Zwei Tage voller Austausch, Ideen und klarer Botschaften prägten den Glaskongress 2026. Sehr offen wurde dort über die schwierige Lage gesprochen und gleichzeitig wurde für Zuversicht plädiert. Zur Eröffnung fand Hans-Joachim Arnold, Vorstandsvorsitzender des Bundesverband Flachglas (BF), deutliche Worte. Die Lage der Branche sei angespannt, die Unsicherheiten groß. Vor allem der stockende Wohnungsbau bereitet Sorgen. „Momentan läuft es nicht gut. Es fehlen Hunderttausende an Wohnungen, warum wird hier nichts getan?“
Gleichzeitig unterstrich er, dass Resignation keine Option ist. Vielmehr gehe es darum, trotz widriger Umstände neue Perspektiven zu entwickeln. Die Glasbranche habe sich bereits vor Jahren auf den Weg gemacht, hin zu mehr Nachhaltigkeit, effizienteren Prozessen und innovativen Produkten. „Das ist ein guter Weg, der viele Chancen bietet“, so Arnold. Dabei stehen Themen wie Recycling, Dünnglas und neue Generationen von Isolierglas im Fokus. Die Frage sei nicht mehr, ob sich die Branche verändern muss, sondern wie schnell und konsequent sie es tut.
Eine leichte Hoffnung sieht Arnold in steigenden Bauzulassungen. Doch deren Wirkung werde sich frühestens im Jahr 2027 entfalten. Umso wichtiger sei jetzt ein stabiles politisches Umfeld. „Wir brauchen Verlässlichkeit vonseiten der Politik. Es hilft uns nicht, wenn heute eine Richtung vorgegeben wird und morgen eine andere.“
Sein Appell an die Branche: mehr Zusammenhalt, mehr Solidarität und der Mut, gemeinsam neue Wege zu gehen.
Einen Blick auf die Zukunft warf Kriminal- und Geheimdienstanalyst Mark T. Hofmann. Während viele Diskussionen rund um künstliche Intelligenz (KI) von Chancen geprägt sind, lenkte er den Fokus auf die Risiken. Seine zentrale Botschaft: KI ist kein neutraler Akteur. Sie spiegelt die Daten wider, mit denen sie trainiert wurde, und diese stammen häufig aus unkontrollierten, verzerrten Quellen. Weiter machte Hofmann deutlich, wie stark KI bereits heute die Cyberkriminalität verändert. Angriffe werden professioneller, schneller und schwerer zu erkennen, eine Entwicklung, die Unternehmen aller Größen betrifft.
Besonders kritisch: In rund 90 Prozent der Fälle ist der Mensch die größte Schwachstelle. Hofmann plädierte: „Cybersicherheit darf nicht delegiert werden, sie muss zur Chefsache werden. Klare Regeln, Schulungen, technische Schutzmaßnahmen und Prinzipien wie Zwei-Faktor-Authentifizierung und definierte Rückrufmechanismen können entscheidenden Schutz bieten.“
Daten statt Hype: KI in der Praxis
Wie sich KI konkret in der Glasindustrie einsetzen lässt, zeigte Dr. Jan Schäpers, CEO von Hegla-Hanic. Seine klare Botschaft: Das größte Problem ist nicht die Technik, sondern die Datenbasis. Viele Betriebe arbeiten mit fragmentierten, unzureichend gepflegten Daten, das ist keine gute Ausgangslage für den effektiven Einsatz von KI.
Statt großer Visionen empfiehlt Jan Schäpers einen pragmatischen Einstieg: einige, ganz klar definierte Anwendungsfälle, etwa in der Angebotskalkulation oder Qualitätssicherung. Dabei kann KI vor allem Routineaufgaben beschleunigen, Muster erkennen und entsprechend Entscheidungsgrundlagen verbessern.
Hier ist der Mensch besser als KI?
„Während KI vor allem analytische und repetitive Aufgaben übernimmt, bleibt Kreativität eine zutiefst menschliche Stärke“, betonte die Zukunftsforscherin Imke Keicher. „Kreativität ist keine ‚weiche’ Fähigkeit, sondern ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.“ Kreativität entstehe durch Intuition, Erfahrung und Emotion und brauche Raum. Betriebe seien daher gefordert, Strukturen zu schaffen, die kreatives Denken ermöglichten. Das bedeute auch, Perfektionismus zu hinterfragen und bewusst Freiräume zu schaffen. Gerade im Wettbewerb um junge Talente spiele das künftig eine zentrale und entscheidende Rolle.
