GW: Der Eurocode Glas befindet sich seit Längerem in Vorbereitung. Was steckt dahinter und wie weit ist das Vorhaben aktuell, und wann ist realistisch mit einer Einführung in Deutschland zu rechnen?
Schäfer: Der Eurocode 10 (DIN EN 19100) wird die Glasbemessung auf europäischer Ebene harmonisieren. Die Normungsarbeit ist in der heißen Phase. Es wird im zuständigen Normungsausschuss (NA 005-09-25) intensiv an den zwingend notwendigen nationalen Anhängen gearbeitet. Wir rechnen mit der geplanten Veröffentlichung des EC 10 etwa um das Jahr 2027/28. Sobald er dann bauordnungsrechtlich eingeführt wird, müssen nationale Vorgängernormen wie die DIN 18008-Reihe zurückgezogen werden. Wir informieren unsere Mitglieder regelmäßig über den aktuellen Stand.
GW: Was wird sich im Vergleich zur DIN 18008 mit dem Eurocode Glas grundlegend ändern – und welche Auswirkungen erwarten Sie für die deutsche Glasbranche?
Schäfer: Der Eurocode ist der kleinste gemeinsame Nenner der europäischen Länder. Er formuliert Bemessungsregeln sehr allgemeingültig und enthält keine direkten konstruktiven Vorgaben für die Anwendung, so wie wir sie aus der DIN 18008 kennen. Außerdem teilt er auf der Widerstandsseite künftig die Eigenfestigkeit des Basisglases und den Vorspannanteil von vorgespanntem Glas auf. Ohne die oben erwähnten nationale Anhänge würde das zu einer massiven Verschärfung führen. Deshalb arbeitet der zuständige deutsche DIN-Ausschuss bereits jetzt an den nationalen Anhängen (NA) und um Lösungen, damit wir auch weiterhin unsere bewährten Konstruktionsregeln nutzen können.
Bundesverband Flachglas
GW: Prof. Ruth Kasper, mit der der BF den überarbeiteten Leitfaden gemeinsam erarbeitet hat, ist auch federführend an den europäischen Bemessungsgrundlagen für Glas beteiligt. Welche Rolle spielt der neue Leitfaden dabei, deutsche Anwender frühzeitig auf den Eurocode vorzubereiten?
Schäfer: Der Leitfaden schlägt ganz bewusst die Brücke in die Zukunft. Er greift die Methodik des Eurocodes bereits auf, um die Anwender umzugewöhnen. Das bisherige „Sicherheitskonzept" wird konzeptionell durch die „Grundsätze der Bemessung nach Grenzzuständen" ersetzt. Wir führen im Merkblatt bereits die kommenden internationalen Begriffe ein: ULS (Tragfähigkeit), SLS (Gebrauchstauglichkeit), FLS (während des Bruchs) und PFLS (Resttragfähigkeit nach dem Bruch). So weiß die Praxis schon einmal heute, wie die Statik von morgen „spricht". ULS und SLS kennen wir aber bereits seit über 15 Jahren aus der DIN 18008.
GW: Welche Empfehlung geben Sie Verarbeitern, die heute zwischen aktualisierter DIN 18008, ift-Typenstatik und dem kommenden Eurocode Glas den Überblick behalten müssen – worauf sollten sie in ihrer täglichen Praxis bei Auftragsabwicklung, Glasauswahl und Beratung besonders achten?
Schäfer: Nutzen Sie im Standardgeschäft für Mehrscheiben-Isolierglas Werkzeuge wie die ift-Typenstatik VE-15/1, um Kosten und Zeit zu sparen. Bei der Glasauswahl für sicherheitsrelevante Bauteile sollten Sie stets prüfen, ob das gelieferte Verbund-Sicherheitsglas den Nachweis nach DIN 18008-1 Anhang B.2 (Alternativ Anlage A1.2.7/2 der MVV TB) erfüllt, da dies der Schlüssel für vereinfachte Nachweise ist. Bei absturzsichernden Anlagen prüfen Sie genau die Kategorien und ob zum Beispiel ein Kantenschutz vorliegt. Das neue BF-Merkblatt 019/2015 Index 2 kann hierfür eine wichtige Hilfestellung sein.
GW: Thermisch induzierter Glasbruch sorgt oft für Streitigkeiten, weil eindeutige europäische Regelungen fehlen. Wird es hier in naher Zukunft verlässliche normative Bemessungsverfahren geben?
Schäfer: Das ist tatsächlich eine Lücke, die wir schließen wollen. Aktuell behilft sich die Branche oft mit der französischen Norm NF DTU 39 P3, was ggf. zu Überdimensionierungen – etwa dem pauschalen Einsatz von ESG – führen kann. Wir haben in der Vergangenheit Forschungsprojekte zu diesem Thema begleitet und machen das aktuell wieder. Ziel war und ist es neue Berechnungsverfahren zu entwickeln. Aktuell wird an einem Normentwurf in den europäischen CEN-Gremien gearbeitet, um die Bewertung von thermischem Stress künftig auch im Eurocode für Glas fest zu verankern. Diesen Normentwurf werden wir uns natürlich auch in unseren BF-Arbeitskreisen genau anschauen und mit unseren Mitgliedern besprechen. Uns ist dabei wichtig, dass solche Themen nicht irgendwo abstrakt in der Normung bleiben, sondern in der Praxis ankommen. Genau hier sehen wir eine zentrale Aufgabe unserer Verbandsarbeit. Wir bringen die Erfahrungen aus den Betrieben zusammen, ordnen neue Entwicklungen ein und schauen gemeinsam, was das konkret für unsere Branche bedeutet.
Die Fragen stellte Matthias Rehberger
Damit endet unser dreiteiliges Interview mit Steffen Schäfer zu den aktuellen und kommenden normativen Entwicklungen rund um die Glasbemessung. Vom neuen BF-Merkblatt 019/2015 AE2 über die überarbeitete DIN 18008 bis hin zum Eurocode Glas zeigt sich: Die Branche steht vor einem tiefgreifenden Wandel der Regelwerke – und praxisnahe Orientierungshilfen werden für Verarbeiter und Planer immer wichtiger.