Zugegeben, der Vergleich mit dem Phönix aus der Asche ist abgedroschen – zumal es keinen Brand gab, sondern im Juni 2024 ein Jahrhunderthochwasser, das am Weru-Standort in Rudersberg ebenso verheerende Schäden in Produktionshallen und Verwaltung verursachte. Doch Weru ging nicht unter – auch wenn die Flut zugleich eine Zäsur markierte: Die Haustürenproduktion wurde nach Ostdeutschland verlagert, und zwar in bereits bestehende Weru-Werke.
Was aber wird aus dem repräsentativen Verwaltungs- und Ausstellungsgebäude, das ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen wurde? Diskutiert wurde viel: Abriss? Neubau? Umsiedlung? Schließlich setzte sich die pragmatischste Lösung durch: Die Weru-Denkfabrik und wichtiger Begegnungsort mit Fachhändlern zugleich soll in Rudersberg bleiben und wiederaufgebaut werden, schöner und zweckmäßiger denn je. Schließlich haben sich rund um diese kleine Stadt nördlich von Stuttgart mittlerweile viele Weru-Mitarbeiter angesiedelt. Und die meisten Weru-Kunden verorten den großen Fensterbauer mit langer Tradition ebenfalls hier. Entstehen soll hier jetzt ein „Forum“ – ein Ort der Begegnung und der Inspiration auf mehr als 1.000 m². Fachhandelspartner sollen ab 2027 Produkte erleben, Ideen entwickeln und die Marke hautnah spüren können. Das Forum soll darüber hinaus als Plattform für Schulungen, fachlichen Austausch und die gezielte Unterstützung der Weru-Partner dienen. „Wir wollen nahbar sein“, betont Tobias Pfoh.
Doch die Neuaufstellung geht weit über bauliche Veränderungen hinaus. Geschäftsführer Tobias Pfoh hat Weru in den vergangenen Monaten auch strukturell neu aufgestellt. Dabei agiert er klar als Teamplayer. Der Wert jedes Einzelnen steht im Vordergrund, Gestaltungswille zählt, der Ton ist freundschaftlich und zuvorkommend. Diesen Eindruck gewinnt man auch bei einem Besuch in seiner „Männer-WG“, wie Pfoh das aktuelle Provisorium in der vierten Etage der Verwaltung augenzwinkernd nennt.
Trotz der gewaltigen baulichen und strukturellen Umwälzungen sind die Ambitionen alles andere als bescheiden. Weru will bis 2030 deutlich stärker wachsen als der Markt, eine Größenordnung von mehr als einem Umsatzdrittel hält Pfoh unter günstigen Voraussetzungen für erreichbar.
Ob der neue Geist durch die Konzernmutter Dovista bewusst herbeigeführt wurde oder auf das neue Führungsteam rund um Pfoh zurückzuführen ist, sei dahingestellt. Wichtig ist: Weru befindet sich bereits heute auf einem klar positiven Kurs. Die erfreuliche Geschäftsentwicklung im laufenden Jahr bestätigt die eingeschlagene Richtung. Gleichzeitig schafft das Unternehmen die Voraussetzungen für weiteres nachhaltiges Wachstum – dazu später mehr.
Henle kommt, Schlümer bleibt
Zu den personellen Weichenstellungen gehört auch die Position des Vertriebsleiters. Mike Henle, der zuvor beim Sanitärspezialisten Duravit tätig war, hat im Februar 2026 die Verantwortung für den deutschen Fachhandelsvertrieb übernommen. Bernd Schlümer, der diese Position 14 Jahre lang innehatte, ist in eine strategische Rolle gewechselt und konzentriert sich mehr auf Exportmärkte und die Geschäftsentwicklung.
„Mit seiner Branchenexpertise und seinem klaren Fokus auf partnerschaftliche Zusammenarbeit bringt Mike beste Voraussetzungen mit“, so Pfoh über die Neubesetzung der deutschen Vertriebsspitze. Im Austausch mit der Redaktion zieht Henle überraschende Parallelen zur Sanitärbranche – benennt aber auch klare Unterschiede. „Vieles ist ähnlich – beispielsweise die Herausforderungen der Handwerker. Es fehle an Montagekapazität, Fachpersonal im Verkauf sei schwer zu finden – diese Herausforderungen kenne er aus beiden Branchen. Henle zeigt sich beeindruckt von der Loyalität der Weru-Kunden. „Wir haben Betriebe, die seit Jahrzehnten, manche sogar seit einem halben Jahrhundert, mit Weru zusammenarbeiten“, erzählt er. „Da gibt es eine Vertrauensbasis, die man nicht kaufen kann.“
Ein zentraler Baustein der Neuaufstellung ist die Digitalisierung. Man arbeite mit Hochdruck an einer neuen Version seiner WOT-Software (Weru On Top) – seit 20 Jahren das Herzstück der digitalen Kundenbeziehungen. „Über 95 % aller Bestellungen laufen online“, so Pfoh – eine bemerkenswert hohe Quote. Die neue Version soll noch offener und benutzerfreundlicher sein. Geplant sind darüber hinaus die E-Rechnungsfähigkeit sowie KI-gestützte Funktionen. Pfoh: „Kunden sollen einen echten Mehrwert spüren.“
Händlernetzwerk strategisch ausbauen
Das Herzstück der Weru-Strategie bleibt der Fachhandel. Mehr als 900 Betriebe gehören zum bundesweiten Netzwerk. Regional ist das Netz allerdings unterschiedlich dicht geknüpft. „Unseren Vertriebsschwerpunkt kann man sich geografisch wie eine Banane vorstellen, die sich längs über das Land erstreckt“, erklärt Vertriebsexperte Bernd Schlümer. In vielen Regionen sei Weru stark vertreten, in einigen Gebieten und Großstädten gebe es aber noch Potenzial.