Die Branche am Wendepunkt?
Prof. Dr. Winfried Heusler vom ift Rosenheim ordnete die aktuellen Entwicklungen in einen größeren Zusammenhang ein. Die Glasbranche stehe an einem Wendepunkt: Ökologische Anforderungen, geopolitische Unsicherheiten und technologische Umbrüche wirkten gleichzeitig und verstärkten den Transformationsdruck.
Dabei machte Heusler klar, dass Wettbewerbsfähigkeit und Klimaneutralität keine Gegensätze seien – sie müssten zusammen gedacht werden. Als zentrale Erfolgsfaktoren nannte er Zirkularität, Digitalisierung und Effektivität. Besonders die Digitalisierung eröffne neue Möglichkeiten, etwa durch vernetzte Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Vor einem häufigen Denkfehler warnte Heusler allerdings ausdrücklich:
„Es geht nicht darum, Dinge schneller zu tun – sondern die richtigen Dinge zu tun.“
Ein weiteres zentrales Thema des Kongresses war die nachhaltige Nutzung von Flachglas. Prof. Dr. Martien Teich von der Hochschule München zeigte eindrucksvoll, welches Potenzial im Gebäudebestand steckt: Allein in Deutschland existieren rund 168 Mio. Fenster mit veraltetem Isolierglas. Mehr als ein Viertel davon gilt als sanierungsbedürftig. Diese Zahlen machen deutlich: Der Bestand ist nicht nur ein Problem, sondern bietet Chancen – Stichwort Re-Use der Gläser.
Neben klassischem Recycling gewinnt das sogenannte Remanufacturing an Bedeutung. Dabei werden bestehende Isoliergläser zerlegt, aufbereitet und zu neuen, leistungsfähigeren Einheiten kombiniert. Der Vorteil: Bis zu 50 Prozent CO₂ können im Vergleich zur Neuproduktion eingespart werden. Doch der Weg dorthin ist komplex. Es braucht strukturierte Prozesse, funktionierende Logistik, klare Qualitätsstandards und vor allem: funktionierende Märkte.
Ein Blick in die Niederlande oder nach Dänemark zeigt, dass genau das möglich ist. Denn dort werden solche Gläser gezielt gesammelt und wieder neu genutzt.
BF Nachhaltigkeitspreis 2026
Beim GlasKongress 2026 wurden insgesamt vier Unternehmen prämiert, zwei in der Kategorie Produktion und zwei mit Sonderpreisen. So punktete Hegla mit der Anlagentechnik IG2Pieces: Sie trennt End-of-Life- oder defekte Isoliergläser vollautomatisch in Glas und Abstandhalter. Das Verfahren macht die Gläser sortenrein für Reparatur, Re-Use oder Recycling nutzbar.
Lisec wurde für das System IGD-A ausgezeichnet. Damit lassen sich Isoliergläser zerstörungsfrei mittels Roboter und einem patentierten Oszillationstrennungsprinzip zerlegen.
Swisspacer erhielt eine Auszeichnung für den Abstandhalter Ultimate | Nyxé & Re:cycling Service. Der All-Black-Abstandhalter enthält 33 % Recyclingmaterial und spart rund 20 % CO₂ ein. Der ergänzende Re:cycling Service führt Spacer-Verschnitte direkt zurück zum Hersteller.
Technoform wurde für seine No-Waste-Initiative geehrt. Spacer-Verschnitte aus Polypropylen, Edelstahl und Stahl werden sortenrein zurückgeführt, ohne Downcycling oder Verbrennung.
Optimismus als Strategie
Der GlasKongress 2026 hat gezeigt, wie groß die Herausforderungen sind, aber auch, dass die heimische Glasbranche über das Wissen, die Technologien und die Menschen verfügt, um die Herausforderungen zu meistern. Ob Kreislaufwirtschaft, Digitalisierung oder neue Materialien, die Möglichkeiten sind da. Hans-Joachim Arnold unterstrich: „Jetzt liegt es an uns, mit Mut und Klarheit die nächsten Schritte zu gehen und die Zukunft unserer Branche aktiv zu gestalten.“ Und er brachte es treffend auf den Punkt: „Es gibt keine Alternative zum Optimismus.“