Das kennt jeder Fenstermonteur und jeder Glaser, man kommt auf die Baustelle und sieht erst einmal wenig. Die Scheiben sind so verschmutzt, dass sich darunter nichts beurteilen lässt. Also wird eingewaschen, ein paar Farbspritzer abgenommen, dann der erste Zug mit dem Abzieher.
Und da ist er. Ein Kratzer, quer über die frisch abgezogene Fläche. Bis vor zwei Minuten konnte ihn niemand sehen. Jetzt ist er da, die Reinigung ist als Letzte im Objekt, und ab hier beginnt ein Gespräch, das alle Beteiligten kennen.
Auf jeder Baustelle gibt es genau einen, der es war. Angetroffen wurde er noch nie.
Was ist jetzt zu tun? Zuerst ein Foto machen, dann ein nüchterner Blick. Denn Kratzer sind nicht anonym. Sie haben Form, Richtung und Tiefe, und daraus lässt sich oft ablesen, wodurch sie entstanden sind.
Besonders häufig gerät dabei der Glashobel unter Verdacht. Doch ob eine Klinge tatsächlich einen Kratzer verursacht, hängt von mehreren Faktoren ab. Eine entscheidende Rolle spielt die Härte der beteiligten Materialien.
Warum die Klinge fast nie allein schuld ist
Ewgeni Jussufov
Die Mohssche Härteskala ordnet Materialien danach, welches Material welches ritzt, von 1 für Talk bis 10 für Diamant. Die Regel: Weicheres kann Härteres nicht ritzen.
Fensterglas liegt etwa bei einer Härte von 5 bis 6. Gehärteter Stahl, aus dem die Klinge eines Glashobels besteht, liegt in derselben Größenordnung, meist bei rund 6. Zwei Materialien auf ähnlicher Stufe richten aneinander wenig aus.
Nebenbei: Auf einer Baustelle verorten sich die meisten Anwesenden auf dieser Skala im Bereich zwischen Korund und Diamant. Gemessen wurde das noch nie. Quarz liegt bei 7.
Quarz ist der Hauptbestandteil von gewöhnlichem Sand, und Sand ist auf einer Baustelle keine Ausnahme, sondern Grundausstattung. Er hängt im Mörtelstaub, sitzt in der Fuge, liegt auf dem Rahmen. Damit ist das Korn härter als die Scheibe und härter als die Klinge, die darüber geführt wird.
Der Bundesverband Flachglas hält in seinem Merkblatt zur Glasreinigung fest, dass ein Glasschaber für ganze Glasflächen nicht zulässig ist. Punktuell geführt bleibt er ein reguläres Werkzeug. Über die volle Fläche gezogen, vervielfacht sich die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo ein Korn mitläuft.
GW / KI generiertes Bilde
Neben den mitgeführten Schmutzpartikeln gibt es weitere Risiken bei der Anwendung der Klinge.
Zu wenig Reinigungslösung, eine beschädigte Schneide oder Rost können dazu führen, dass die Klinge beziehungsweise die mit ihr bewegten Partikel die Glasoberfläche beschädigen. Besonders tückisch ist, dass die Folgen nicht immer unmittelbar erkennbar sind. Je nach Lichteinfall bleiben feine Kratzer zunächst unbemerkt und werden erst bei einer späteren Reinigung sichtbar.
Umso wichtiger sind eine geeignete Werkzeugauswahl und ein sorgfältiger Umgang mit dem Glashobel. Drei typische Fehler zeigt der folgende Infokasten.
Glashobel: Drei Fehler, die Kratzer verursachen
1. Zu wenig Reinigungslösung: Der Einsatz von Flüssigkeitsfilm ist kein Komfort, sondern Teil des Verfahrens: Er schwemmt gelöste Partikel vor der Schneide weg. Auf einer trocken oder nur nebelfeucht bearbeiteten Scheibe fehlt er, alles bleibt liegen, und die Klinge läuft direkt darüber. Wer den Hobel ansetzt, bevor die Fläche satt eingewaschen ist, spart Wasser und bezahlt mit Glas.
2. Eine beschädigte oder abgeknickte Schneide: Eine intakte Klinge verteilt den Druck auf die ganze Kante. Ist sie schartig oder umgebogen, konzentriert sich derselbe Druck auf wenige Punkte. Beschädigte Schneiden dürfen deshalb nicht weiterverwendet werden.
3. Rost an der Klinge: Eine angerostete Klinge kann abrasive Partikel mitführen. Die Oxidschicht ist rau, kann sich lösen und zwischen Schneide und Glas gelangen. Rost ist Schleifpapier mit Eigeninitiative. Eine Klinge mit Flugrost gehört deshalb nicht nachgeschliffen, sondern in den Abfall.
Ewgeni Jussufov
In Teil 2 der Serie zeigen wir vier typische Kratzerbilder und erklären, wie sie sich unterscheiden lassen. Außerdem geht es um die Frage, woran Glaskorrosion zu erkennen ist und wie sie sich von mechanischen Beschädigungen unterscheidet.
Über den Autor: Ewgeni Jussufov ist Gebäudereinigermeister und Bachelor Professional. Gemeinsam mit Christiane Jussufov führt Er die G+C Facility GmbH in Berlin, einen Meisterbetrieb mit rund 60 Beschäftigten,spezialisiert auf Büroreinigung, Unterhaltsreinigung und Gebäudereinigung. Zu den Leistungen gehört die Glasreinigung in Bürogebäuden und anderen Gewerbeobjekten, einschließlich Bauschlussreinigung.