Pfoh betont, dass die Wachstumsstrategie nicht zulasten des bestehenden Kundennetzes gehen werde. Weru möchte das Netz dort ergänzen, wo es sinnvoll ist – ohne langjährige Händler in ihrer Marktposition zu beschneiden. Im Gegenteil: Das Unternehmen setzt darauf, die bestehenden Partner enger einzubinden und das Netzwerk zu einer echten Gemeinschaft weiterzuentwickeln. Pfoh spricht dabei bewusst von einer „Weru-Familie“. Geplant sind weitere Angebote, die den fachlichen Austausch unter den Händlern fördern und zugleich die Zusammenarbeit sowie den Zusammenhalt innerhalb des Weru-Netzwerks stärken. Neue Partner will Weru vor allem durch Qualität und eine verlässliche Lieferperformance überzeugen. Dass man als Lieferant im Premiumsegment hohen Erwartungen gerecht werden müsse, liege in der Natur der Sache. „Der Kunde erwartet zu Recht eine schnelle Reaktionszeit und perfekte Qualität – da legen wir uns selbst höchste Maßstäbe an“, so Pfoh.
Weru misst dazu regelmäßig die Zufriedenheit seiner Fachhandelspartner. „Die Ergebnisse fließen direkt in Maßnahmen ein“, so Pfoh. „Wenn die Erreichbarkeit also schlechter bewertet wird, kümmern wir uns sofort um die Telefonsoftware oder das Personal.“ Um sich nicht zu verzetteln, werden Projekte und Themen konsequent priorisiert. „Es geht uns darum: Was bewegt wirklich den Umsatz? Was ist unser Kerngeschäft?“ Die Antwort ist eindeutig: Zunächst wird die bestehende Händlerbasis weiter stabilisiert – und von dieser soliden Position aus soll gezieltes Wachstum entstehen. Darüber hinaus plant Weru unter dem Arbeitstitel „Services on Top“ ein neues Leistungskonzept. Darunter können exklusive Zusatzleistungen und besonders schnelle Lieferzeiten verstanden werden.
Verschiedene Kanäle, klare Trennung
Mit Weru und der Dovista-Gruppe bediene man bewusst verschiedene Geschäftsfelder und Vertriebskanäle, ohne dass dies dem Premiumanspruch von Weru schade. „Wir organisieren uns nach Kanälen: Fachhandel, DIY, Export, E-Commerce“, so Pfoh, der bei Dovista als Vice President Commercial Germany auch die übergeordnete Kanalstruktur verantwortet. Die klare Kanaltrennung ermöglicht es, verschiedene Marktsegmente zu erschließen, ohne die Positionierung der Marke zu verwässern. Pfoh: „Jeder Euro, der in anderen Kanälen verdient werde, fließe auch in die Weiterentwicklung der Marke Weru.“ Der Fachhandel profitiert also indirekt von der Diversifikation, während seine exklusive Stellung als Weru-Partner unangetastet bleibt. Als Teil der international agierenden Dovista-Gruppe profitiert Weru in verschiedenen Bereichen von einem starken Netzwerk, umfassender Kompetenz und gemeinsamen Ressourcen. Diese Konzernzugehörigkeit schaffe Stabilität und unterstütze die nachhaltige Weru-Weiterentwicklung.
Export als weiteres Wachstumsfeld
Neben Deutschland will Weru auch international wachsen. In den Niederlanden arbeiten bereits über 20 Händler mit Weru, die laut Pfoh „extrem hochwertige“ Geschäfte generieren. In Spanien setze man auf Architekturberatung und Objektgeschäft – mit wachsendem Erfolg. Neben den Dovista-Marken 4B und Egokiefer, welche in der Schweiz Marktführer sind, ist auch die Marke Weru mit ihrem Premium PVC-Sortiment in der Schweiz aktiv vertreten.
