktuell kämpft die Branche gegen die Verschärfung der Bauproduktenverordnung: „Hinter den Kulissen sind wir schon tief in der Politik drin.“ Gemeinsam mit EuroWindoor-Generalsekretär Frank Koos und Präsidentin Verena Oberau arbeitet der VFF daran, „ein riesen Monster an Bürokratie abzuwenden oder wenigstens zu minimieren“. Auch die Verbindungen zur RTG in Berlin und zum ift in Rosenheim sollen gestärkt werden.
Der VFF hat Helmut Meeth viel zu verdanken
Der scheidende Präsident Helmut Meeth kann auf sechs erfolgreiche Jahre zurückblicken. Unter seiner Führung entwickelte sich der VFF-Jahreskongress zu einem zentralen Branchentreffpunkt mit über 400 Teilnehmern. Die Mitgliederzahl stieg auf mehr als 450 Unternehmen, neue Services wie der Fördermittelservice und der VFF-Bot wurden eingeführt. „Die sechs Jahre habe ich gar nicht so empfunden. Ich war der Meinung, es ist fast die Hälfte“, reflektierte Meeth. Besonders die Zusammenarbeit mit der Geschäftsstelle und der Fachpresse hob er hervor: „Ich hatte mit Frank und seinem Team in Frankfurt eine wirklich große Unterstützung.“
Foto: Daniel Mund / GW
Wendepunkt mit Kommunikationsauftrag
Der VFF-Jahreskongress in Göttingen markierte einen Wendepunkt: Mit Anton Gugelfuss übernimmt ein neuer Präsident die Verbandsführung und bringt sicher auch frische Impulse von innen heraus. Doch der Kongress hat auch eines deutlich aufgezeigt – die Botschaften der Branche sind offensichtlich noch nicht hinreichend oft kommuniziert worden.
Das jedenfalls konnte man meinen, wenn man den Ausführungen von Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg folgte, die funktionierende Kreislaufsysteme nicht zu kennen schien. Ähnlich verhielt es sich mit Peter Matteo von Groß & Partner Grundstücksentwicklungsgesellschaft, der trotz seiner umfassenden Erfahrungen in der Projektentwicklung die Leistungsfähigkeit der Fensterbranche immer wieder in Abrede stellte.
Offensichtlich muss man den Partnern jenseits der Branche noch offensiver zeigen, was möglich ist. Erfolgsgeschichten müssen noch besser kommuniziert werden – vor allem zu den Partnern jenseits unserer Wertschöpfungskette.