Auch investiere man kontinuierlich in neue Produkte. Im Mittelpunkt stünden dabei Lösungen, die Weru, seine Fachbetriebe und deren Kunden langfristig stärken. Was den Haustürenbereich angeht, wolle man den Umsatzanteil ausbauen: „Der Türenbereich hat bei Weru traditionell einen hohen Stellenwert und soll künftig wieder stärker in den Fokus rücken. Die neue IT-Plattform schafft dafür eine wichtige Grundlage.“
Zum Gesprächsabschluss richtet Pfoh den Blick nach vorn: Weru werde die Position im gehobenen PVC-Segment nachhaltig stärken und das Fachhändlernetzwerk in Deutschland deutlich ausbauen. „Wir sehen im Markt erhebliches Potenzial und verfügen mit der Dovista Gruppe über die Stärke und die Voraussetzungen, dieses konsequent zu erschließen“.
Die Botschaft an den Fachhandel ist damit klar formuliert: Wer mit Weru beziehungsweise Dovista arbeitet, bekommt den Rückenwind, den er braucht: schnelle Reaktionszeiten, hohe Qualität, digitale Tools und einen Partner, der auch in schwierigen Zeiten zuverlässig bleibt. Pfoh: „Wir sind bereit für die nächste Wachstumsphase.“
Foto: Weru
Foto: Weru
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Dänische Führungskultur
Die dänische Konzernmutter Dovista praktiziert eine dezentrale Führungsphilosophie. „Dovista setzt klare wirtschaftliche Leitplanken, greift aber nicht in jede operative Entscheidung ein“, beschreibt Tobias Pfoh die Zusammenarbeit. „Das schafft mehr unternehmerischen Spielraum, als man in einem Konzern vielleicht erwarten würde.“ Diese Freiheit zeigt sich im Alltag: Strategische Entscheidungen werden im Team getroffen, die Budgetplanung erfolgt eigenverantwortlich. Sogar die Markenführung liegt in deutscher Hand – ein hoher Vertrauensbeweis. Beeindruckend auch der Ansatz, dass der Konzern einen großen Teil seiner Gewinne für soziale Einrichtungen spendet. Pfoh: „Das gehört zur Kultur. Man macht es, weil man es gerne macht, nicht weil man damit prahlen will.“www.weru.com
Weru im Zeitstrahl
- 1843 eröffnet der Handwerker Christian Friedrich Eppensteiner in Rudersberg bei Stuttgart eine kleine Werkstatt für den Einbau von Fenstern mit Glas. Der Name Weru ist ein Akronym von „Willy Eppensteiner, Rudersberg“ – Willy Eppensteiner leitete den Betrieb ab 1935.
- 1960er/70er Jahre: Aufbau der Marke Weru durch intensive Endverbraucherwerbung, hohe Markenbekanntheit in Deutschland
- 1980er/90er Jahre: Expansion des Fachhandelsnetzwerks, Etablierung als Premiummarke im gehobenen Preissegment
- 2010er Jahre: Verschiedene Eigentümerwechsel, Finanzinvestoren prägen das Unternehmen
- 2021: Übernahme durch die Dovista-Gruppe (VKR Holding)
- 2024: Jahrhunderthochwasser zerstört Produktion und Verwaltungsgebäude in Rudersberg
- 2025: Neue Geschäftsführung unter Tobias Pfoh, strategische Neuausrichtung
- 2026: Führungswechsel im Vertrieb: Mike Henle übernimmt Fachhandelsverantwortung, Bernd Schlümer wechselt in strategische Rolle
- Anfang 2027: Geplante Wiedereröffnung der Ausstellung als „Forum“ in Rudersberg
Die Gesprächspartner
Tobias Pfoh ist seit Mai 2025 Geschäftsführer der Weru GmbH und verantwortet als Vice President Commercial Germany das Deutschlandgeschäft der Dovista-Gruppe für die Marken Weru und Dobroplast. Der 40-Jährige verfügt über umfassende Führungserfahrung in der Bauzulieferindustrie und war zuvor in leitenden Positionen im Sanitärbereich tätig. Pfoh treibt die strategische Neuausrichtung von Weru voran und setzt dabei konsequent auf digitale Innovation und Fachhandelsorientierung.
Mike Henle übernahm im Februar die Leitung des deutschen Fachhandelsvertriebs bei Weru. Der Vertriebsexperte kam vom Sanitärspezialisten Duravit nach Rudersberg und bringt umfangreiche Erfahrung in der Führung mehrstufiger Vertriebsstrukturen mit. Henle konzentriert sich auf den Ausbau des Händlernetzwerks und die Vertiefung der Partnerbeziehungen.
Bernd Schlümer prägte 14 Jahre lang den Fachhandelsvertrieb von Weru und wechselte 2025 in eine strategische Rolle. Er verantwortet nun die strategischen Exportmärkte sowie übergreifende Projekte zur Weiterentwicklung der Weru-Organisation. Schlümer begleitet den Übergang und sorgt für einen reibungslosen Wissenstransfer.
Nadine Tennhardt leitet als Marketingmanagerin die Kommunikation und Markenführung von Weru. Sie koordiniert die Neuausrichtung der Marketingaktivitäten und ist maßgeblich an der Entwicklung der neuen Ausstellungskonzepte beteiligt.